Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Buch des Monats

Martin Hobek
Der Humor stirbt zu allerletzt
Eckartschrift

Selten wird am Beginn eines Buches der Autor hingerichtet – was sich als durchaus diskussionswürdig für den heutigen Literaturbetrieb erweist. Die Exekutionsszenerie ist der Botschaft Hobeks geschuldet, daß „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ nicht zutreffe und der Humor – wenn überhaupt –, dann auf jeden Fall nach der Hoffnung sterbe. Auch das Titelbild lehnt sich daran an. Man sieht die drei Grabsteine des Hütchenspielers Tino, und hinter jedem steht ein großer Humorist deutscher Zunge, prostet dem Betrachter zu und hält einen Hund in seiner Linken: Loriot mit Sektflöte und Mops („Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos.“), der mittelalterliche norddeutsche Volksschalk Till Eulenspiegel mit Bierhumpen und jenem Vierbeiner, der einem seiner Scherze zum Opfer fiel, sowie der Wiener Karl Farkas mit Weinglas und dem „Simpl“-Symbol, einem Pitbull namens Bulli. Auf den zweiten Blick hat also alles Hand und Fuß.

Weder kommentarlose Witzesammlung noch trockenes wissenschaftliches Elaborat

Das zieht sich durch die ganze Eckartschrift, die weder eine kommentarlose Witzesammlung noch ein trockenes wissenschaftliches Elaborat ist. Hobek behandelt unterschiedlichste Aspekte; er stellt die Gelotologie vor, die die Auswirkungen des Lachens auf den Menschen untersucht, geht aber auch der Frage nach, wie sehr Deutschtum und Humor zueinander passen würden. Er läßt prominente selbstkritische Stimmen zu Wort kommen, um letztlich nachzuweisen, daß es auch nördlich des Weißwurstäquators, östlich von Oder und Neiße sowie zwischen Bodensee und Genfer See Humor gibt und gab. Eine Stärke dieser Humorschrift ist das Zeitgemäße, das sie in Antiquariaten künftiger Generationen zur Fundgrube machen könnte. Da sind einerseits die Migrantenwitze, aber auch, wenn Hobek einarbeitet, was die Künstliche Intelligenz beim Googeln des Begriffes „Antek-und-Franzek-Witze“ aus Oberschlesien beisteuert: Sie leugnet deren Existenz vehement…

Der Verfasser geht auch der Frage nach, mit welchen Witzen man im Dritten Reich buchstäblich seinen Kopf riskiert habe und wie wahrscheinlich das gewesen sei. Die Nationalsozialisten sorgten auch für die eigentümliche Sparte des „lachenden Frontsoldaten“. Hobek zieht bei solchen Themen eine breite Palette von Fachliteratur heran, ohne sich zu sehr in ihr zu verlieren. Er scheut sich auch nicht, ungewöhnliche Wege einzuschlagen. Für einen „Schnellsiedekurs“ zu jüdischem Humor zieht er Friedrich Torberg heran, aber keines seiner Bücher, sondern dessen vernichtende Rezension zu Salcia Landmanns Buch über jüdische Witze, das als Standardwerk gilt. Generell darf der Leser in Sachen Neuigkeitswert hohe Erwartungen haben. Das liegt daran, daß sich Hobek nicht nur kaum bekannter Literatur bedient, sondern auch für Eigenkreationen sorgt. Im Kapitel über die Kraft des gereimten Humors „schüttelt“ er die bayrische Stadt Rosenheim und läßt die „Hosenreim-Cops“ einen Fall in Gedichtform lösen. Für Freunde der meistgesehenen Fernsehserie im deutschen Sprachraum ist dieser Cartoon ein Leckerbissen zwischendurch.     

Ansonsten sorgt Heinrich Zille für einige Illustrationen, auch außerhalb des Kapitels zu ihm, das man sich länger gewünscht hätte. Wie der Autor richtigerweise anmerkt verlangt der visuelle Sinn nicht nur nach Geschriebenem. Das „Gezeichnete Berlin“ entführt den Betrachter voller Esprit in die Zeit des wilhelminischen Deutschlands. Historische Reminiszenzen gibt es auch für Friederike Kempner, die durch ihre lyrischen Stilblüten zur Legende wurde. Man findet sie im Kapitel über unfreiwilligen Humor.

Humor ist unsterblich, Witze sind vergänglich.

Eine besonders interessante Facette stellt die Tatsache dar, daß der Humor zwar unsterblich ist, jedoch Witze – auch gute Witze – durchaus vergänglich sein können. Bei den untergehenden Witzesparten hätte man hinsichtlich eines Deutschtumbezuges zwar eher die DDR-Witze erwartet und nicht „Radio Eriwan“, aber Hobek gibt auch abseits davon ein konkretes Beispiel für einen Witz, den in wenigen Jahrzehnten keiner mehr erzählen wird und den auch niemand mehr verstehen würde. Er ersucht daher die Leserschaft bei Kenntnis solcher vom Vergessen bedrohter Witze um Zuschriften. Und er spricht sogar jene an, die Deutschbewußten mit Antipathie gegenüberstehen, und schickt ihnen in Form einer Zeichnung einen „Gruß aus der Küche“ – die perfekte Pointe zum Schluß, die hier natürlich nicht verraten wird.

Gerulf Grüner

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