Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Buch des Monats

Die Chronik Südtirol, herausgegeben vom renommierten Journalisten Reinhard Olt, hat das Potential, ein Standardwerk zu werden. Der ehemalige FAZ-Korrespondent hat hier auf die bereits 1996 erstmals erschienene, gleichnamige Chronik Südtirol zurückgegriffen, die damals vom ehemaligen NR-Abg. Otto Scrinzi herausgegeben worden war und in kaum einem Bücherschrank eines Südtirolfreundes fehlen dürfte. Darin enthalten war eine chronologische Dokumentation der „heißen Jahre“ 1959-1969, die im Freiheitskampf ab 1961 gipfelten. Diese Dokumentation wurde von zwei herausragenden Vertretern der Freiheitskämpfer, Peter Kienesberger und Univ.-Prof. Dr. med. Erhard Hartung von Hartungen, verfaßt und findet sich, im Wesentlichen unverändert, auch in der neuen Chronik. Es ist ein bewegendes Zeitdokument, das den Leser auch nach Jahrzehnten noch in seinen Bann schlägt und das langsame, unaufhaltsame Aufschaukeln der Ereignisse bis zur „Feuernacht“ von 1961 und den nachfolgenden Aktionen der Freiheitskämpfer zeigt, die, auch dies zeigt diese Dokumentation, angesichts eines unterdrückenden Staates wahrlich „alternativlos“ waren.

Stilistisch brillant führt Olt von den Anfängen des Südtirolproblems bis zur Gegenwart.

Reinhard Olt bettet diese teilweise Tag für Tag schildernde Chronologie in einen Rahmen ein, der die ganze profunde Sachkenntnis des Herausgebers zeigt. Stilistisch brillant führt Olt den Leser von den Anfängen des Südtirolproblems bis zur Gegenwart, räumt dabei fundiert und quellengesättigt einige Mythen ab, die den Südtiroler Freiheitskampf beschmutzen sollten und weist am Ende auf Gefahren hin, die sich für die Deutschen in Südtirol aus der heutigen Situation ergeben könnten. Eine Fülle von teilweise unveröffentlichten Quellen, Sitzungsprotokollen, Zeitungsartikeln, Berichten aus Geheimdienstquellen, Zeitzeugenaussagen und persönlichen Erinnerungen zeigt die komplexe Gemengelage auf, in der sich die Südtiroler zu behaupten hatten. Ost-West-Konflikt, „Strategie der Spannung“, Geheimdienste: Stellenweise wird das gewichtige Werk zum Krimi, bleibt dabei aber stets, wie der Herausgeber in seinem Vorwort betont, „dem Ringen um Wahrheitsliebe (…), der Wahrheit verpflichtet“.

Reinhard Olt geht zudem über die rein Südtiroler Perspektive hinaus und beleuchtet profund die Situation im Vaterland Österreich und die Brüche, die es dort in der österreichischen Südtirolpolitik gegeben hat. Einzelne Episoden aus der Vergangenheit, wie etwa die Verhaftung der Südtiroler Demonstranten anläßlich der KSZE-Folgekonferenz 1987 in der Wiener Hofburg, die der Verfasser dieser Zeilen, damals noch nahezu im Kindesalter, als großen Aufreger bei der Elterngeneration wahrnahm, werden spannend und anschaulich geschildert. Die oben angesprochene „Entmythologisierung“ gewisser Anschläge, wie etwa jenen auf der Porzescharte, der in der von italienischer Seite behaupteten Art und Weise gar nicht stattfinden konnte, wird unter Rückgriff auf technische Gutachten und Dokumente wissenschaftlich einwandfrei vollzogen.

Autonomie-„Gründungsmythos“ Freiheitskampf als Herzstück

Es sei abschließend noch ein Wort zum grundsätzlichen Ansatz des Herausgebers gesagt: Die Tatsache, daß nach profunder Schilderung der Vorgeschichte des Südtirolkonfliktes ab 1919 bis 1959 die von den Freiheitskämpfern Kienesberger und Hartung verfaßte chronologische Dokumentation sozusagen das „Herzstück“ des Werkes bildet, ist mit Sicherheit kein Zufall. Es ist Programm. Und zwar ein Programm, das wiederum „der Wahrheit verpflichtet“ ist: An der Wiege zum „Zweiten Autonomiestatut“, das die Grundlage der heutigen Südtirolautonomie bildet, stand nun einmal der Freiheitskampf. Ohne die Aktionen der Freiheitskämpfer hätte Italien niemals eingelenkt. Dieser Freiheitskampf kann somit als ein Gründungsmythos für die Südtirolautonomie aufgefaßt werden. Das Bemerkenswerte daran: Wo sonst haben Deutsche nach 1945 auch mit der Waffe in der Hand sich ihre Rechte gegen einen übermächtigen Unterdrückerstaat erstritten? Daß dieser Südtiroler Freiheitskampf bis heute seine Strahlkraft nicht verloren hat, bezeugen die jährlich stattfindenden Sepp-Kerschbaumer-Feiern in St. Pauls, wo Tausende, meist Jugendliche, der Freiheitskämpfer gedenken.

Insgesamt ein reich bebildertes, quellengesättigtes Kompendium der Entwicklung Südtirols seit der erzwungenen Annexion durch den italienischen Fremdstaat nach dem Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart. Eine Empfehlung für alle Freunde Südtirols und solche, die es noch werden wollen!

Florian von Ach

Reinhard Olt (Hrsg.)

Chronik Südtirol

Wegmarken, Weichenstellungen und Wendepunkte im Ringen um die Selbstbehauptung des Tiroler Landesteils an Eisack und Etsch

Stocker 2025, geb., 928 S., € 30

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