von Christian Kollmann
Ein Tirol, mehrere Landesteile und ihre Bezeichnungen
Der Südtiroler Landtag hat am 7. Mai 2025 dem von der italienischen Regierung vorgelegten Entwurf einer Reform des Autonomiestatutes zugestimmt. Die sehr wenigen Gegenstimmen kamen von den Fraktionen Süd-Tiroler Freiheit, Vita und Freie Fraktion. Kernpunkt des Reformentwurfes ist unter anderem die künftige deutsche Bezeichnung der Region, die von Autonome Region Trentino-Südtirol in Autonome Region Trentino-Südtirol/Alto Adige abgeändert werden soll. Italiens Absicht liegt auf der Hand: Man will im Deutschen eine Analogie zur italienischen Bezeichnung schaffen. Diese wurde mit der Verfassungsreform von 2001 von Regione autonoma Trentino-Alto Adige in Regione autonoma Trentino-Alto Adige/Südtirol abgeändert. Was auf den ersten Blick wie eine bloße Angleichung erscheint, bedeutet in Wirklichkeit einen Angriff auf den Minderheitenschutz.
Südtirol – Tirolo meridionale – Sudtirolo
Vor seiner Zerreißung nach dem Ersten Weltkrieg war Tirol durchaus bereits in Nord- und Süd- oder Welschtirol unterteilt, doch handelte es sich dabei vor allem um geographische, kaum um administrative Begriffe. Südtirol bezeichnete meist das Gebiet südlich des Alpenhauptkammes, teilweise einschließlich des heutigen Osttirols. Auch im Italienischen existierten Äquivalente wie Tirolo Settentrionale, Tirolo Meridionale (erstmals 1722), später Tirolo del Nord (1892) oder Sudtirolo (erstmals 1874). Die Chronologie zeigt: Die Formen mit settentrionale und meridionale sind älter, jene mit Nord und Sud jünger.
Erst Napoleon, dann Tolomei: Alto Adige kommt ins Spiel.
1810 wurde unter Napoleon ein südlicher Teil Tirols – auf der Höhe nördlich von Gargazon und südlich von Kollmann – als Dipartimento dell’Alto Adige dem Königreich Italien zugeschlagen; der nördliche Teil kam zu Bayern. 1814 wurde Tirol wiederhergestellt und kehrte zurück zu Österreich. Damit verschwand auch Napoleons Alto Adige wieder. Rund 90 Jahre später griff Ettore Tolomei den napoleonischen Begriff wieder auf und übertrug ihn auf das im Einzugsgebiet der Etsch befindliche deutsche und ladinische Tirol, das es, neben dem italienischen Tirol, aufgrund der irredentistischen Idee der „natürlichen Grenze“ am Alpenhauptkamm von Italien zu annektieren galt. So kam es dann auch nach dem Ersten Weltkrieg. Nun mußten nur noch auch in Sachen Toponomastik Fakten geschaffen werden. Unter dem Faschismus wurden 1923 die Bezeichnungen Südtirol und Tirol verboten; zulässig war im Italienischen nur noch Alto Adige und im Deutschen Oberetsch. Der Begriff Alto Adige war damit endgültig imperialistisch intendiert.
Mit dem Zweiten Autonomiestatut von 1972 kehrte Südtirol als deutsche Bezeichnung zurück, jedoch nicht Sudtirolo als italienisches Äquivalent. Dies passierte auch nicht 2001, denn statt Alto Adige im Namen der Region mit Sudtirolo zu ersetzen, wurde an den italienischen Namen Trentino-Alto Adige lediglich der deutsche Name Südtirol angehängt. Aus der Sicht Italiens wird folglich heute argumentiert, daß aus der italienischen Dreigliedrigkeit zwingend auch eine deutsche folgen müsse. Damit würde der ideologisch aufgeladene und de facto bis heute manipulative Begriff Alto Adige dauerhaft in die deutsche Amtssprache übernommen.
Gefahr für den Minderheitenschutz: Mit dem geistigen Erbe Ettore Tolomeis hat Südtirol immer weniger ein Problem.
Namen sind nicht neutral. Sie prägen Identität und politische Wahrnehmung. Wird Alto Adige künftig auch im Deutschen verpflichtend, stellt sich die Frage nach den langfristigen Folgen für das Selbstverständnis der österreichischen Minderheit. Im Gegensatz zu früher scheint das heutige offizielle Südtirol kein Problem damit zu haben, sich von Italien vorschreiben zu lassen, wie dieser Landesteil in der Sprache der autochthonen Bevölkerung zu heißen habe. Wer sich in einer so zentralen Frage dreinreden läßt, wird dies auch in anderen Bereichen des Minderheitenschutzes tun.
Eine ausführliche Analyse zum selben Thema veröffentlichte der Autor unter dem Titel Südtirol – Alto Adige – Sudtirolo. Historische, linguistische und namenspolitische Überlegungen anlässlich der Wiederbelebung des Namenstreits durch die Autonomiereform. In: Europa Ethnica 1/2 2025, S. 35-44.

Abbildung 1: Karte von Tirol in Augustin Scherers Lesebuch Geographie und Geschichte von Tirol, Innsbruck 1860. Das Land wird in Nordtirol, Südtirol (mit dem Gebiet um Lienz) und Wälschtirol unterteilt.

Abbildung 2: Amtlicher Briefkopf einer k.k. Notariatsurkunde aus Cles (Glös), 1865. Er führt die Bezeichnung Tirolo Meridionale und dokumentiert damit, daß diese Bezeichnung für den italienischen Teil Tirols auch amtlich in Gebrauch war.

Abbildung 3 (Quelle: Wikimedia Commons, Autor: Sajoch, Lizenz: CC BY-SA 3.0): Der Begriff Alto Adige wurde unter Napoleon geprägt und bezeichnete u.a. zwischen 1810 und 1814 jenen Tiroler Landesteil, der dem Königreich Italien zugeschlagen wurde und größtenteils das damalige Welschtirol umfaßte. Das von Ettore Tolomei rund 90 Jahre später wieder aufgegriffene Alto Adige sollte hingegen ein grundsätzlich anderes Gebiet bezeichnen.

Abbildung 4: Karte von 1908 mit Ettore Tolomeis Konzeption eines „Alto Adige“. Die territoriale Zielvorstellung verwirklichte sich 1919 weitgehend. Das Münstertal blieb trotz seiner Zugehörigkeit zum Etsch-Einzugsgebiet außerhalb Italiens, während mit Sexten und Innichen auch Gebiete des Drau-Einzugsgebietes an Italien gelangten. Auffällig ist zudem, daß Tirol nicht einmal nördlich des Brenners als solches, sondern als „Innsbruck“ bezeichnet wird und östlich des Toblacher Feldes die Bezeichnung „Carinzia“ erscheint.

Abbildung 5: Ausschnitt aus dem Dekret des Präfekten der Provinz Trient vom 8. August 1923. Verboten wurden die Bezeichnungen Süd-Tirol, Deutsch-Südtirol, Tirol, Tiroler sowie sämtliche Ableitungen; als zulässig galten ausschließlich Alto Adige und, vorläufig geduldet, Oberetsch sowie die Ableitung Etschländer.

Abbildung 6: Plakataktion des Südtiroler Heimatbundes im Jahr 2023 anläßlich des 100. Jahrestages der Einführung des Begriffes Alto Adige. Die darin mitschwingende faschistische Symbolik wird graphisch hervorgehoben, indem der Buchstabe „t“ durch ein Liktorenbündel dargestellt wird.

Abbildung 7: Willkommenstafel (Fotomontage), auf der in der italienischen Sprachfassung anstelle des Begriffes Alto Adige der bereits gegen Ende des 19. Jh. belegte italienische Name Sudtirolo verwendet wird.