Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Berchtesgaden

von Ronald Friedrich Schwarzer , Impresario, Waldgänger und Partisan der Schönheit

Land zwischen Bayern und Österreich

Wenn am Pfingstsonntagmorgen um vier Uhr früh die Böllerschüsse der Berchtesgadener Weihnachtsschützen die Bürgersleut’ höchst unsanft wecken, weiß kaum einer, warum. In den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts war das noch anders. Man erhob sich, ging ums Haus und betete dann kniend sieben Vaterunser um die Gaben des Heiligen Geistes. Den braucht’s heute nicht mehr, haben wir nun doch den Geist des Konziles, und der Brauch ist abgekommen.  Sein Ursprung war schon lange in Vergessenheit geraten. Als nämlich einst noch ein Fürstpropst Berchtesgaden regierte, durften seine Untertanen am Pfingstsonntag das päpstliche Privileg eines vollkommenen Ablasses zum Pfingstfest genießen, gespendet mit dem Segen des Souveränes höchstselbst, nach dem Chorgebet der Matutin, und die war eben um vier Uhr früh zu Ende.

Seit dem 12. Jh. war die Landschaft zwischen Untersberg, Watzmann und den Loferer Steinbergen unter geistlicher Herrschaft. 1156 hatte der Propst des Kollegialstiftes Berchtesgaden die Forsthoheit erlangt, die mit dem Schürf- und Salzrecht verbunden war, dem weißen Gold der Alpen. Ab 1380 Reichsprälatur erhob sie Kaiser Ferdinand I. 1559 zur Fürstpropstei mit einer Virilstimme auf der Prälatenbank im Reichstag – und das war viel!

Neben Berchtesgaden gab es bloß zwei Fürstpropsteien im Reich, Ellwangen und Weißenburg, die waren aber dem nächsten Bistum inkorporiert, während der Fürstpropst von Berchtesgaden seine rund 10.000 Untertanen vor Ort und unabhängig regierte. Nur 132 Jahre lang geriet die Fürstpropstei unter die Fuchtel der Wittelsbacher von Kurköln, um den Begehrlichkeiten des fürsterzbischöflichen Salzburger Nachbarn zu entgehen. 1723 hat es den Chorherren dann gereicht, und Julius Heinrich von Rehlingen-Radau machte sich als neuer Fürstpropst frei vom bayerischen Einfluß. Man folge nun dem Heiligen Geist und nicht mehr dem Geist des bayerischen Hofes, ließ er verlauten. Tatsächlich setzte sogleich – gewiß mit gewaltiger Verspätung – das segensreiche Wirken der Gegenreformation ein. Kirchliche Zucht und Ordnung werden im Stift wie in der Landschaft wiederhergestellt, drei neue Wallfahrtskirchen werden gebaut, und die vielleicht schönste von ihnen, Maria Himmelfahrt oberhalb von Ramsau, feiert in ihrem Deckenfresko von Innozenz Anton Warathy den Auszug der Protestanten. „Auf Fürbitte der unbefleckten Jungfrau und Mutter ist der verderbende Irrglaube hier von dieser Kirche ausgetrieben worden“, steht in lateinischer Schrift auf einer Kartusche darunter zu lesen. 1732, ein Jahr nach Salzburg, hatte der Fürstpropst das „Emigrationspatent“ erlassen und rund 1.100 Lutherische verabschiedet. Planmäßig hätten sie nach Ungarn gehen sollen, jedenfalls nicht nach Nürnberg, letzteres hatten sie auch formell zu beschwören.

Eidbrechern verdankt Nürnberg also den Aufschwung seiner Spielwarenindustrie! Denn neben dem Salzbergbau, der Holz- und Viehwirtschaft und dem ob des Klimas und der Topographie kargen Feldbau waren es vor allem die Kunsthandwerker, deren liebliche Holzprodukte bis weit hinaus ins Reich verkauft wurden. Zeitweilig lebte jeder vierte Berchtesgadener vom Schnitzen, Leimen und Färbeln. 150 Meister nebst Gesellen und Lehrlingen waren in verschiedene Zünfte aufgeteilt. Da gab es die Kleinschachtelmacher für Pillen- und Gewürzbehälter, Gadlmacher für Butterdosen, Großschachtelmacher für Hutschachteln, Filigrandrechsler, Flötenmacher und natürlich Herrgottsschnitzer, die neben Andachtsfiguren auch allerlei Spielsachen herstellten, und die fanden seit je in Nürnberg reißenden Absatz. Was auf der „Kraxen“ über die Berge ins Reich getragen wurde, war zollfrei, und die Berchtesgadener Hausierer zogen bis weit nach Preußen und Ungarn.

Der berühmteste von ihnen war wohl Anton Adner. Mit 113 Jahren marschierte er noch nach München, um sich als „Apostel“ vom bayerischen König bei der Gründonnerstagszeremonie die Füße waschen zu lassen. Von nun an kümmerte sich König Maximilian persönlich um ihn und setzte ihm eine Rente aus. 117jährig ist er dann 1822 gestorben, die unabhängige Fürstpropstei schon 19 Jahre zuvor. 1803 war sie gemeinsam mit Salzburg dem Reichsdeputationshauptbeschiß – pardon, dem Reichsdeputationshauptschluß – zum Opfer gefallen und zeitweilig mit dem neuen Kurfürstentum Salzburg vereinigt. Das ging als Entschädigung an den kürzlich abgesetzten Großherzog der Toskana, Ferdinand III., 1805 dann als Herzogtum an Österreich, und so gehörte Berchtesgaden auch eine Zeit lang zu Habsburgs Landen. 1809 war es dann für ein Jahr französisch, bis es Bayern endgültig schluckte. So ganz verdaut hat es Berchtesgaden bis heute nicht, sagte doch einst Franz Josef Strauß: „So wie Bayern in Deutschland liegt, liegt Berchtesgaden in Bayern.“ Man hat sich hier den Stolz auf das Eigene bewahrt. Auch im Dialekt zeigt sich die besondere Identität der Berchtesgadener. Wärend man draußen, in Bad Reichenhall, „Muich“ zur Milch sagt, heißt es hier „Mili“, „spuin“ ist „spien“, und das bayerische „vui“ nennt man hier „vie“. Salzburg ist halt doch viel näher als München, und mit der dortigen Schwabinger Schickeria kann man hier rein gar nichts anfangen.

Wie ein skandinavischer Fjord zwängt sich der Königssee langgestreckt zwischen das Watzmannmassiv und das Hagengebirge. Mit dem bayerischen König von Napoleons Gnaden hat sein Name nichts zu tun. Die Gelehrten sind sich nicht einig, ob die Bezeichnung vom keltischen Ausdruck „Kunisa“ für klares Gewässer oder von Kuno von Horburg stammt, auf den die „Basilica Chunigesse“ zurückgeht, das Bartholomäuskirchlein, geweiht am Bartholomäustag, dem 24. August 1134. Das heutige Gotteshaus aus dem Barock ist eine Miniaturausgabe des Salzburger Doms und gewiß das beliebteste Photomotiv des Berchtesgadener Landes. Bequem gelangt man an den Felswänden vorbei nur mit dem Schiff nach St.  Bartholomä, und das fährt schon seit 1909 elektrisch. Da wußte man noch nichts von der Klimakatastrophe – das Wild sollte nicht verscheucht werden. Schon die Fürstpröpste liebten dieses Jagdrevier und errichteten gleich neben der Kirche ein Jagdschloß, so abgelegen, daß es auch für  kurze Zeit zum Rückzugsort des letzten bayerischen Königs wurde.

Am 7. November 1918 war Ludwig III. noch seelenruhig im Englischen Garten in München spazierengegangen, als eine von den Kommunisten gekaperte Friedensdemonstration auszuarten drohte. Ein Arbeiter war es schließlich, charakteristischerweise kein Minister oder vertrauter Berater, der ihn warnte: „Majestät, gengan S’ hoam und bleiben S’ in der Residenz, sonst passiert Ihnen was, d’Revolution is ausbrocha!“. Noch in der Nacht auf den 8. November begab sich die königliche Familie mit unbeleuchteten Kutschen in halsbrecherischer Fahrt zum Chiemsee, am 12. November entband der Monarch, kurz beim Grafen Moy in Schloß Anif in Österreich untergekommen, Beamte und Militär von ihrer Eidespflicht, weigerte sich aber standhaft zurückzutreten. Am 13. November erreichte er endlich das Jagdschloß bei St. Bartholomä und blieb zwei Wochen.

Vielleicht wäre alles anders gekommen, wäre Erzherzog Thronfolger Franz Ferdinand nicht am 27. August 1913 auf die Pirsch gegangen. Der Hohe Göll, gerade hier zwischen Berchtesgaden und Golling im Salzburgischen gelegen, war sein bevorzugtes Gamsrevier. Einen Felsen hatte er wegsprengen lassen, um freie Schußbahn zu haben und einmal erlegte der vielleicht beste Schütze seiner Zeit in einer Stunde hier 54 Gemsen. An jenem vermaledeiten Tag im August stieg der Erzherzog fröhlich vom Blunautal auf, und dann stand sie da, die weiße Gams. Der Waidmann konnte nicht widerstehen, und über Kimme und Korn nahm er sie ins Visier. Den gläubigen Katholiken focht jagdlicher Aberglaube nicht an. Dabei, vielleicht ist doch was dran an den Tabus der Ahnen? Die weiße Gams steht heute ausgestopft im Salzburger Haus der Natur. Der Thronfolger liegt begraben zu Artstetten – und mit ihm die ganze schöne Welt von gestern.

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