Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Über das Schöne bei Kant

von Caroline Sommerfeld

„Futternde Irokesen auf den Champs Elysées“

Wer sich Gedanken darüber macht, ob auch moderne Kunst schön sein könne, muß wissen, was „schön“ bedeutet. Immanuel Kant hat in seiner berühmten Kritik der Urteilskraft (1793) das Schöne umfassend erörtert. Hierbei argumentiert er vor allem ex negativo: Was ist das Schöne nicht? Womit darf es nicht verwechselt werden? Diese Abgrenzungsstrategie ist meines Erachtens solange zielführend, wie er Verwechslungsmöglichkeiten namhaft macht, verrät hingegen seine eigene subjektphilosophische Position, wenn er jegliche objektive Schönheit eines Gegenstandes ausschließt.

Interesselosigkeit und Verallgemeinerbarkeit, Zweck und Vollkommenheit als Kriterien

„Wenn mich jemand fragt, ob ich den Palast, den ich vor mir sehe, schön fände, so mag ich zwar sagen: Ich liebe dergleichen Dinge nicht, die bloß für das Angaffen gemacht sind, oder wie jener irokesische Sachen, ihm gefalle in Paris nichts besser als die Garküchen (…)“, meint Kant, mische sich in das Urteil ein Interesse am betrachteten Gegenstand. Wer „für die Existenz einer Sache eingenommen“ sei, wer zum Beispiel den Palast gern bewohnen würde, der verfehle das Thema. Wenn der Irokese nur futtern wolle und kein Auge für die Schönheit der Champs Elysées habe, fehlt ihm das „interesselose Wohlgefallen“, das ein ästhetisches Urteil kennzeichnet. Etwas ist schön, wenn es ohne Interesse gefällt, konstatiert Kant. Nun könnte jemand allerdings rein persönlich, aus seinen Gefühlen oder Perversionen heraus, etwas für schön halten, das niemand anders schön findet. Einer meiner Söhne sah als Erstkläßler in der Straßenbahn einen Punk, der auf seinen Fingerknöcheln die Buchstaben HASS eintätowiert hatte. Er entzifferte sie und stellte dann kenntnisreich fest: „Das findet der Mann schön.“ Kant würde entgegnen: Nein, das ist unmöglich, man muß beim Schönfinden „glauben, Grund zu haben, jedermann ein ähnliches Wohlgefallen zuzumuten“. Das Schöne ist also etwas, das als Gegenstand eines allgemeinen Wohlgefallens vorgestellt wird. Wer etwas schön findet, muß dabei „jedermann ansinnen“ können, dieselbe Erscheinung schön zu finden. Auch wer nur einer oder einem ausgewählten Kreis anderer Personen die vermeintliche Schönheit zum Beispiel seines nackten Körpers ansinnen will, verfehlt den Begriff der Schönheit.

Weiters ist für Kant aus dem Begriff des Schönen der Zweck auszuschließen. Hierbei handele es sich nicht um, das bereits ausgeschlossene Interesse, denn ein Interesse sei immer subjektiv, während der Zweck eines Gebäudes, Artefaktes oder bestimmten Menschen immer objektiv sei. Sehr hübsch formuliert er: „Man würde vieles unmittelbar in der Anschauung Gefallende an einem Gebäude anbringen können, wenn es nur nicht eine Kirche sein sollte; eine Gestalt mit allerlei Schnörkeln und leichten, doch regelmäßigen Zügen, wie die Neuseeländer mit ihrem tätowieren tun, verschönern können, wenn es nur nicht ein Mensch wäre; und dieser könnte viel feinere Züge und einen gefälligeren, sanfteren Umriß der Gesichtsbildung haben, wenn er nur nicht einen Mann, oder gar einen kriegerischen, vorstellen sollte.“ Liegt dieses eindeutige Urteil daran, daß der Zweck das objektive Kriterium für das Schöne ist? Kant ist damit nicht zufrieden, denn ein Zweckurteil wäre nicht „rein“, d.h. nicht wirklich objektiv, denn immer mische sich das hinein, was er – der Ausdruck klingt schon sehr nach modernistischer Ästhetik – ein „Normideal“ nennt: Der Mensch habe je nach Kultur und Zeit ganz unterschiedliche „Normideale“, wie eine Kirche, ein Kleid oder ein Mann auszusehen hätten. Kann schließlich nur dasjenige „schön“ genannt werden, welches vollkommen ist? Hier erweist sich der Denker als Subjektivist: Er lehnt das Schönheitskriterium der Vollkommenheit ab, weil auch diese stets eine bestimmte „Behaglichkeit“ im Betrachter voraussetze. Ein griechischer Athlet erscheine uns bloß deshalb „vollkommen“, weil wir schauen, „ob alles Erforderliche an ihm sei“ und danach entscheiden: ja, paßt, alles dran, oder daran mäkeln. Dem ließe sich allerdings entgegenhalten, daß Kant selbst keine im Gegenstand liegende Vollkommenheit gelten läßt, weil er von vornherein die Schönheit ins Auge des Betrachters legt. Sind, hiermit fasse ich Kant zusammen, Interesselosigkeit und Verallgemeinerbarkeit des Urteils zwei brauchbare Kriterien für das Schöne, schließt er die beiden Kriterien Zweckmäßigkeit und Vollkommenheit meines Erachtens zu Unrecht aus. Ohne Objektivitätsmaßstab ist der Weg frei zu einer Ästhetik der Beliebigkeit, gegen die Kant ja eigentlich das Schöne verteidigen will.

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