Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Magyatlantis

von Martin Hobek

Manche Landstriche unterscheiden sich von ihrer gleichsprachigen Umgebung durch ein Geheimnis, das über lange Zeit so gut gehütet wurde, daß es – wie man in Österreich zu sagen pflegt – „gar nicht mehr wahr ist“… Manchmal wird solch ein Geheimnis erst nach Jahrhunderten durch die Wissenschaft wieder ans Tageslicht gebracht.

Laa an der Thaya im äußersten Norden des niederösterreichischen Weinviertels ist ein adrettes Städtchen mit einem der schönsten Rathäuser Österreichs. Wenige Meter nördlich hinter dem bewohnten Gebiet liegt seit 1919 die tschechische Staatsgrenze. In südlicher Nachbarschaft zu Laa/Thaya gibt es auf einem ungefähr 50 km² großen Landflecken einige Dörfer, an denen sich Ortsnamenforscher bis nach dem Zweiten Weltkrieg die Zähne ausbissen. Im Falle von Fallbach denkt man zwangsläufig an eine reißende Gebirgsache. Aber in dieser Gegend, in der sich Ebene und sanftes Hügelland abwechseln, sind die Fließgewässer (bis auf die Thaya) bessere Rinnsale. Und sie nehmen natürlich auch keinen Umweg über den Berg, den es in Fallbach sogar gibt und auf dem eine sehenswerte spätgotische Kirche thront. Daher herrschte lange Zeit kollegiale Einigkeit über einen „fahlen Bach“, also über trübes Wasser als Namensgeber.

Im Wikipedia-Eintrag zu Fallbach beschränkt sich die Rubrik „Geschichte“ auf die Jahre 1938-45 und endet hochdramatisch mit heftigen Kämpfen: „Mehrere Zivilisten wurden dabei getötet und zahlreiche Gebäude zerstört oder zumindest beschädigt. Am 21. April 1945 wurde Fallbach von der Roten Armee besetzt. Auf der Ruine Hanselburg konnte sich eine kleine Einheit der Waffen-SS jedoch bis zur Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 halten.“

Historisch nicht minder interessant wäre aber die Herkunft der Gründer Fallbachs. Wir kommen daher zurück zum Ortsnamen: Der erwähnte, allgemein akzeptierte „fahle Bach“ sorgte trotzdem für Bauchweh, denn Toponomastiker begutachten gerne alte Urkunden, und da fanden sie in früheren Jahrhunderten die Bezeichnung „Fallwa“. Bei unseren ungarndeutschen Leserinnen und Lesern „klingelt“ es jetzt, und andere werden sich vielleicht erinnern, daß ihnen bei ihren Fahrten durch Ungarn öfter Ortschaften unterkamen, die auf -falva endeten – das madjarische Wort für Dorf. Und so kommt es zu dem Kuriosum, daß bei jenem Wegweiser in Laa, der auf Fallbach und Ungerndorf hinweist, zwei Ortsnamen aufscheinen, die im Grunde dasselbe bedeuten: ungarisches Dorf.

Aber wie kam es dazu? In der Schlacht von Preßburg im Jahre 907 besiegte das asiatische Reitervolk der Madjaren ein ostfränkisches Heer, was die „Landnahme“ in der Pannonischen Tiefebene ermöglichte. Die Madjaren sahen ihre neue Heimat aber vorerst als eine Art „Basislager“ für ausgedehnte Raubzüge, die sie bis auf die Iberische Halbinsel führten. Der ostfränkische König Otto besiegte die Ungarn 955 in der Schlacht auf dem Lechfeld im heutigen Bayern, das besonders unter den Invasionen gelitten hatte. Für Otto bedeutete dieser Triumph eine Beendigung der innerfamiliären Querelen, und da er auch die ebenfalls noch heidnischen Slawen besiegte, avancierte er zum „Retter der Christenheit“, sodaß er 962 zum römisch-deutschen Kaiser Otto I. gekrönt wurde.

Die Madjaren zogen sich aus Westeuropa zurück und beschäftigten sich in der Pannonischen Tiefebene mit Seßhaftwerdung. 985 ließ sich Thronfolger Vajk taufen und wurde als István (Stephan) I. im Jahr 1000 zum ersten christlichen König Ungarns. Er heiratete die bayrische Prinzessin Gisela und ließ seine Untertanen durch das Bistum Passau missionieren. Damit verhinderte er, daß die Madjaren wie zuvor die Hunnen und Awaren zu einer Fußnote in der Geschichte wurden.

Aber nicht alle überlebenden Madjaren, die 955 nach Ungarn zurückströmten, gelangten dorthin. Einige gründeten eben bei Laa einige Dörfer und sozusagen ihren eigenen Staat. Da traf es sich gut, daß ein ungarischer Historiker in der Jetztzeit das Rätselraten um Ober- und Unterschoderlee (bis in die 1960er-Jahre Schotterlee) löste: Satorlé (lautmalerisch Schåtorlee) ist eine alte madjarische Bezeichnung für eine Festungsanlage. Daß sich dort eine kurze, aber schroffe Hügelkette findet, paßt perfekt. Die letzte Geheimnislüftung steht noch bevor: Das Nachbardorf Gaubitsch wird von einem kawatsch, einem slawischen Schmied, abgeleitet. Das vor über 1000 Jahren ins Madjarische entlehnte Kovács (Kowatsch) ist jedoch wesentlich näher als das slawische Original, das ein r beinhaltet (Kowarsch).

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