Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

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Hollands Gusto auf Kölle

von Erich Körner-Lakatos

Den Haags Gebietsforderungen 1945

1945 melden nicht nur Deutschlands östliche Nachbarn Gebietsansprüche an. Wenig bekannt ist der Appetit der späteren Benelux-Staaten, wobei der Landhunger Hollands hervorsticht. Etwas übermütig gebärdet sich der Zwergstaat Luxemburg, während Belgien sehr zurückhaltend ist.

Am 10. November 1945 marschiert die winzige luxemburgische Armee in Teile der deutschen Landkreise Bitburg und Saarburg ein. Das Gebiet ressortiert zwar zur französischen Besatzungszone, aber Paris gestattet den Letzeburgern eine symbolische Präsenz als Unter-Besatzer. Luxemburg beabsichtigt den Anschluß deutscher Gebiete an das Großherzogtum als Ausgleich für das zwischen 1940 und 1944 erlittene Ungemach. Zuerst fordert man die Annexion eines Gebietes von etwas mehr als 500 qkm und 30.000 Einwohnern. Obwohl die großherzoglichen Soldaten bis 1955 auf deutschem Boden bleiben, kommt es mangels westalliierter Unterstützung zu keinem Gebietsgewinn. Aus ähnlichen Erwägungen fordert Belgien deutsches Gebiet östlich von Eupen und Malmedy, freilich nur in bescheidenem Umfang – Teile von Dörfern, Wälder. Infolge des belgisch-deutschen Grenzvertrages von 1956 fallen fast alle diese Gebiete zurück an die Bundesrepublik.

Von ganz anderer – man kann sagen: geradezu atemberaubender – Dimension sind die holländischen Gebietsforderungen gegenüber dem geschlagenen Deutschen Reich. Den Haag verlangt einen breiten, sich von Norden bis Süden ziehenden Streifen deutschen Territoriums. Federführend ist dabei Frits Bakker-Schut. Der 1903 in Rotterdam geborene Bauingenieur ist geradezu besessen vom Plan eines Groß-Niederländischen Staates, der mitnichten den flämischen Teil Belgiens, was an sich naheliegend wäre, sondern einen Großteil des späteren deutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen sowie einen Streifen des späteren Niedersachsens umfassen sollte. Bakker-Schut steht im Herbst 1945 einer Kommission vor, die in einigen Untergruppen darüber nachdenkt, was das landhungrige Holland dem Deutschen Reich so alles wegnehmen könne. Bodenschätze (Kohle, Eisenerz, Erdöl) spielen dabei eine Rolle, dann große Industriebetriebe sowie landwirtschaftlich genutztes Terrain. Der Schlußbericht ergeht Ende 1945 an Innenminister Eelco Nicolaas van Kleffens. 

Bakker-Schut legt drei Varianten vor. Der favorisierte Plan A, sozusagen die Maximalvariante,  umfaßt alles Land entlang der gedachten Linie von Wilhelmshaven, dann südlich entlang der Weser, Osnabrück, Hamm, Wesel, weiter dem Rhein folgend bis in die Nähe Kölns, anschließend westwärts bis Aachen. Die Städte Aachen, Osnabrück, Münster, Köln (!) und Oldenburg sollten dadurch holländisch werden. Die neuen Bezeichnungen wären dann Keulen (Köln, dt. umgangssprachlich Kölle), Osnabrugge, Aken (Aachen), Monniken-Glaadbeek, Munster usw.  Plan B ist eine flächenmäßig geringfügig abgespeckte Variante von A: Die dicht bevölkerte Gegend um die Städte Köln, Mönchengladbach, Bergheim und Neuss würde deutsch bleiben. Dann präsentiert Bakker-Schut noch eine Minimalvariante, den Plan C, sozusagen das, worauf seiner Meinung nach Holland jedenfalls zugreifen sollte. Es handelt sich um einen Streifen entlang der niederländischen Ostgrenze. Von Norden und Emden in Ostfriesland ganz im Norden bis Geldern – ungefähr auf der Höhe von Duisburg – im Süden. 

Befürworter der Annexionspläne sind vor allem die betagte Königin Wilhelmina – die Kalvinerin aus dem Hause Oranien-Nassau herrscht seit 1890 – und die katholische Partei, wobei sich letztere durch den Gebietsgewinn einen Überhang an Katholiken verspricht, sind doch die deutschen Bistümer Aachen und Münster mehrheitlich römisch-katholisch. Ähnliches gilt für das Erzbistum Köln. Genau deshalb sind die Kalvinisten-Parteien (Christelijk-Historische Unie sowie die streng altkonservative Anti-Revolutionaire Partij), aber auch die Liberalen (Liberale Staatspartij sowie Partij van de Vrijheid) sehr zurückhaltend, was eine Annexion angeht. Zur Ehre der Sozialisten (Sociaal Democratische Arbeiders Partij; ab Februar 1946 Partij von de Arbed) sei gesagt: Die Roten lehnen die Angelegenheit grundsätzlich ab.

Vertreibung der Deutschen geplant

Wie sollte sich das Schicksal der deutschen Bewohner der in Augenschein genommenen Territorien gestalten? Nach Veröffentlichungen des Niederländischen Komitees für Gebietserweiterungen (Nederlandsch Comité voor Gebiedsuitbreiding), zum Beispiel in der Broschüre: Oostland – Ons Land (dt.: Ostland – unser Land) sind Ausweisungen, konkret: die Vertreibung der Deutschen, geplant. Davon erfaßt wären alle Einwohner größerer Gemeinden (über 2.500 Bewohner), dazu alle NS-Belasteten sowie diejenigen, die nach 1933 dort ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben. Der Rest sollte optieren können, sofern er Plattdeutsch spräche und keine Verwandten im restlichen Deutschen Reich habe. Wer für Deutschland optiere, solle entschädigungslos enteignet und über die neue Grenze gebracht werden.

Zum Gebaren der Holländer vor und im Zweiten Weltkrieg schreibt das Nachrichtenmagazin Der Spiegel in seiner Ausgabe 9/1994:

Die Holländer sind ganz gewiß keine schlimmeren Rassisten als andere Europäer. Sie haben, weil sie Kaufleute sind, ihr Menschenbild stets nur den jeweils vorherrschenden geschäftlichen Rahmenbedingungen angepaßt. So wie in den dreißiger Jahren, als sie scharfe Einwanderungsbestimmungen gegen deutsche Juden verhängten, um sich Erleichterung von dem erwarteten Druck von seiten der Hitleristen zu verschaffen. Das ist es wohl auch, was die Holländer dem dominanten Nachbarn im Osten so übelnehmen: daß sie sich von ihm so gründlich kompromittieren ließen. Von allen Völkern, die von der großdeutschen Dampfwalze im Zweiten Weltkrieg niedergewalzt wurden, haben die Niederländer die größten Probleme, sich pauschal als Opfer zu fühlen. Nach Kriegsende waren 450.000 Kollaborateure registriert, die sich im Umgang mit den Besatzern schmutzige Finger geholt hatten. Weil die Polizei den deutschen Judenmördern so wirkungsvoll zulieferte, konstatierte Adolf Eichmann zufrieden: „In Holland ging alles wie am Schnürchen“. Nach dem Krieg gab ein SD-Beamter namens Willy Lages zu Protokoll, die Jagd auf die Juden wäre ohne die holländische Unterstützung nur zu zehn Prozent durchführbar gewesen.

In der Selbstwahrnehmung kontrastieren die liberalen, toleranten und fortschrittlichen Niederlande mit dem steifen, schroffen Moffrika.

Trotzdem können die Niederländer sich in der Nachkriegszeit in der moralisch überlegenen Position des einstigen Opfers einrichten. In der Selbstwahrnehmung kontrastieren die liberalen, toleranten und fortschrittlichen Niederlande mit dem steifen, schroffen Moffrika – dem Land der Moffen (wahrscheinlich abgeleitet von Muff), wie der Volksmund die Deutschen damals abschätzig nennt. Der deutschstämmige niederländische Historiker Hermann von der Dunk bezeichnete diesen Moffenhaat (Deutschenhaß) sogar als niederländische Variante des Antisemitismus.

Seit den 1990-Jahren zeigt die Fassade der niederländischen Selbstgerechtigkeit aber auch erste Risse. Die Medien bringen immer mehr Berichte über die Kollaboration der Niederländer in der Kriegszeit und stellen unangenehme Fragen. Warum konnten die Nazis so viel mehr Juden aus den Niederlanden deportieren als aus dem benachbarten Belgien? Warum war der Anteil jener, die freiwillig zur SS gingen, in Holland weit höher als anderswo?

Wie auch im Falle Luxemburgs lehnen die Westalliierten größere Annexionen ab, weil dadurch das Flüchtlingsproblem verschärft würde.

Anfang 1947 geben es die Holländer schon wesentlich billiger, beschränken sich auf 1.840 qkm und 160.000 Bewohner, nämlich die Insel Borkum, die sogenannte Niedergrafschaft um Bentheim (dort befinden sich Erdölfelder) sowie auf einen schmalen Grenzstreifen. Selbst daraus wird nichts, weil auf der Londoner Deutschland-Konferenz im März 1949 nur marginale Änderungen des Grenzverlaufs beschlossen werden. Dadurch erhält Den Haag die Grenzgemeinde Elten, darüber hinaus ein paar Weiler, Äcker und Wälder. Die Besetzung durch die Niederländer beginnt am Sonntag, 23. April 1949 um zwölf Uhr mittags.

Deutschland – und damit das junge Bundesland Nordrhein-Westfalen – zählt auf einmal 3.500 Menschen und knapp 20 Quadratkilometer Land weniger. Land und Leute werden am Mittag im Eltener Rathaus mit einem Federstrich den Niederlanden einverleibt.Bis zur Rückkehr in den deutschen Staatsverband bleiben die Menschen in und um Elten zwar Deutsche, bekommen aber einen holländischen Paß und müssen sich ausweisen, wenn sie über den neuen Grenzübergang nach Deutschland wollen. Sie haben kein Wahlrecht, weder hüben noch drüben. Selbiges in Selfkant, der westlichsten Ortschaft des Deutschen Reiches. Die Okkupation dauert fast vierzehn Jahre lang. Durch den Holland-Vertrag vom 1. August 1963 kommen fast alle Gebiete zurück zur Bundesrepublik Deutschland. Damit haben sich die Gebietsansprüche aller drei Benelux-Staaten in nichts aufgelöst.

Die gnadenlose Ausbeutung der niederländischen Kolonien findet höchstens in den Kongo-Greueln der Belgier eine Entsprechung.

Hollands unschöne Seite zeigt sich auch in Übersee. Das Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel charakterisiert die Niederländer in der Ausgabe 9/1994 wie folgt:

… die Geschichte der niederländischen Toleranz hat auch schwarze Löcher: die Ausrottungsfeldzüge gegen südafrikanische Hottentotten und südamerikanische Indianer, die blutrünstigen Strafexpeditionen gegen vertragsbrüchige Gewürzinseln, die Massaker während des indonesischen Unabhängigkeitskrieges …

Denn 1945 will sich Den Haag erneut als Kolonialmacht in Niederländisch-Indien, dem heutigen Indonesien etablieren. Zwei sogenannte Polizeiaktionen und Massaker an Einheimischen nützen nichts: 1949 blasen die Holländer zum Rückzug, Sukarno hat gesiegt.

Die gnadenlose Ausbeutung der Kolonien findet höchstens in den Kongo-Greueln der Belgier eine Entsprechung. In der niederländischen Besitzung Guayana (Surinam) wurden Sklaven zur Abschreckung von Ochsen gevierteilt oder mit Haken in der Brust zum Austrocknen in die Sonne gehängt. 1863 wird dort die Sklaverei offiziell abgeschafft, an den tatsächlichen Verhältnissen ändert sich wenig. Holländische Sklavenbarone waren 200 Jahre lang Marktführer im transatlantischen Menschenhandel. Die Grundlage dafür lieferte der Kalvinismus mit seiner Prädestinationslehre. Aus den Negern, so predigte damals der kalvinistische Theologe Johan Picardt, müsse man „die Lendenfäulnis“ herauspeitschen, denn der Herr im Himmel habe sie erschaffen, daß nur die Knechtschaft ihnen zum Heil gereiche.

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