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Holländisch und Deutsch – Falsche und richtig gute Freunde

von Caroline Sommerfeld

Zwischen keinen zwei anderen Sprachen gibt es so viele „falsche Freunde“ wie zwischen Deutsch und Niederländisch. Bei diesem Phänomen handelt es sich um Wörter, die in zwei oder mehreren Sprachen die gleiche oder eine sehr ähnliche Form aufweisen, sodaß man fälschlicherweise annimmt, sie müßten dasselbe bedeuten. Deshalb erweist sich ein solches Wort als ein „falscher Freund“: Es scheint das Übersetzen zu erleichtern, erschwert es indes durch die von der Lautgestalt ausgehende, zum Irrtum verführende Wirkung.

Deutsch ist in den Niederlanden an vielen Schulen zweite oder dritte Fremdsprache. Wenn Schüler erst in der 8. Schulstufe Deutsch lernen, übertragen sie automatisch bereits gefestigte Gewohnheiten aus ihrer Muttersprache in das andere System. Das hat vielfach zur Folge, daß eine sprachliche Norm verletzt wird; Linguisten nennen dies einen „negativen Transfer“. Deutsch und Niederländisch sind zwei verschiedene rezente Sprachen – anders als Niederdeutsch, das einen deutschen Dialekt darstellt –, die sich wegen ihrer sehr langen gemeinsamen Sprachentwicklung so verflixt ähnlich sind.

Das Phänomen der „falschen Freunde“ wurde sprachwissenschaftlich erstmals Ende des 19. Jh. im Französischen beschrieben.

Das erste Buch über deutsch-niederländische „falsche Freunde“ erschien im Jahre 1919: Deutsch-Holländisch: eine Zusammenfassung der wichtigsten, dem Holländer nicht ohne weiteres verständlichen deutschen Wörter. Ein aktuelleres Buch ist 2006 in den Niederlanden veröffentlicht worden: Als er gebellt wordt, blaffen de honden. Dwaalduiders en aanverwante woorden in het Duits von Jan Lanneau, aus dem die unten folgenden Beispiele stammen, die sich in zwei Kategorien einordnen lassen:

Erstens Ausdrücke mit vollkommen abweichender Bedeutung, zum Beispiel Enkel (niederländisch: kleinkind) – enkel (deutsch: Knöchel), liegen (niederländisch: liggen) – liegen (deutsch: lügen).

„Falsche Freunde“, die zu dieser Kategorie gehören, verursachen die größten Mißverständnisse, weil sie auf der Bedeutungsebene so gut wie nichts mit einander zu tun haben.

Anders verhält es sich, und damit zu zweitens, bei Ausdrücken mit Bedeutungsüberschneidungen: Die Bedeutung eines Wortes im Niederländischen kann etwa deutlich umfangreicher sein als im Deutschen, zum Beispiel wortel, was sowohl Wurzel (allgemein einer Pflanze) als auch im engeren Sinne Karotte bedeuten kann. Oder es handelt sich um stilistische bzw. kulturelle Unterschiede. Ein gutes Beispiel für einen stilistischen Unterschied ist der Wortbestandteil rond-. Auf Deutsch sagt man hochsprachlich herum-, in der norddeutschen Umgangsspache aber rum-, im Niederländischen gibt es nur rond-. Ein kultureller Unterschied ließe sich bei dem Wort Wohnung erkennen – das niederländische woning steht meistens für ein Haus, eine Wohnung würde man im Niederländischen als flat oder appartement bezeichnen.

Die Liste solcher „falschen Freunde“ aufgrund von Überschneidungen ist wesentlich länger als die der oben aufgeführten „echten falschen Freunde“, ein paar typische Exemplare sind: Das Wort belasting bedeutet manchmal Belastung und manchmal Steuer – der Bedeutungsbestandteil „Last“ macht, daß Deutsche das niederländische Wort zwar sofort verstehen, Holländer aber im fiskalischen Zusammenhang womöglich von „mehr Belastung zahlen“ sprechen. Ähnlich verhält es sich bei bureau (das Büro, aber auch der Schreibtisch) oder bei overwinnen (überwinden, aber auch jemanden besiegen in einem Wettkampf).

Diese „falschen Freunde“ sind nicht immer falsche Freunde, da sie in manchen Situationen genau die richtigen Freunde sind. In vielen Fällen hat man im Deutschen mehrere Wörter dafür, was man im Niederländischen nur mit einem Wort bezeichnen kann. Und manchmal bezeichnet man ein und dasselbe mit völlig anders gebildeten Komposita. Ich litt einmal unter einem Bandscheibenvorfall. Ein sehr gut Deutsch sprechender holländischer Freund verstand das Wort überhaupt nicht, ein Blick in sein Wörterbuch förderte zutage: „uitpuilende tussenwervelschijven“, etwa: „herausquellende Zwischenwirbelscheiben“. Macht nichts bzw. „doet niks“ – man versteht einander ja unter Freunden!

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