Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

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The Flying Dutchman, Charles Temple Dix

Der Fliegende Holländer

Mythen, Sagen, Wundersames

von Alain Felkel

Die Freunde des mehrteiligen Kassenschlagers Fluch der Karibik kennen sie: die gruseligen Auftritte des gespenstischen Piratenjägers Armando Salazar, der mit seinem Geisterschiff den von Johnny Depp gespielten Piraten Jack Sparrow bis in alle Ewigkeit mit seiner Rache verfolgt. Weniger bekannt ist dagegen der Mehrheit der Kinobesucher, daß das Erzählmotiv des Geisterschiffes eng mit Benelux und der deutschen Romantik verflochten ist und erst durch die Sage vom Fliegenden Holländer populär wurde.

Grundlage der Legende ist allgemeiner Überlieferung nach ein Vorfall gegen Ende des 17. Jh., als die Niederlande den Ostindienhandel dominierten. Damals machte ein holländischer Kapitän namens Bernard Fokke von sich reden, weil er mit seinem Schiff, einem Dreimaster mit eisernen Rahen, selbst bei höchsten Windstärken noch durch die schwersten Stürme am Kap der Guten Hoffnung segelte. Für die lange Strecke zwischen den Niederlanden und der Gewürzinsel Java brauchte er im Jahr 1678 so nur drei Monate, seine Konkurrenz dagegen sechs. Derartiges konnte in den Augen seiner Zeitgenossen nicht mit rechten Dingen zugehen. Und so munkelte man bereits zu Fokkes Lebzeiten, er stehe mit dem Teufel im Bunde. Doch der angebliche Teufelspakt fand bald ein jähes Ende. Als Fokke wieder tollkühn in ein Sturmtief segelte, verschwand sein Schiff spurlos in den Weiten des Ozeans. Kaum verbreitete sich die Kenntnis von dem Unglück, setzte schon die Legendenbildung ein. Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Geschehen so zur Sage vom „Fliegenden Holländer“. Dieser sei aufgrund seines gotteswidrigen Teufelsbundes bis in alle Ewigkeit dazu verdammt, mit seiner Mannschaft und seinem Schiff die Weltmeere zu befahren, ohne je einen Hafen zu finden.

Bereichert wurde die Gruselgeschichte dadurch, daß sich das Erzählmotiv des Fliegenden Holländers – der Begriff umfaßt sowohl den Kapitän als auch seinen Dreimaster – sofort mit dem realen Phänomen der Geisterschiffe verband: Seefahrzeugen, die zuvor von ihren Mannschaften wegen einer Seuche oder aufgrund eines Sturmes aufgegeben worden waren. War dies schon in der Realität gespenstisch genug, so entwickelte sich der Fliegende Holländer im Laufe der Jahrhunderte zu einer wahren Ausgeburt der Hölle: Mal ist das Gespensterschiff so schnell, daß es über den Wellen zu fliegen scheint, mal kann es bei Flaute rückwärtsfahren. Oft taucht der Fliegende Holländer plötzlich vor einem Schiff aus den Wellen auf, was für die Lebenden nichts Gutes bedeutet. Wer dem unheilvollen Dreimaster mit seinen roten Segeln begegnet, dem widerfährt meist alsbald ein Unglück. Derartig mit schaurigen Zutaten ausgestattet dauerte es nicht lange, bis die Sage sich großer Lesergunst erfreute. Nach den Napoleonischen Kriegen riß eine Welle von Balladen, Gruselgeschichten und Schauerromanen über den Fliegenden Holländer die Leserschaft mit, die sich damals nach Übersinnlichem verzehrte.

Doch der Untote hatte einen Geburtsfehler: Er ließ keine Frauenherzen pochen und weckte wenig Anteilnahme. Erst der deutschen Romantik war es beschieden, den Verdammten zu einer beklagenswerten, tragischen Figur auszugestalten. An der Metamorphose hatten zwei deutsche Geisteshelden Anteil: Heinrich Heine und Richard Wagner. Ersterer entdeckte den Stoff in den Niederlanden, wo er ein Theaterstück über den Fliegenden Holländer sah. Der Theaterbesuch inspirierte Heine. Er verarbeitete die Sage 1826 in seiner Erzählung Die Memoiren des Herren von Schnabelewopski und flocht das Erzählmotiv ein, daß der Holländer nur durch die Treue einer liebenden Frau erlöst werden könne.

Wagner macht die Legende durch Ergänzung einer Liebesgeschichte zum Kassenschlager.

Heines Kunstgriff wiederum beflügelte Wagner zur Verarbeitung des Stoffes zur Oper. Hierbei nahm er die alles entscheidenden Änderungen vor, welche die Sage zum Kassenschlager machen sollten: In seinem Opus läßt er den Fliegenden Holländer, der bei Wagner nur alle sieben Jahre erlöst werden kann und Vanderdecken heißt, um die schöne Senta freien. Des Weiteren ergänzte Wagner die Sage, indem er dem Unerlösten einen Rivalen gab: den jugendlichen Nebenbuhler Erik, der gleichfalls Senta begehrt. Doch Erik geht in der Oper leer aus. Nachdem Vanderdecken Senta vom schrecklichen Fluch erzählt hat, der auf ihm lastet, stürzt sich Senta ins Meer, um ihn zu erlösen. Unmittelbar darauf sinkt das Geisterschiff. Zu guter Letzt entsteigen Vanderdecken und Senta den Wellen und schweben gemeinsam zum Himmel. Nun endlich ist der Unglückliche erlöst. Was für ein Happy End! Was für ein Spektakel! Und was für ein Meilenstein der Opern- und Sagenwelt!

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