von Ulrike Raich
Das Lëtzebuergesche
1984 erließ das luxemburgische Parlament das Sprachengesetz und hielt darin fest, daß die ,,Nationalsprache der Luxemburger das Luxemburgische“ sei – und zwar in französischer Sprache. Das zeigt, wie sehr das kleine Land mit seiner Identität kämpft. Immer noch ist das Französische die privilegierte Sprache. Trotz des Verlustes eines Großteiles der französischsprachigen Gebiete des Großherzogtums an Belgien im Jahr 1839 blieb Französisch die Sprache, die im Parlament, in der Justiz und im Geschäftsleben verwendet wurde und wird. Die Verwaltungsakte werden auf Französisch verfaßt, und lediglich „das Französische ist maßgebend“ auf allen Ebenen der öffentlichen Verwaltung. Alle touristischen Schilder sind nur in französischer Sprache beschriftet, obwohl deutsche Touristen die deutliche Mehrheit stellen. Ja, selbst beim Militär spricht man Französisch.
Weil man nach 1945 nicht mehr deutsch sein wollte, aber auch nicht französisch war, erhob man die Umgangssprache zur Staatssprache.
Die Luxemburger sind aber keine Franzosen, sondern Franken und sprechen einen moselfränkischen Dialekt in der Mundart, Hochdeutsch beim Lesen und Schreiben. Weil man nach 1945 nicht mehr deutsch sein wollte, aber auch nicht französisch war, erhob man die Umgangssprache zur Staatssprache. 1946 wurde eine offiziell anerkannte Rechtschreibung eingeführt, zwischen 1950 und 1977 eine stärker standardisierte Schreibweise entwickelt. Und doch wurde von den Luxemburgern das Lëtzebuergesche noch lange als deutscher Dialekt angesehen, den man sprach, aber nicht schrieb und schon gar nicht überhöhte. Erst in den 1980er-Jahren ging die Saat gegen das Deutsche auf. 2023 wurde das „Lëtzebuergesche“ auch in der Verfassung verankert.
Dreißig Jahre nach der Proklamation stellte die Neue Zürcher Zeitung nüchtern fest, daß keine nachhaltigen Änderungen der Sprech- und Schreibgewohnheiten der Luxemburger eingetreten seien. Es bestehe schlicht kein Interesse an der Umgangssprache als Hochsprache. Zum 40. Geburtstag ist klar: Luxemburgisch ist de facto keine Amtssprache, auch wenn dies im Sprachengesetz von 1984 und in der Verfassung so festgehalten ist. Hinzu kommt, daß es im Großherzogtum in den verschiedenen Regionen des Landes Mundartvarianten gibt – wie überall unterscheiden sich die Dialekte von einem Tal ins nächste. Das heutige „Héich Lëtzebuergesch“ entspricht am ehesten dem Dialekt des Alzettetals und nicht dem Dialekt der Hauptstadt, der mehr hochdeutsche Wörter enthält.
Luxemburg empfindet sich als Teil der französischen Welt. Auch immer mehr Menschen gehen diesen Weg: Rund 70 Prozent der Luxemburger benutzen das Moselfränkische im Alltag – aber 90 Prozent aller Einwohner beherrschen heute Französisch. Laut „nationalem Bildungsbericht 2024“ spricht nur mehr ein Drittel der Schüler zu Hause Luxemburgisch oder Deutsch, ein weiteres Drittel Französisch oder Portugiesisch und das letzte Drittel eine andere Sprache. Der Anteil der echten Luxemburger an der Bevölkerung sinkt, da immer mehr Ausländer ins Land ziehen.
Womit klar ist, daß die Einwanderung das Sprachengefüge verändert. Sie gibt den Ausschlag für das Übergewicht der französischen Sprache. Luxemburg zählte im Jahr 2024 rund 673.000 Einwohner, eine Erhöhung um über 20 Prozent innerhalb von zehn Jahren. Der Großteil der Einwanderer kommt sprachlich über die französische Schiene, zumal sie auch vom Staat her gefördert wird. Für die einheimische Bevölkerung heißt das aber, daß das Französische immer mehr mit dem Negativwort Migrantensprache assoziiert wird. Nicht nur das: Auch die „Bonzen“ parlieren auf Französisch.
2022 wurde ein „Aktionsplan der Luxemburger Sprache“ beschlossen. Mit 50 Maßnahmen will man dem Dialekt endlich zur staatstragenden Geltung verhelfen. An der Universität des Landes kann man jetzt einen Abschluß in Luxemburgisch erwerben. Mit dem kleinen Problem, daß es kaum Studenten gibt, die sich dafür interessieren. 2021 wurden die Durchsagen in Lëtzebuergesch am Flughafen Luxemburg eingestellt. Deutsch ist die Sprache der Kultur und die Sprache des wichtigsten Wirtschaftspartners Luxemburgs. Bei der jungen Generation scheint die deutsche Hochsprache an Bedeutung hinzuzugewinnen, die Propaganda gegen das Deutschsein verfängt immer weniger. Luxemburger gehen zum Studium überwiegend in die BRD, nach Österreich und in die Schweiz, dann erst kommt Frankreich. Der Versuch Luxemburgs, sich aus der deutschen Familie zu verabschieden, ist sprachlich jedenfalls gescheitert. Er war und ist eine Revolution von oben, der die Abstimmung mit den Füßen gegenübersteht. Und die sagt: nein – auf Hochdeutsch.