Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Wikimedia Commons, Adriaen Thomasz. Key, Rijksmuseum
Wilhelm von Nassau, genannt der Schweiger – „von deutschem Blut“

Zwei ungleiche Brüder „von deutschem Blut“

von Michael Paul

Die Niederlande und Deutschland

Wilhelmus van Nassouwe ben ik, van duitsen bloed …“ – bei jedem Fußballänderspiel, bei jedem Staatsakt intonieren Niederländer diesen Satz zum Beginn ihrer Hymne. Sie nimmt Bezug auf Wilhelm den Schweiger aus dem Hause Nassau-Dillenburg, einen gebürtigen Hessen und Reichsdeutschen, der im 16. Jh. zu einer zentralen Gründungsfigur der niederländischen Nation wurde. Als Statthalter von Habsburgs Gnaden lehnte er sich auf und wurde zur Speerspitze eines acht Jahrzehnte dauernden Befreiungskrieges. Das niederländische Königshaus sieht sich bis heute in direkter Linie mit ihm verbunden. Diese Textzeile ist nach wie vor ein Indiz für die tiefe Verwandtschaft und die gemeinsame Herkunft von Deutschen und Niederländern. Der niederländische Historiker Friso Wielenga leitete viele Jahre lang das Zentrum für Niederlandestudien an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Der renommierte Niederlandist prägte das Bild der „ungleichen Nachbarn“ oder auch „ungleichen Brüder“. Es besteht eine wechselhafte Asymmetrie, die sich insbesondere in der Geschichte des 20. Jh. auf vielen Feldern bemerkbar macht, wie noch zu beleuchten sein wird. Wie in einer Familie bedeutet große Nähe bzw. große Ähnlichkeit nicht immer automatisch auch große Verbundenheit und selbstverständliche Sympathie. Es ist eine Ambivalenz in diesem Verhältnis, die sich mit keinem anderen Nachbarvolk Deutschlands vergleichen läßt. Nicht mit den romanischen Franzosen, nicht mit den Skandinaviern, und auch keine der östlichen Anrainer sind uns in vergleichbarer Weise vertraut.

Jahrhundertelang waren die heutigen Niederlande Teil des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation.

Für ein besseres Verständnis wollen wir zunächst den Blick auf den Aufstieg der Niederlande von einem Vasallen zu einer der führenden Seestreitkräfte ihrer Epoche beleuchten. Jahrhundertelang war das Territorium der heutigen Niederlande Bestandteil des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Unter dem Habsburgerkaiser Karl V. setzte eine schleichende Emanzipation ein, die mit der calvinistischen Reformation Fahrt aufnahm. Die erstrebte Unabhängigkeit war nicht nur eine theologische Frage, sondern zugleich Ausdruck ökonomischen Selbstbewußtseins dieser wirtschaftlich starken Peripherie eines zentralistischen Imperiums, welches zunehmend von der spanischen Linie des Hauses Habsburg dominiert wurde. Dieses ging mit brutaler Härte gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen vor, was sich vor allem in der Person von Fernando Alvarez de Toledo – auch bekannt als Herzog von Alba – manifestierte. Noch heute ist sein Andenken im kollektiven Gedächtnis der Niederlande mit vergleichbarem Schrecken verbunden wie Maximilien de Robespierre hinsichtlich der Französischen Revolution. Mit dem Westfälischen Frieden von 1648 endete auch der 80jährige Krieg der Niederländer mit deren Ausscheiden aus dem Reichsverbund.

Entfremdung im goldenen Zeitalter der Niederlande

Dies läutete das sogenannte Goldene Zeitalter ein – eine prosperierende Epoche, in der niederländische Handelsschiffe von der Karibik bis nach Ostasien den Welthandel dominierten. Amsterdam wurde zur Drehscheibe des internationalen Warenverkehrs und zum Zentrum einer Weltmacht. Die Niederlande waren eine Republik und auch in dieser Hinsicht ein Unikat im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts. Die deutschen Kernlande waren hingegen schwer gezeichnet von den Folgen des Dreißigjährigen Krieges und verharrten ein Jahrhundert lang in Vielstaaterei und Phlegma. Bis ins 19. Jh. schritt diese Entfremdung voran: Die Niederlande etablierten sich als liberale Seenation, als Hort freier Lehre mit Persönlichkeiten wie Erasmus von Rotterdam und kultivierten ein modernes Staatswesen in bewußter Abgrenzung zum „großen Bruder“, der erst in der Romantik sein Nationalbewußtsein entwickelte.

Dann kehrte sich diese Dynamik um. Der Stern der Niederlande war inzwischen gesunken. Aus den napoleonischen Kriegen ging mit dem Wiener Kongreß 1815 zwar für einige Jahre das Königreich der „Großniederlande“ hervor, das Belgien mit einschloß. Bereits 1830 rebellierten die Belgier aber gegen dieses Konstrukt und erkämpften sich ihre Unabhängigkeit. Nur wenige Jahrzehnte später bahnte sich bekanntlich langsam der Aufstieg des zweiten Deutschen Kaiserreiches an. Während des ersten Weltkrieges verhielten sich die Niederlande neutral. Sie boten dem abgesetzten letzten deutschen Kaiser Wilhelm II. in Schloß Doorn ein Exil und verweigerten seine Auslieferung an die Siegermächte.

Zweiter Weltkrieg: Widerstand gegen das Deutsche Reich, aber auch Zehntausende in der Waffen-SS

Mit dem deutschen Einmarsch im Mai 1940 löste sich die bis dahin gültige niederländische Staatsdoktrin der Neutralität in Luft auf. Tief saß und sitzt bis heute das Trauma über die schmerzhafte Einsicht, daß moralische Integrität und ökonomische Unabhängigkeit einem Staat im Weltenbrand keinen Schutz garantieren könnten. Militärisch war die Angelegenheit rasch entschieden, aber die niederländische Zivilbevölkerung verfiel in eine kollektive Haltung des grimmigen Boykotts. Noch heute werden in den niederländischen Familiengeschichten diejenigen als „fout“ – niederländisch für falsch – gebrandmarkt, die mit den Deutschen kollaborierten. Der Widerstand war deutlich vehementer als beispielsweise in Skandinavien, obwohl die Niederländer als Brudervolk eine privilegierte Behandlung erfuhren. Unerwähnt bleiben dürfen auch keinesfalls die 25.000 Freiwilligen in den beiden Waffen-SS-Divisionen „Niederlande“ und „Wiking“, die sich an der Ostfront im Kampf gegen den Bolschewismus ausgezeichnet haben.

Zäsur 1945: Antideutscher Chauvinismus inklusive Rauchbomben und „Lama“

1945 stellt eine Zäsur in den deutsch-niederländischen Beziehungen dar. In kaum einem anderen Land fand eine so gründliche Abrechnung mit der Besatzungszeit statt, die in einem breiten antideutschen Chauvinismus gegen die verhaßten „Moffen“ resultierte. Symptomatisch dafür war die Hochzeit der späteren niederländischen Königin Beatrix mit dem deutschen Claus von Amsberg 1966, die einen landesweiten Aufruhr auslöste. Dabei ging das geflügelte Wort durchs Land „Gib mir mein Fahrrad zurück“ – eine Anspielung auf die angebliche Praxis der Wehrmacht, Fahrräder niederländischer Zivilisten zu requirieren. Der Unmut gipfelte schließlich in einem Anschlag mit einer Rauchbombe auf die Hochzeitskutsche; so unerträglich war auch zwanzig Jahre nach Kriegsende vielen Niederländern noch die Vorstellung eines Deutschen – zumal eines früheren Wehrmachtssoldaten – im niederländischen Königshaus. Das entbehrt natürlich mit Blick auf Oranien-Nassau nicht einer gewissen Ironie. Man denke hier auch an die Parallelen zum britischen Königshaus, daß bereits 1917 seinen Namen Sachsen-Coburg und Gotha in Windsor abänderte, um alle deutschen Wurzeln unkenntlich zu machen.

Noch in den 90er-Jahren brach sich der Deutschenhaß immer wieder Bahn. Unvergessen bleibt die „Lama-Affäre“ während der Fußballweltmeisterschaft 1990 in Italien, als im Achtelfinale Frank Rijkaard Rudi Völler mehrfach brutal foulte und anspuckte, was kurioserweise in einem Platzverweis für beide Spieler endete. Die Bilder gingen um die Welt. 1993 folgte dann ein weiterer Tiefpunkt in den deutsch-niederländischen Beziehungen. Nach den Brandanschlägen auf Asylunterkünfte in Solingen und Mölln sowie tagelangen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen war die niederländische Gesellschaft so empört, daß man eine Postkartenaktion startete. Auf diesen stand in schlichten Lettern „Ik ben woedend!“ (Ich bin wütend). Über 1,2 Millionen dieser Postkarten landeten im Kanzleramt von Helmut Kohl. Die deutsche Seite war reichlich irritiert, und die Niederländer verliehen einem Gefühl vermeintlicher moralischer Überlegenheit Ausdruck, das fest in ihrer Volksseele verankert war. Zugleich war diese Aktion aber auch der Wendepunkt, und die Verhältnisse begannen sich langsam zu entspannen. Sinnbild für diese Trendwende war 1996 eine TV-Werbung für Butter einer niederländischen Molkerei, welche die einstigen Rivalen Rijkaard und Völler friedlich an einem Frühstückstisch vereinte.

Aus den einstigen Rivalen sind Vertraute geworden.

Inzwischen sind die Niederlande und die BRD nicht nur enge Handelspartner, sondern kooperieren auf vielen weiteren Feldern vertrauensvoll. So existieren beispiellos eng verzahnte, gemeinsame Militärstrukturen beider Staaten. Die jeweiligen Regierungskabinette konsultieren einander regelmäßig und treten in aller Regel in Brüssel und auf der Weltbühne mit einheitlichen Positionen auf. Landwirtschaft, Infrastruktur, Forschungsvorhaben, Energiepolitik, Technologietransfer – die deutsch-niederländische Partnerschaft ist flächendeckend eine selbstverständliche Realität geworden. Aus den einstigen Rivalen, den ungleichen Brüdern, sind Vertraute geworden, die sich nicht mehr auseinanderdividieren lassen. Darin manifestiert sich eine enge Verwandtschaft, die seit Jahrhunderten auch in der sprachlichen Nähe Ausdruck findet. Noch heute sind die plattdeutschen Dialekte – wie etwa das westfälische oder das norddeutsche Platt – dem Niederländischen sprachlich näher als dem Hochdeutschen. Beide eint nicht nur die Sprache, es ist auch das gleiche deutsche Blut, das durch ihre Adern fließt.

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