von Mario Kandil
Kalendarium Kandili (78)
Vor einem Vierteljahrhundert, am 26. Juli 2001, starb Peter von Zahn, einer der großen deutschen Hörfunk- und Fernsehjournalisten der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Den Älteren als einer der Reporter der „Windrose“ bekannt, machte von Zahn auch durch seine einprägsame Sprechweise auf sich aufmerksam. Doch das war beileibe nicht alles, was der humanistisch gebildete Journalist zu bieten hatte.
Es darf bei allem Lob für den am 29. Januar 1913 in Chemnitz geborenen und im Zweiten Weltkrieg als Dolmetscher und Kriegsberichterstatter eingesetzten von Zahn nicht vergessen werden, daß er von den britischen Besatzern für den Nordwestdeutschen Rundfunk – 1956 aufgegliedert in Norddeutscher Rundfunk (NDR) und Westdeutscher Rundfunk (WDR) – für den Sender der alliierten Militärregierung engagiert wurde. Er machte Journalismus, wie die Besatzer ihn sehen wollten. Es ist daher nur beschönigend, wenn heute gesagt wird, er habe den Rundfunk in Westdeutschland „nach britischem Vorbild“ gestaltet, die britischen Besatzer hätten den Sender zwar kontrolliert, jedoch „den deutschen Journalisten viele Freiheiten“ gewährt.
1948 wechselte Peter von Zahn, der Jura, Geschichte und Zeitungswissenschaften studiert und 1939 promoviert hatte, ins Studio Düsseldorf, dessen Leitung er 1949 übernahm. Doch wegen Differenzen mit Generaldirektor Adolf Grimme blieb von Zahn nicht lange am Rhein: 1951 machte er den Sprung über den großen Teich und wurde in den USA zu einem Pionier der Auslandsberichterstattung. Seine 15minütige Radiosendung „Aus der neuen Welt“ erklärte den Deutschen Gesellschaft und Politik der US-Besatzungsmacht – was natürlich keinesfalls unabhängiger Journalismus war. Das gleiche Format führte Peter von Zahn ab 1955 auch im TV zum Erfolg. Legendär sind seine „Windrose“-Reportagen. Nach langen Jahren beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk verließ von Zahn den NDR und gründete 1961 seine eigene Produktionsfirma, die Windrose Film- und Fernsehproduktions-GmbH. Seine Reportagen liefen z. B. im WDR, der daraus die Reihe „Weltspiegel“ machte, die es heute noch gibt.
Aus den USA zurück, veröffentlichte von Zahn 1991 seine Autobiographie Stimme der ersten Stunde. Sein imposantes Gesamtwerk umschließt rund 3.000 Hörfunk- und mehr als 1.000 Fernsehbeiträge, und es ist trotz aller erwähnten Einschränkungen nicht übertrieben, ihn als einen wahren Pionier des Journalismus zu ehren.
Über den Autor:
Dr. phil. Mario Kandil M.A., geb. 1965, studierte in Aachen Mittlere und Neuere Geschichte, Alte Geschichte und Politische Wissenschaft und promovierte in Hagen. Nach langjähriger Tätigkeit im universitären Bereich und in der Erwachsenenbildung heute freier Historiker und Publizist. Forschungsschwerpunkte: Zeitalter der Französischen Revolution und Napoleons I. sowie der Nationalstaaten, Weltkriege und Kalter Krieg.