von Martin Hobek
Am 23. Mai 2026 fand im südmährischen Pohrlitz (Pohořelice) eine Gedenkfeier für die Opfer des Brünner Todesmarsches statt. Diesmal war diese aber etwas Besonderes, insofern als sie in das Programm des Sudetendeutschen Tages eingebettet war, der erstmals in der Tschechischen Republik, nämlich in Brünn (Brno), abgehalten wurde.
Schon beim Einbiegen von der Brünner Straße zum Massengrab wird deutlich, daß heuer vieles anders ist: Die Polizei hatte eine Straßensperre errichtet. Drei Autos stehen vor mir in der Schlange. Während der Tscheche einfach durchgewunken wird, müssen der Wiener und der Berliner ihren Paß zeigen und den Kofferraum öffnen. Einen Stellplatz finde ich erst einen Kilometer hinter dem Massengrab beim Bahnhof. In die Rekordzahl von ein paar hundert Menschen haben sich Träger der tschechischen Fahne gemischt. Jene, die am Rand eine Reihe bilden, haben Botschaften in zwei Sprachen mit dabei. Erstens: Die Sudetendeutschen seien schuld an der Zerschlagung der Tschechoslowakei – nun ja, ohne die Zerschlagung Österreichs zwanzig Jahre zuvor hätte das gar nicht passieren können. Zweitens: Die Großeltern der Teilnehmer hätten NSDAP gewählt. Vielleicht. Aber diese seltsamen Demonstranten wohnen womöglich in Häusern, die ihre Großeltern geraubt haben. Typischer tschechischer Widerstand: fast achtzig Jahre zu spät. Reinhard Heydrich, auf den ebenfalls mit einem tschechischen Transparent Bezug genommen wird, konnte 1942 in Prag nur ermordet werden, weil die Attentäter aus dem Ausland eingeschleust worden waren. Während die Redner die Verbrechen der Nationalsozialisten anprangern – besonders auch der sudetendeutsche EU-Abgeordnete Bernd Posselt – werden sie von den Demonstranten mit Nazis gleichgesetzt. Auf einem Schild sind sowohl ein Hakenkreuz als auch das Gesicht Posselts rot durchgestrichen.

Danach fuhr ich doch nicht nach Brünn. Mir war die Lust vergangen.