von Eva Klotz
Der Gewaltmarsch des Georg Klotz
Wir Angehörigen des Südtiroler Freiheitskämpfers Georg Klotz konnten uns die Strapazen seines Fluchtweges, eines regelrechten Gewaltmarsches, nicht vorstellen, solange wir zumindest Teile der Strecke nicht mit eigenen Füßen „erwandert“ hatten. Dabei vollzogen wir diese in mehreren Tagesetappen, nicht in einem Stück wie unser Vater damals im September 1964, als er sich nach dem Mordanschlag in einer Heuhütte in Passeier zu Fuß über Berge und Gletscher vor Tausenden von italienischen Verfolgern nach Nord-Tirol retten konnte. Er hatte viel Blut verloren, trug eine Kugel in der Brust und hatte Wundfieber. Zweiundvierzig Stunden, also zwei lange Tage und eine ganze Nacht lang war er unterwegs, konnte nicht frei gehen, wie wir dann später, sondern mußte versuchen, möglichst gedeckt durch Bäume an der Waldgrenze oder durch größere Steinblöcke auf den Hochalmen des hintersten Passeiertales voran zu kommen. Hörte er nahende Aufklärungsflugzeuge, warf er sich dort, wo keine Deckung war, sofort auf den Boden und rührte sich nicht. Er hatte sich auf der Flucht von Verwandten auf einem der entlegenen Bergbauernhöfe einen unauffälligen Lodenrock und einen Hut, wie ihn die Hirten tragen, besorgen können. So, regungslos auf dem Boden liegend, blieb er zweimal von den Hubschraubern, welche die weite Gegend nach ihm absuchten, unentdeckt.
Auf einem unserer Fluchtweg-Märsche begleitete meinen Bruder und mich ein Bergbauer, der 1964 ein 14jähriger Hirte gewesen war, hoch über dem Dorf Stuls, das zur Gemeinde Moos in Passeier gehört. Er stieg mit uns die „Gande“, eine nicht ungefährliche Geröllhalde hinan, von der aus man, sämtliche Almhütten umgehend, auf einen Bergrücken gelangt, der sich Richtung Schneeberg erstreckt und von weiter unten nicht mehr einsehbar ist. Luis, der Bauer, zeigte und erklärte uns die weite Gebirgslandschaft. Wir konnten so nicht nur die ganze Gegend mit eigenen Augen genauestens erkunden, sondern auch weitere Strecken des Fluchtweges unseres Vaters einsehen und im Geiste nachvollziehen. Luis sagte während unseres Marsches mehr als einmal: „Wenn ich sie (er meinte unseren Vater und dessen Begleiter) nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, ich würde niemals glauben, daß sie das ,gepackt‘ haben!“.
Georg Klotz hatte viel Blut verloren, Wundfieber und eine Kugel in der Brust.
Dieser Fluchtweg ist vor allem in den letzten Jahren von vielen, auch jungen und körperlich kräftigen Menschen, begangen worden, allerdings immer nur in einzelnen Abschnitten. Ich kenne nur einen einzigen, nämlich einen optimal trainierten Sportler in den besten Jahren, der das im Ganzen, auch mit den gefährlichen Abstiegen und Querungen von Gebirgsbächen und kleineren Hochtälern durchgezogen hat. Sein spärlicher „Kommentar“ und der Gesichtsausdruck nach vollbrachter Leistung verrieten mir, daß er dabei an seine körperlichen und mentalen Grenzen gestoßen war.
Nach all diesen zum Teil schmerzlichen persönlichen Erfahrungen und Erkenntnissen, aber auch aus ausführlichen Beschreibungen und Anmerkungen anderer bei Begehung des Fluchtweges meines Vaters bekommt die Einschätzung des österreichischen Schriftstellers Karl Springenschmid in seinem Buch Der Jörg (Schütz-Verlag, Preußisch Oldendorf, 1980) eine ganz besondere Bedeutung:
Was Jörg Klotz in diesen zweiundvierzig Stunden erlebt, was er, rein physisch gesehen, durchgestanden hat, ist so unvergleichbar und ohne Beispiel in der Geschichte des Landes, daß es niemals vergessen werden sollte. Sooft man von Jörg Klotz spricht, gleichgültig, wie man zu ihm steht, das, was er sich selbst abverlangt hat, sollte immer als Beispiel eines aufrechten Charakters und eines unbeugsamen Willens gelten, wahrhaft, ein Tiroler bester Art. (…) So hatte jene große Passion für ihn begonnen, das feindliche Geschoß im eigenen Körper über die Grenze zu schaffen. Das Geschoß, das ihn Stunde um Stunde an den Tod, dem er entfliehen wollte, gemahnte. Doch am Ende dieses furchtbaren Leidensweges stand nicht der Tod, sondern das Leben. Aber welches Leben? Für ihn bedeuteten diese zweiundvierzig Stunden eine entscheidende Wende. Nicht nur sein Leben, sein Schicksal wurde damit entschieden. Was in den kommenden, den „österreichischen Jahren“, geschah, was seine Haltung, seine Gesinnung betraf, ist nur zu verstehen, wenn man sich vergegenwärtigt, was während dieser zweiundvierzig Stunden in Jörg Klotz vor sich gegangen war.
Einfühlsamer und eindringlicher kann man es nicht beschreiben! Und wenn man einen Teil dieses unvergleichlichen Weges, der einst Fluchtweg war, auf eigenen Füßen bewältigt hat, kann man es auch selbst ein wenig nachvollziehen…