Von Polacken und Frycen

von Caroline Sommerfeld

Nachbarn beschimpfen einander gern über den Gartenzaun, dies gilt auch und insbesondere für benachbarte Völker. Die Sprachwissenschaft untersucht seit den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts solche Schimpfwörter, mit denen die Bewohner anderer Länder oder Minderheiten im eigenen Land gewohnheitsmäßig belegt werden: die sogenannten „Ethnophaulismen“. Dieser Begriff setzt sich aus den griechischen Wörtern ἔθνος éthnos („Volk, Volksstamm“) und φαῦλος phaúlos („gering, wertlos, schlecht, böse“) zusammen.

Wann sich „Polack(e)“ im Deutschen – das Wort bedeutet zunächst nichts anderes als „Pole“, polnisch: polak – von einer neutralen Bezeichnung zu einem Schimpfwort wandelte, ist schwer nachvollziehbar. Bis in das 19. Jahrhundert finden sich zahlreiche Beispiele für eine wertneutrale Verwendung des Begriffs, doch schon Johann Adelungs Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart (1774 –1786) stellte fest, daß die „im gemeinen Leben“ anstelle von „Pohle“ bzw. „Pohlin“ gebrauchten Bezeichnungen „ein Polāk, eine Polākinn“ etwas „Niedriges und Verächtliches bey sich“ habe, „ungeachtet es aus dem Pohln. Polacy entlehnet ist“.
In manchen deutschen Dialekten ist außerdem das Wort „Pollack“ in verschiedenen Schreibweisen für einen am Grunde des Gefäßes übriggebliebenen Getränke- oder Speiserest gebräuchlich. Der Sprachhistoriker Tomas Szarota hält für möglich, daß der Ausdruck ironisch gebraucht wurde, „da die Polen die Gewohnheit haben, Alkohol mit einem Zuge bis auf den letzten Tropfen zu trinken, im Gegensatz zu den Deutschen, die immer einen Rest übriglassen“. Er geht jedoch eher davon aus, daß der Bodensatz mit etwas Bösem in Zusammenhang gebracht und deswegen so genannt wurde.

Polnische Schimpfwörter setzen bei preußischen Tugenden an

Eine Polin schrieb mir amüsiert über die Frage, wie ihre Landsleute denn mitunter Deutsche oder Österreicher verächtlich titulierten, einen ganzen Schimpfwortschwall:
„Die beliebtesten sind für Deutsche‚ szwab = Schwaben, für deutsche Soldaten im II. Weltkrieg. Und für Österreicher: kasztany = Maroni, oder ,deutsche Zigeunerʻ. Andere Beispiele sind Fryce = Fritze(n), Prusaki = Preußen, Adolfki, Hitlerowcy, Goebbelsi, Gestapowcy oder allgemein: pierdoły saskie = sächsischer Mist.“
Man sagt oft: „typowy szwab“, was so viel heißt wie „typisch Deutscher“, womit auf Eigenschaften wie Fleiß, Geiz, Pflichtbewußtsein, Pünktlichkeit, Obrigkeitshörigkeit und Ungastlichkeit angespielt wird. Die „preußischen Sekundärtugenden“ geben also die Folie für die polnischen Unfreundlichkeiten ab. Die aus der Sprache des Dritten Reiches entlehnten Schmähungen ergeben sich geradezu folgerichtig daraus.

Im Deutschen gibt es längst nicht so viele, um nicht zu sagen, außer „Polacken“ überhaupt keine wirklich gängigen Schimpfwörter. Die Klischees vom klauenden Polen oder von dessen Trunksucht generieren zwar allerhand Witze, aber eben keine pejorativen Bezeichnungen des Nachbarvolkes. Eine Ausnahme ist die stehende Redewendung „polnische Wirtschaft“, die auf den Goethe-Zeitgenossen Georg Forster zurückgeht, der am 7. Dezember 1784 in einem Brief schreibt: „Von der polnischen Wirtschaft, von der unbeschreiblichen Unreinlichkeit, Faulheit, Besoffenheit und Untauglichkeit aller Dienstboten will ich nichts weiter sagen.“

Der amerikanische Kulturanthropologe Erdman B. Palmore stellte fest, daß mit steigendem sozialen Abstand einer ethnischen Mehrheit zu einer anderen ethnischen Gruppe die Anzahl der verschiedenen Ethnophaulismen ansteigt – dieser Befund läßt sich meiner Beobachtung nach auf das Verhältnis von Deutschen und Polen nicht übertragen, denn bei dem von Palmore wohl gemeinten Abstand dürfte es sich um denjenigen einer privilegierten gegenüber einer weniger privilegierten Volksgruppe – womöglich innerhalb eines Staates – handeln. Ich vermute also eher, daß die Polen wesentlich lieber, ausdauernder und kreativer schimpfen als die Deutschen und kann mit Bestimmtheit sagen, daß es dortzulande kaum „politische Korrektheit“ gibt.
Ob die zunehmenden Spannungen zwischen Deutschen und Polen in der unmittelbaren Kriegsgegenwart neue Ethnophaulismen hervorbringen werden, ist noch nicht abzusehen. Ich las kürzlich die Bezeichnung „die Hyäne Europas“; auch die abfällige Bezeichnung „die Polackei“ bekommt wieder Aufwind. Doch können wir gewiß sein: Auch auf der polnischen Seite werden sie sich nicht lumpen lassen und neue Schmähvokabeln für die alten „Frycen“ ersinnen.