Totengedenken – Unsere Unsterblichkeit

von Reinhild Bauer

November – Allerseelen ist’s, und die Kerzenmeere auf den Friedhöfen funkeln in der frühen Dämmerung durch die Nebelschwaden. Es ist der Tag des christlichen Totengedenkens. In den vorchristlichen Religionen dauerte das Totengedenken oft über mehrere Wochen, weshalb der November auch als der Totenmond bezeichnet wird. Die christliche Kirche vereinigte schließlich all die verschiedenen Bräuche und Daten um dieses Thema am Allerseelentag. Zur Ausübung des Gedenkens gibt es zahlreiche Riten: Als Sinnbild des immer wiederkehrenden Lebens holt man Zweige ins Haus und läßt sie dort in der Wärme aufblühen. Als Opfergabe wurde früher das Sinngebäck auf die Gräber gelegt, während man heute die Totenbrote bäckt und feierlich verzehrt.

Mit etwas Muße betrachtet ist Totengedenken ein viel umfassenderer Brauch als nur das Totengedenken des eigenen nahen Stammbaums. Allein die Tatsache, daß es in nahezu jeder Religion den Brauch des Totengedenkens gibt, läßt auf die große Bedeutung dieses Feiertages für den Menschen schließen. Wenn wir ein Totengedenken begehen, so gedenken wir jener Menschen unseres Volkes, die uns vorausgegangen sind; jenen, die schon Großes geleistet haben, uns in diese Welt geführt haben, in der wir heute leben. Das Totengedenken ist demnach ein Gedenken unserer Wurzeln, unserer Herkunft und im weiteren Sinne all dessen, was uns heute ausmacht.

Der Stolz auf die Ahnen, die vielen Erfinder, Dichter, Schriftsteller, Musiker, Maler, Bildhauer, Komponisten, erfüllt uns nicht nur mit einem großen Selbst- und Volksbewußtsein, sondern zeigt ebenso den Weg zur Unsterblichkeit auf. Wir erleben das erhebende Gefühl, kein alleinstehendes Individuum zu sein, wenn wir uns selbst als Glied der Kette ohne Ende sehen, uns in die fortlaufende Reihe unserer Ahnen stellen. Unser Leben mag vergänglich sein, doch unser Schaffen niemals. Unser Werk wirkt fort und leitet zur nächsten Generation über. Sind wir uns dieser Kette bewußt, unserer daraus resultierenden Unsterblichkeit, ist uns das ein großer Ansporn, auf dieser Welt unser Bestes zu geben.

Über die Autorin:
Aufgewachsen im Österreichischen Turnerbund und der Bündischen Jugend, zum Teil als Organisatorin. Studium zur Volksschullehrerin, anschließend drei Jahre in der österreichischen Politik tätig. Heute 28 Jahre alt, Ehefrau, Mutter eines einjährigen Sohnes und Mitorganisatorin zweier großer Sing- und Tanzveranstaltungen für die kulturinteressierte deutsche Jugend.