Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Tibet, Südtirol und der Kampf um Identität

von Alexander Schleyer

Wer einmal durch die Täler Südtirols gewandert ist, spürt schnell, daß Landschaft mehr sein kann als Natur. Die steilen Hänge, die Dörfer zwischen Weinreben und Felsen, die deutsche Sprache mitten in „Italien“ – all das erzählt von einer Identität, die sich gegen politischen Druck behauptet hat. Und seltsam genug führt genau dieses Gefühl gedanklich weit weg, hinauf auf das Hochplateau von Tibet. Zwei Regionen. Zwei Völker. Zwei Geschichten, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und sich doch in einem Punkt berühren: im stillen Kampf darum, sie selbst bleiben zu dürfen.

Lange Zeit war Tibet hermetisch abgeriegelt. Kein Ausländer durfte das geheime Reich hoch oben im Himalaya betreten. Erst die französische Universalgelehrte Alexandra David-Neel bereiste ab 1924 als Mönch verkleidet immer wieder das verborgene Land, das in fast allen Belangen so fern und fremd zu allem war, was die Welt kannte. Die schneebedeckten Berge. Die endlosen Hochebenen. Die roten und goldenen Klöster, die wie aus der Zeit gefallen schienen oder dem Roman Der verlorene Horizont von James Hilton entsprungen, der das Tibet-Bild bis weit in die Populärkultur gebracht hat. Tibet erscheint bis heute wie ein Ort außerhalb der modernen Welt – spirituell, still, unberührt.

Doch die Tibeter verloren 1952 ihre politische Eigenständigkeit mit dem blutigen Einmarsch der Volksrepublik China. Seitdem leben viele zwischen Anpassung und Widerstand, zwischen religiöser Tradition und staatlicher Kontrolle. Klöster werden überwacht, Sprache wird zurückgedrängt, Kultur folklorisiert. Wer Tibet besucht, sieht oft zuerst die Kulisse: Gebetsfahnen, Tempel, schneebedeckte Berge. Doch hinter dieser Schönheit liegen tiefe Unsicherheit und Angst. Während die Welt auf Palästina blickt, wird beinahe vergessen, wie ein ganzes Volk mit seiner Kultur von einem der mächtigsten Länder der Welt systematisch ausgerottet wird.

Auf der ausgedehnten Tibet-Reise des Verfassers selbst wurde deutlich, wie tief die hochtechnisierte chinesische Überwachung reicht. Besonders erschütternd ist der Gegensatz zwischen tibetischem Buddhismus und dem politischen Alltag. Der tibetische Buddhismus lehrt Mitgefühl, innere Ruhe und Gewaltlosigkeit. In Städten wie Lhasa drehen alte Menschen schweigend ihre Gebetsmühlen, während nur wenige Meter entfernt Kameras jede Bewegung erfassen. Mitunter brutale Polizeikontrollen gehören vielerorts zum Alltag. Smartphones werden überprüft. Gespräche können riskant werden. Viele Tibeter überlegen genau, was sie sagen – besonders gegenüber Fremden, denn mit ihnen dürfen sie nicht einmal sprechen, ohne Minuten später verhaftet zu werden. Die tibetische Sprache sowie die Schrift werden systematisch aus den Schulen verdrängt, jede Straßenecke ziert chinesische Propaganda: „Denke stolz an China, deine geeinte Heimat!“ Doch China ist nicht die Heimat der Tibeter.

Auch Südtirol kennt diese Angst. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Region Italien zugeschlagen. Unter Benito Mussolini begann eine aggressive Italianisierung: Deutsche Schulen wurden verboten, Ortsnamen verändert, Menschen entwurzelt. Viele Südtiroler erinnern sich bis heute daran wie an eine historische Narbe. Und dennoch verlief die Geschichte anders als in Tibet. Denn Südtirol erhielt schließlich etwas, das Tibet bis heute fehlt: einen politischen Kompromiß. Autonomie. Schutz der Sprache.

Heute ziehen sich zehnspurige Autobahnen durch die Hochebenen Tibets, auf denen kein einziges Auto fährt. Sie sind in weiser Voraussicht errichtet, denn bald schon werden tausende LKWs die reichen Uran-Ressourcen Tibets in die chinesischen Hafenstädte bringen. Schon heute besteht eine Zugverbindung von Lhasa direkt nach Shanghai – noch fahren nur Touristen mit dem Zug, doch sein eigentlicher Zweck ist die Verbringung von Rohstoffen. Chinas Belt-and-Road-Initiative wird nicht umsonst auch Neue Seidenstraße genannt; mal diplomatisch zurückhaltend, mal hochgradig aggressiv setzt das Reich der Mitte gnadenlos seine wirtschaftlichen Interessen durch. Die bedächtige, von der tiefen Spiritualität des Buddhismus geprägte Kultur und das freundliche Wesen der Tibeter sind hier nur Hindernisse.

Lange Zeit galten die USA und Indien als verläßliche Unterstützer der tibetischen Sache, doch als Mao Zedong den Amerikanern billige Arbeitskräfte anbot, begann nicht nur der Ausverkauf der amerikanischen Industrie, sondern der stille Deal, Tibet, das bis dahin eigene Reisepässe ausstellte und Teil der Vereinten Nationen war, lieber ruhen zu lassen. Der Dalai Lama als nicht nur religiöses, sondern auch politisches Oberhaupt der Tibeter floh daraufhin ins indische Dharamsala. Immer wieder meldete sich der 86jährige kritisch zu Wort, etwa dann, wenn er die Islamisierung Europas und die kulturellen Folgen der Masseneinwanderung aufzeigte – er nämlich weiß, wovon er spricht.

Trotz des unwirtlichen Geländes und Siedlungen auf über 5.000 Höhenmetern sprießen riesige Plattenbauten aus der Hochebene; Wohnsilos für billige chinesische Arbeiter, die aus allen Provinzen des Landes herangekarrt werden, um die Industrialisierung Tibets voranzutreiben, ob es will oder nicht. Staat und Wirtschaft sind beinahe gänzlich in chinesischer Hand – administrativ wie auch sprachlich. Ähnlich dominiert in Städten wie Bozen häufig Italienisch im öffentlichen Leben, im Handel oder in Teilen der Verwaltung. Viele deutschsprachige Südtiroler empfinden insbesondere die Urbanisierung und Zuwanderung aus anderen italienischen Regionen als Veränderung des kulturellen Gleichgewichtes. All dies geschieht nicht ohne Ziel und Plan.

Viele historische Klöster wurden während der kommunistischen Kulturrevolution zerstört. Zwar wurden einige später wieder aufgebaut, doch häufig unter staatlicher Kontrolle und zugleich als touristische Kulisse inszeniert. Manchmal entsteht der Eindruck, daß tibetische Kultur gezeigt werden dürfe – solange sie ungefährlich bleibe. Gerade dort erleben viele Tibeter schleichende Veränderungen. Mandarin gewinnt im Bildungssystem zunehmend Vorrang. Junge Tibeter wachsen oft zwischen zwei Welten auf: der traditionellen Kultur ihrer Familien und den Anforderungen eines stark zentralisierten chinesischen Staates. Bereisen darf man Tibet ohnehin nur noch unter Anleitung eines tibetischen Führers. Viel mehr Möglichkeiten haben die Tibeter ohnehin nicht; die meisten arbeiten in einfachen Berufen und werden von den Chinesen regelrecht als Sklaven gehalten, nur wer Glück hat, erlangt einen der begehrten Jobs im Tourismus.

Und dennoch begegnet man immer wieder einer erstaunlichen Würde. Vielleicht ist genau das das Beeindruckendste an Tibet: daß eine Kultur trotz jahrzehntelangem politischen Druck nicht verschwunden ist. Daß Menschen weiterhin pilgern, beten, Feste feiern und ihre Traditionen weitergeben. Daß Spiritualität dort nicht Folklore ist, sondern eine Form inneren Widerstands. Trotzdem hat es auch in Tibet zahlreiche Feuernächte gegeben, unzählige sprichwörtliche Masten wurden gesprengt. Doch die blutigen Aufstände wurden nicht weniger blutig niedergeschlagen. Jahrzehntelang unterhielt die CIA geheime Ausbildungslager in den Bergen von Nepal, um den bewaffneten Widerstand zu fördern und tibetische Freiheitskämpfer auszubilden. Doch meist scheiterten die Guerilla-Vorhaben an unüberwindbaren sprachlichen, kulturellen und technischen Hürden. Irgendwann wurde es still um Tibet. Die Menschen zogen sich zurück in die alten Schriften des Buddhismus, in Meditation und Stille, einem übermächtigen Gegner gegenüber, den sie nie bezwingen können. Der tibetische Buddhismus wirkt dabei fast wie ein Gegenentwurf zur modernen Welt: Langsamkeit statt Beschleunigung. Meditation statt Lärm. Mitgefühl statt Macht.

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