von Mario Kandil
Auch Pommern blieb vom Inferno der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten am und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht verschont. Unsägliches Leid und grausame Verbrechen trafen auch diese unglücklichen Landsleute. Im hinteren Pommern lebten laut amtlicher Volkszählung mit Stand vom 17. Mai 1939 1.707.616 Einwohner. Diese Zahl stieg durch die Geburtenrate und die Kinderlandverschickung nach Pommern sowie den Umzug von Deutschen aus den bombardierten Gebieten im deutschen Westen ab 1943 so weit an, daß am Ende eine Einbuße von sogar 1.762.000 Einwohnern stand. Davon betrug der Verlust durch gewaltsamen Tod 330.000 Deutsche und der durch Flucht, Vertreibung und Verschleppung 1.432.000.
„Gustloff“, „General von Steuben“, „Goya“ – Trilogie des Schreckens
Durch den sowjetischen Vorstoß an die Ostsee im westlichen Ostpreußen Mitte Januar 1945 und wenige Wochen später auch in Pommern wurden die östlich davon gelegenen Gebiete abgetrennt, womit für zahlreiche Flüchtlingstrecks der Landweg nach Westen versperrt war. Die Flucht war nun nur mehr über die Ostsee möglich. Als erstes und größtes Schiff in einem Geleitzug fuhr die „Wilhelm Gustloff“ mit ca. 6.000 Flüchtlingen an Bord am 30. Januar 1945 gegen 21 Uhr ca. 60 km vor der pommerschen Küste nach Mecklenburg, als sie von dem sowjetischen U-Boot U-13 mit Torpedos versenkt wurde. Der sowjetische U-Boot-Kapitän Alexander Marinesko zeichnete dafür verantwortlich, daß letztlich gerade einmal an die 1.100 Menschen gerettet werden konnten, alle anderen jedoch im eisigen Wasser umkamen. Ebenso versenkte Marinesko nach der „Gustloff“ am 10. Februar 1945 auch noch den Verwundetentransporter „General von Steuben“. In diesem kaltblütig ausgeführten Massaker, das nicht als Kriegshandlung bemäntelt werden kann, kamen 3.500 Deutsche qualvoll ums Leben. Damit nicht genug, führte mittels Versenkung der „Goya“ das sowjetische U-Boot L-3 unter dem Kommando von Kapitän V. K. Konowalow am 16. April 1945 die wohl verheerendste Schiffskatastrophe der Geschichte herbei: Nach späteren Berechnungen starben bei der Versenkung des Frachters 6.000 bis 7.000 Flüchtlinge. Nur 183 Personen überlebten den Untergang. Wahre Ruhmestaten, die die sowjetischen „Befreier“ da vollbrachten…
Aber nicht bloß die Sowjets, sondern auch die sich als Vorbilder für Freiheit und Menschlichkeit inszenierenden Angloamerikaner verstanden sich auf solche Akte der enthemmten Kriegsführung. Ein besonders perfider Luftangriff der USA auf Zivilisten ereignete sich am 12. März 1945, und er traf die mit Flüchtlingen aus Ostpreußen überfüllte pommersche Hafenstadt Swinemünde. Der kleine Badeort auf der Ostseeinsel Usedom fungierte ab Februar 1945 als zentraler Hafen der deutschen Fluchtbewegung und bildete den Vorhafen der pommerschen Hauptstadt Stettin. Pro Tag konnte die Fähre nach Swinemünde 12.000, die Eisenbahnfähre sogar 15.000 Menschen befördern. Die Alliierten wußten wegen des nur rund 50 km entfernten Testgeländes für Raketen in Peenemünde genau über die Vorgänge auf Usedom Bescheid. Obwohl die U. S. Air Force den grausamen Luftschlag nur als Angriff auf „Rangierbahnhöfe“ verbuchte, waren die Opfer tausende Zivilisten, von denen gerade 1.667 identifiziert werden konnten. Hans Schön, ein Überlebender der „Wilhelm Gustloff“ und späterer Buchautor, geht von 28.000 Todesopfern aus. In seinen Erinnerungen schreibt Schön u. a. darüber, wie er beim Wegschaffen der Toten von seinen Emotionen übermannt wurde: „Ich konnte nicht damit fertig werden, so viele Tote sehen zu müssen, vor allem Frauen und Kinder.“
Die Überlebenden fanden eine Bleibe, aber nicht immer ein Zuhause.
Die Antideutschen werden hier einwenden, Deutsche könnten immer nur Täter, niemals aber Opfer sein. Diesen Zynikern sei entgegengehalten, was der frühere BRD-Bundespräsident Roman Herzog (CDU) völlig zutreffend so ausgedrückt hat: „Kein Unrecht, und mag es noch so groß gewesen sein, rechtfertigt anderes Unrecht. Verbrechen sind auch dann Verbrechen, wenn [ihnen] andere Verbrechen vorausgegangen sind.“ Und solche Verbrechen der „Befreier“ trafen viele, die Pommern verlassen mußten, sowie viele, die aus Pommern nicht fortkamen. In Schleswig-Holstein, das in der späteren BRD mit einer Million aufgenommener Menschen zum Bundesland mit den meisten Flüchtlingen wurde, fanden viele Pommern zwar eine Bleibe, aber nicht immer ein Zuhause. Auch anderswo in Westdeutschland waren die Landsleute aus der „kalten Heimat“ lange unbeliebt.