von Mario Kandil
Kalendarium Kandili (74)
Paul Gerhardt gehört in Deutschland zu den wichtigsten Kirchenlieddichtern, und zwar für Protestanten wie auch für Katholiken. Sein Todestag jährt sich 2026 zum 350. Mal.
Geboren wurde er am 12. März 1607 nach julianischem Kalender (22. März 1607 nach gregorianischem) in Gräfenhainichen, das im April 1637 schwedische Soldaten zerstörten. Gerhardt besuchte die Fürstenschule St. Augustin in Grimma und studierte ab 1628 in Wittenberg Theologie. Dort lernte er auch das Werk des Poeten August Buchner, der in Wittenberg dozierte, kennen und dazu weitere Personen, die Gerhardts spätere Verbindung von Frömmigkeit und Dichtkunst prägten.
1643 ging Gerhardt nach Berlin und arbeitete zunächst als Hauslehrer. 1657-67 war er als Pfarrer an der Berliner Nikolaikirche tätig. Seine Kriegserlebnisse verarbeitete Gerhardt in weiteren Liedtexten, in die er auch theologische Themen einarbeitete. 1651 wurde Gerhardt Pfarrer in der St.-Moritz-Kirche in Mittenwalde im heutigen Brandenburg. In dieser Zeit verfaßte er u. a. das bekannte Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“. Anfang 1655 heiratete Paul Gerhardt, aus seiner Ehe überlebte am Ende nur ein Kind die Eltern.
Als Brandenburgs Kurfürst Friedrich Wilhelm das Berliner Religionsgespräch einberief, um das reformierte und das lutherische Bekenntnis miteinander zu versöhnen, nahm Gerhardt als ein lutherischer Vertreter daran teil. Der reformiert gläubige Kurfürst erließ 1664 ein Toleranzedikt, das der Lehre der Reformierten Vorschub leistete und das auch die Lutheraner unterzeichnen sollten. Gerhardt verweigerte seine Unterschrift, was dazu führte, daß er als Pfarrer entlassen wurde. Nach Protesten einiger Bürger und märkischer Landstände setzte der Kurfürst Gerhardt zwar wieder ein, doch lehnte der eine Rückkehr ins Amt aus Glaubens- und Gewissensgründen ab. Ab 1668 übernahm Gerhardt in Lübben (Spreewald) geistliche sowie seelsorgerische Tätigkeiten.
Paul Gerhardt verstarb am 27. Mai 1676 nach julianischem Kalender (6. Juni 1676 nach gregorianischem) in Lübben, wo seit 1930 die Kirche nach ihm benannt ist. Im seinem tätigen Leben zeigte er nicht nur große Spiritualität, sondern auch Mut vor den Mächtigen: Immerhin nahm er seine Wiedereinsetzung als Pfarrer durch den Kurfürsten nicht an. Eigener Glaube und eigenes Gewissen besaßen für diesen Theologen und Kirchenlieddichter einen höheren Stellenwert als die Macht eines Fürsten.
Über den Autor:
Dr. phil. Mario Kandil M.A., geb. 1965, studierte in Aachen Mittlere und Neuere Geschichte, Alte Geschichte und Politische Wissenschaft und promovierte in Hagen. Nach langjähriger Tätigkeit im universitären Bereich und in der Erwachsenenbildung heute freier Historiker und Publizist. Forschungsschwerpunkte: Zeitalter der Französischen Revolution und Napoleons I. sowie der Nationalstaaten, Weltkriege und Kalter Krieg.