Otto der Große

Kalendarium Kandili (4)

von Mario Kandil

Bis heute verbindet sich mit Kaiser Otto I., der am 23. November 912 geboren wurde, der Sieg über die Ungarn in der Schlacht auf dem Lechfeld am 10. August 955. Aus dem altsächsischen Adelsgeschlecht der Liudolfinger kommend gilt er als bedeutendster Ottonenherrscher.

Den Beinamen „der Große“ erhielt der Kaiser nach seinem Ungarnsieg, weil dessen welthistorischer Rang bereits von seinen Zeitgenossen deutlich empfunden wurde. Diesem Sieg gegenüber tritt auch jener in der Mongolenschlacht bei Liegnitz 1241 klar in den Hintergrund. Mit dem Triumph über die Magyaren und dem zwei Monate später an der Recknitz errungenen Sieg über die Slawen erwies sich Otto I. als siegreicher Beschützer der lateinischen Christenheit.

Im Inneren waren die ersten Jahre seiner Regierung durch Konflikte mit Mitgliedern der königlichen Familie, darunter zweien seiner Brüder, und mit mächtigen Adeligen geprägt, bis sich Otto  endgültig als alleiniger Herrscher im ostfränkischen Reich durchzusetzen vermochte. 968 unternahm er mit der Errichtung des Erzbistums Magdeburg Wesentliches für die Missionierung, denn es wurde zur Basis für die Eroberung slawischer Gebiete und für deren Christianisierung.

Seit 936 deutscher und infolge seiner zweiten Heirat 951 mit der Königswitwe Adelheid auch italienischer König, wurde er 962 von Papst Johannes XII. in Rom zum römisch-deutschen Kaiser gekrönt. Otto der Große begründete damit die Tradition der Verbindung von ostfränkisch-deutscher Königswürde und dem Kaisertum. Mit der Krönung zum Kaiser hatte er die karolingische Tradition aufgegriffen und die Rechtsnachfolge des Imperiums Karls des Großen angetreten. Dadurch war ihm auch die Rolle eines Schutzherrn der Kirche zugefallen. Als solcher mußte er ihr mit einem Zug über die Alpen zu Hilfe kommen, dazu gegen Feinde, die aus ihren eigenen Reihen kamen.

Otto I. sah in Italien nur ein Vehikel, um das Reich der Deutschen von einem fragilen, lockeren Verband zu einer Staatsformation umzugestalten, die dem Willen zur Einheit Rechnung trug. Jenem Einheitswillen, der die ostfränkischen Stämme schon 919 dazu veranlaßt hatte, Heinrich I. um Annahme der Königswürde des Deutschen Reichs zu ersuchen. Für viele Historiker des 19. Jahrhunderts galt Otto I. als Begründer des ersten eigenständigen Staates der Deutschen. Und durch seinen Sieg gegen die Ungarn, den Gewinn Italiens und die Krönung zum Kaiser habe Otto Deutschland unter den Völkern Europas den ersten Platz gesichert.

Über den Autor:

Dr. phil. Mario Kandil M.A., geb. 1965, studierte in Aachen Mittlere und Neuere Geschichte, Alte Geschichte und Politische Wissenschaft und promovierte in Hagen. Nach langjähriger Tätigkeit im universitären Bereich und in der Erwachsenenbildung heute freier Historiker und Publizist. Forschungsschwerpunkte: Zeitalter der Französischen Revolution und Napoleons I. sowie der Nationalstaaten, Weltkriege und Kalter Krieg.