Auszahlung

Begegnungen am Weg (1)

von Ronald F. Schwarzer, Impresario, Waldgänger & Partisan der Schönheit

Seit meinem 18. Lebensjahr habe ich eine Steuernummer, und das Finanzamt weiß stets sehr genau, wann es mir wieviel wegnehmen möchte. Allein, als dasselbe Finanzamt nun mit milder Hand Almosen als Helikoptergeld unter die Untertanen streute, haben sie mich nicht über mein Konto abgerechnet.

Mit einem blauen RSA-Brief durfte ich mich ins zuständige Postamt begeben, woselbst eine unüberschaubare Menschenmenge mit gleichen blauen Kuverten herumwedelte. Rund eineinhalb Stunden später war ich an der Reihe, dem Postbeamten, der schon recht gut Deutsch sprach und einen oberflächlich alphabetisierten Eindruck machte, mein Einschreibekuvert vorzulegen. Dies wurde in meinem Beisein geöffnet, um ihm ein weiteres Kuvert zu entnehmen, das nun wieder allein zu öffnen war, um ihm zehn bunt gestaltete Gutscheine im Wert von je € 50 zu entnehmen, die der Postbeamte nun einzeln zu scannen und abzustempeln hatte. Dann griff er endlich großzügig in die Geldlade und händigte dem Bittsteller die milde Gabe aus. Schön, daß die Herrschenden den Untertanen nicht nur mit deren eigenem Geld das Maul stopfen, sondern dafür auch ein Verfahren entwickelt haben, das sonst schwer vermittelbaren Fachkräften Beschäftigung ermöglicht.

Ganz besonders aber freut mich, daß dieser Geldregen nicht nur auf die eigenen Leute niederprasselt, denn zur Entwicklung dieses avancierten Auszahlungsystems haben wir die Dienste einer französischen Firma in Anspruch nehmen müssen, die sich dafür mehr als 20 Millionen Euro in die Tasche stecken durfte.

Wer hat, der hat, und Mildtätigkeit kennt keine Grenzen!