Oskar Werner mit Faye Dunaway und Regisseur Rosenberg bei Dreharbeiten in Barcelona, 1975
Foto: Wikimedia Commons, Fotocollectie Anefo

Oskar Werner: Genial, kompromißlos, unbeugsam

Vor 100 Jahren wurde der unangepaßte Jahrhundertschauspieler geboren.

von Hermann Attinghaus

Eigentlich hieß er Oskar Josef Bschließmayer; geboren wurde er am 13. November 1922 im sechsten Wiener Gemeindebezirk in der Marchettigasse 1a. Dort wurde eine Gedenktafel angebracht, einige Häuserblöcke entfernt eine unscheinbare Ecke Oskar-Werner-Platz genannt. Auch in der Josefstadt findet sich eine Gedenktafel.

„Anpassungsfähigkeit ist eine Eigenschaft, die ich nicht anstrebe“, lautete einer von Werners kernigen Sprüchen, die ihn so trefflich charakterisieren. Er hat sich Zeit seines zu kurzen Lebens an diese Maxime gehalten.

Seine Jugendjahre in Gumpendorf sind gekennzeichnet von den ärmlichen Verhältnissen, in denen er aufwuchs. Zum Vater hatte er kein gutes Verhältnis, die schwer arbeitende Mutter hatte unter den gegebenen Umständen nur wenig Zeit für den sensiblen Buben. Die frühe Scheidung der Eltern und der Selbstmordversuch seiner Mutter – Werner war erst acht Jahre alt – überschatteten seine Kindheit. Das innige Verhältnis zu seiner verständnisvollen Großmutter half ihm über die schwerste Zeit hinweg. Schon bald fand er den Weg zum Theater, das ihn Zeit seines Lebens nicht mehr loslassen wird. Die Auftritte in Schulaufführungen sind ihm eine mehr als willkommene Abwechslung vom wenig inspirierenden Unterricht. Bald bewirbt sich Werner auch beim Radio und beim Film. In einem Ordner, der in seinem Nachlaß gefunden wurde, hat er die bescheidenen Anfänge seiner Karriere genauestens dokumentiert. In den Jahren von 1938 bis 1947 wirkt Oskar Werner dann in insgesamt elf Filmen und 70 Radiosendungen mit; außerdem tritt er 1940 im Kabarett Der Beißkorb und 1941 im Theaterstück Die Komödie auf. Damals hatte er bereits den Künstlernamen Oskar Werner angenommen.

Auf Abruf am Theater

Da er als einziger seiner Klasse bei der Matura durchgefallen war – in Englisch, Französisch und Mathematik –, verließ er die Schule ohne Abschluß und wurde sogleich zum „Reichsarbeitsdienst“ eingezogen. Als er diesen hinter sich gebracht hatte, erhielt er am 1. Oktober 1941 ein Engagement an das Wiener Burgtheater. In weiterer Folge aber wurde sein Vertrag „aus Rücksicht auf eine mögliche Einberufung zum Wehrmachtsdienst“ jeweils nur für einen Monat abgeschlossen. Als Werner 1942 dann doch einrücken mußte, wurde er dem Theater tageweise auf Anforderung zur Verfügung gestellt. Der Versuch, für ihn die „Unabkömmlichkeitsstellung“ zu erwirken, mißlang. Im Frühjahr 1944 heiratete er seine um zwölf Jahre ältere Kollegin Elisabeth Kallina, Burgstar Raoul Aslan war sein Trauzeuge. Als er bei einem schweren Bombenangriff auf das Wiener Arsenal am 10. September 1944 verschüttet wurde, blieb er zwar unverletzt, erlitt aber einen derartig massiven Nervenschock, daß er zwei Monate Genesungsurlaub erhielt. Als er danach an die Front versetzt werden sollte – die Theater waren mittlerweile kriegsbedingt geschlossen –, wurde er fahnenflüchtig und versteckte sich bis Kriegsende mit Frau und Kind.

Auf der Bühne und vor der Kamera mit den Stars seiner Zeit

Die erste Nachkriegszeit bildete die Lehrjahre eines Genies. Werner stand so gut wie jeden Abend auf der Bühne des Burgtheaters. Die besten Schauspieler deutscher Zunge waren seine Kollegen, von denen er sich so manches abschaute, ohne allerdings die großen Vorbilder bloß zu imitieren. Damals spielten u. a. Käthe Gold und Paula Wessely, die Brüder Hörbiger, Raoul Aslan, Richard Eybner, Werner Krauß und Albin Skoda an der Burg. Im letzten Jahr seines ersten Engagements wirkte Werner in über 180 Vorstellungen in insgesamt 14 verschiedenen Rollen und Stücken von Goethe, Schiller, Molière, Shakespeare, Nestroy und Hofmannsthal mit.
Einer der besten Filme der Nachkriegsjahre, Der Engel mit der Posaune nach dem gleichnamigen Roman von Ernst Lothar, kam 1948 in die Kinos. Der Streifen erzählt die wechselhafte Geschichte der großbürgerlichen Wiener Klavierbauerfamilie Alt zwischen 1888 und 1945 und reflektiert die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen dieser Zeit. Er kam derart gut an, daß sich der Produzent Alexander Korda entschloß, eine englische Neuverfilmung herzustellen. Maria Schell, Anton Edthofer und Oskar Werner waren die einzigen Schauspieler, die auch in dieser Fassung mitwirkten. Im April 1949 fuhr Werner kurzerhand nach London – ohne Erlaubnis des Burgtheaters. Daraufhin wurde er fristlos gekündigt – und war frei für Hollywood, wo er an der Seite von Hildegard Knef, Helene Thimig und O. E. Hasse in Entscheidung vor Morgengrauen spielte.
Nach Europa zurückgekehrt wurde er an der Burg in Gnaden wieder aufgenommen. Mit dem Hamlet, seiner Lieblingsrolle seit Jugendtagen, machte er 1953 in Frankfurt am Main Furore; 1956 brillierte er auch im Theater in der Josefstadt in dieser Rolle. Karajan holte ihn 1970 nach Salzburg und war so beeindruckt, daß er ihm das Du anbot. Bei der Wiedereröffnung des Burgtheaters gab er sensationell Schillers Don Carlos – für alle, die dabei sein durften, ein unvergeßliches Erlebnis.
Daneben kam auch der Film nicht zu kurz. Im Jahre 1955 spielte er mit Ewald Balser als Oberst Redl in Spionage, mit Albin Skoda als Hitler in Der letzte Akt und als Mozart in Reich mir die Hand mein Leben, u. a. mit Johanna Matz und Erich Kunz. Weitere filmische Höhepunkte folgten: 1962 Jules und Jim mit Jeanne Moreau, 1964 Das Narrenschiff mit Simone Signoret, Vivien Leigh und Heinz Rühmann; 1965 Der Spion, der aus der Kälte kam mit Richard Burton und Claire Bloom. 1966 folgte Fahrenheit 451 mit Julie Christie – bis heute einer seiner besten und bekanntesten Filme.

Einzigartige Stimme, klare Worte

Oskar Werner inszenierte auch und hatte zeitweise sogar ein eigenes Ensemble. Daß er ein begnadeter Rezitator war, darf ebenso wenig unerwähnt bleiben. Gerade bei Lesungen kam seine schöne Stimme mit dem einmaligen Timbre und der perfekten Technik besonders gut zur Geltung. Ob es sich um Goethes Prometheus oder Schillers Bürgschaft, Knut Hamsuns autobiographische Erzählung Hunger, Gedichte Heines oder Mörikes, Rilkes oder Trakls handelte – stets wußte er mit feinen Modulationen seine Hörer in Bann zu ziehen. Ganz besonders liebte Werner Weinhebers Gedichte, die ihm besonders am Herzen lagen einer seiner besten – denn er fühlte sich stets als echter Wiener.
Sein größtes Problem war die Alkoholkrankheit, mit der er nicht umzugehen verstand und die ihn Jahre seines Lebens kostete. Oskar Werner starb mit 61 Jahren während einer Gastspielreise am 23. Oktober 1984 in Marburg an der Lahn.
Unangepaßt war er schon immer gewesen. Viele seiner starken Ansagen zeigen das sehr deutlich. In seinem letzten Interview – 1981 mit der Zeitschrift Wiener – sind einige enthalten, etwa „Ich lese keine Kritiken, weil es mich nicht interessiert, was Eunuchen über die Liebe sagen“. Oder auch: „Faßbinder ist ein Brechmittel für mich. Genau deshalb schäme ich mich, daß in meinem Reisepaß noch Schauspieler steht“ und „So unwürdig, wie sich heute das Theater und der Film und das Fernsehen gebärden, das hat es, seit ich selbst beim Handwerk bin, noch nie gegeben.“
Was würde Oskar Werner wohl zu den Hervorbringungen des zeitgenössischen Regietheaters sagen?