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Monumente und der Wille zur nationalen Identität

von Erik Lehnert

Wenn es um die meistbesuchten Sehenswürdigkeiten im heutigen Polen geht, steht die Marienburg, die Hauptburg des Deutschen Ordens, in der Liste ziemlich weit vorn. Das liegt nicht nur an der Anziehungskraft, die diese auf deutsche Touristen hat, sondern vor allem daran, daß die Polen selbst in Scharen an die Nogat fahren. Die Marienburg steht seit 1994 auf der Liste staatlicher Kulturgüter Polens und gehört damit zu den ersten Monumenten, denen dieser Status zuerkannt wurde. Daß die Burg zweifellos deutschen Ursprungs ist, stört die Polen dabei wenig. Sie berufen sich bei der kulturellen Aneignung auf jene Phase der Geschichte, als die Burg vorübergehend eine Residenz der polnischen Könige war. Aber noch etwas anderes macht es den Polen leicht, diesen Ort nicht nur territorial, sondern auch mental als den ihren zu betrachten: Die im Zweiten Weltkrieg von den Sowjets bis auf die Grundmauern zerstörte Burg wurde von ihnen wieder aufgebaut, sodaß sie heute wieder im alten Glanz erstrahlt.

Die Marienburg bildet keine Ausnahme ‒ auch die Altstädte von Danzig und Breslau wurden von den Polen originalgetreu wiederaufgebaut.

Auch das war Ausdruck der Inbesitznahme der deutschen Ostgebiete, allerdings beschränkten sich die polnischen Aufbauleistungen nicht darauf. Auch in den eigenen Städten, vor allem am Königsschloß in Warschau, wurde man tätig. Die Bemühungen folgten dabei einer Idee, die seit der Wiedererrichtung Polens nach dem Ersten Weltkrieg im Erhalt und Wiederaufbau nationaler Erinnerungsorte eine Möglichkeit sah, die nationale Identität zu bewahren und zu stärken.
Bereits nach dem Ersten Weltkrieg entschied man sich daher, der Wawelburg in Krakau wieder ihre ursprüngliche Form zu geben und die österreichischen Umbauten zu entfernen. Diesem Grundsatz folgte die Restaurierung der Altstädte von Warschau und Posen, aber auch die der bereits erwähnten deutschen Städte, die nicht nur als kulturhistorisch wertvoll, sondern auch als historisches Zeugnis der polnischen Piastenherrschaft gewertet wurden. Als glücklicher Umstand erwies sich dabei, daß es zumindest in den 1950er-Jahren starke, ideologisch bedingte Vorbehalte gegen die moderne Architektur in Polen gab, das seit 1945 kommunistisch regiert wurde.

Im kriegszerstörten Deutschland war die Situation ganz anders. Um die 1951 fertiggestellte Rekonstruktion des Goethehauses in Frankfurt am Main gab es eine entsprechende Debatte. Während vor allem berühmte Kirchen und Schlösser bald wieder restauriert wurden, hielt die Zurückhaltung bei der Rekonstruktion von Altstädten noch lange an. Das führte u.a. zum kuriosen Umstand, daß die Verfilmung des in Lübeck spielenden Romans Die Buddenbrooks von Thomas Mann in der wiederaufgebauten Altstadt von Danzig gedreht werden mußte. In Lübeck störten die Neubauten, mit denen man die Bombenlücken gefüllt hatte.
In der wie Polen unter kommunistischer Herrschaft stehenden DDR verlief die Entwicklung in anderen Bahnen. Auch hier wurden die Dome von Magdeburg und Halberstadt und auch der Dresdner Zwinger rekonstruiert; gleichzeitig stand vieles, was mit der preußischen Tradition in Verbindung stand, auf der Abrißliste. Die bekanntesten Beispiele sind das Berliner und das Potsdamer Stadtschloß, aber auch die Potsdamer Garnisonskirche. Es kam auch später noch zu ideologisch motivierten Abrissen wie 1968 im Fall der Leipziger Universitätskirche. Vor allem war aber vieles dem Verfall preisgegeben, was nach 1990 zu dem paradoxen Resultat führte, daß es in der ehemaligen DDR noch viel ‒ wenn auch schlecht erhaltene ‒ Altbausubstanz gab, wohingegen in Westdeutschland Neubauten an deren Stelle getreten waren. Die Attraktivität vieler mitteldeutscher Städte rührt daher, daß es zu DDR-Zeiten an Geld für Abriß und Neubau fehlte.

Ein ungebrochenes Verhältnis zur Vergangenheit wollte sich in Deutschland auch nach der Wiedervereinigung nicht wieder einstellen.

Hierzulande wurde die Zerstörung deutscher Altstädte von nicht wenigen einflußreichen Personen als gerechte Strafe für den Nationalsozialismus angesehen. Auch wenn die Frauenkirche in Dresden wieder aufgebaut und das Altstadtviertel in Frankfurt am Main rekonstruiert wurde, zeigen doch die anhaltenden Debatten um das in verstümmelter Form wiedererrichtete Berliner Stadtschloß oder die Garnisonskirche in Potsdam, woran es noch immer mangelt: am Willen zur nationalen Identität. Die Polen hingegen haben verstanden, daß eine Nation Monumente braucht, an denen sie sich aufrichten kann.