von Martin Lichtmesz
Kolberg, polnisch Kołobrzeg, ist eine Küstenstadt in der heutigen Woiwodschaft Westpommern mit etwa 43.000 Einwohnern. Nach 1945 vollständig polonisiert, ist sie Cinephilen wie mir vor allem durch einen nationalsozialistischen Propagandafilm in Erinnerung geblieben: Schlicht betitelt Kolberg wurde dieser im Jahre 1943, als bereits abzusehen war, daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, von Joseph Goebbels in Auftrag gegeben. Der Film sollte das Vom Winde verweht des Dritten Reiches werden, eine epische Superproduktion in Agfacolor mit Heerscharen an Statisten und einer ideologisch zugespitzten Botschaft. Wie in etlichen anderen Filmen dieser Art – man denke an Ohm Krüger oder Der große König – sollte eine zwar tragisch umschattete, aber doch ruhmreiche Vergangenheit eine inspirierende Parallele für eine erwünschte Gegenwart und Zukunft liefern. Die Belagerung Kolbergs im Jahre 1807 durch napoleonische Truppen und seine erfolgreiche Verteidigung unter der Führung von Gneisenau, Schill und Joachim Nettelbeck waren bereits 1865 von Paul Heyse in einem äußerst erfolgreichen Drama zum preußisch-nationalen Mythos verklärt worden. Der Film sollte nach Goebbels’ Weisung „am Beispiel der Stadt, die dem Film den Titel gibt, zeigen, daß ein in Heimat und Front geeintes Volk jeden Gegner überwindet.“ Als Regisseur wurde Veit Harlan gewählt, der 1940 den neben Triumph des Willens und Der ewige Jude wohl berüchtigsten NS-Propagandafilm inszeniert hatte, das wüst antisemitische Stück Jud Süß, das sich ebenfalls auf historische Begebenheiten berief.
Kolberg kam viel zu spät, um noch ein Publikum zu finden oder eine nennenswerte Wirkung zu entfalten.
Die Uraufführung fand am 30. Januar 1945 statt, am Tag des Unterganges der Wilhelm Gustloff, zugleich in der belagerten Atlantikfestung La Rochelle – wohin die Kopie per Fallschirmabwurf gelangt war – und im Berliner Tauentzien-Palast. Der Film wurde sogar noch in Danzig, Breslau und Königsberg gezeigt, ostdeutschen Städten, die nur wenige Monate später der Roten Armee in die Hände fielen und Deutschland für immer verloren gingen. Bis zuletzt blieb Kolberg eines der am fanatischsten verfolgten Projekte des Möchtegern-Filmmoguls Goebbels. Es ist, als hätte man in der brennenden Nibelungenhalle die letzten Energien darauf vergeudet, eine Wagner-Oper zu inszenieren. Es war aber auch Goebbels, der den Film schließlich verstümmelte und allzu drastische Kriegsszenen herausschneiden ließ, da er Eskapismus und Durchhaltewillen kombinieren wollte. Diese Umstände verleihen dem Film aus heutiger Sicht etwas Wahnwitziges, beinahe Surreales, gleich einer Episode aus Francis Ford Coppolas Vietnamkriegsfilm Apocalypse Now.
Während der Zweite Weltkrieg in seine wohl schrecklichste Phase ging, inszenierte Harlan, nicht weit von der realen Front entfernt, einen filmischen Parallelkrieg, entrückt in ein Ufa-Reich aus Kunst, Unterhaltung und Wunschdenken. Die männliche Hauptrolle des Nettelbeck übernahm der legendäre Heinrich George, der 1946 als Häftling im nunmehr sowjetisch geführten KZ Sachsenhausen verstarb, während die weibliche Hauptrolle wie in fast allen Harlan-Filmen bis 1958 von dessen schwedischer Gattin Kristina Söderbaum verkörpert wurde. Die goldenen Buchstaben des Vorspannes und der Zwischentitel, die farbenprächtigen Uniformen, die knallroten Lippen und großen blauen Kulleraugen der Söderbaum, die Parolen deklamierenden idealgesinnten Menschen, die für das Vaterland alles zu opfern bereit und „lever dood as Slaav“ sind – all das wirkt heute wie eine großangelegte Selbsthypnose, eine aussichtslose Beschwörung der nationalen „mobilisierenden Mythen“, als hätten die epischen Bilder noch im letzten Moment die Kraft, die Wirklichkeit zu verändern, als könnte die klassische „last minute rescue“ des Kinos auch im wirklichen Leben ein Happy End herbeizaubern.
Ein letztes Mal sieht man im Film Breslau, Königsberg und eben Kolberg, wenige Monate vor ihrer Zerstörung.
Kolberg markiert auch das Ende von Bildern und Überlieferungen, die älter sind als die NS-Ideologie. Geradezu märchenhaft verklärt erscheint die Königin Luise, dargestellt von der atemberaubend schönen deutschbaltischen Schauspielerin Irene von Meyendorff. Ein letztes Mal sieht man im Film Breslau, Königsberg und eben Kolberg, wenige Monate vor ihrer Zerstörung. Auch eine filmgeschichtliche Ära geht mit ihm zu Ende: In der Besetzung finden sich große Namen aus der Blütezeit des Weimarer Kinos, das von der NS-Kulturpolitik zerstört wurde, Gesichter, die man aus den klassischen Filmen von F. W. Murnau, Fritz Lang und G. W. Pabst kennt, die dem deutschen Film in aller Welt Geltung und Respekt verschafft haben. Neben Heinrich George sind etwa Paul Wegener (Der Golem, wie er in die Welt kam), Gustav Diessl (Westfront 1918, Die weiße Hölle vom Piz Palü), Otto Wernicke (M – Eine Stadt sucht einen Mörder), Greta Schröder (Nosferatu), Margarete Schön (Die Nibelungen) und der bedeutende Bühnenschauspieler Paul Bildt zu sehen. Wernicke und Diessl waren zusammen in Langs letztem deutschen Film Das Testament des Dr. Mabuse (1933) aufgetreten, welcher in einer Irrenanstalt endete und nach späterer Interpretation des Regisseurs metaphorisch vor dem Nationalsozialismus warnen sollte.
In den belagerten Städten selbst, inklusive des realen Kolbergs, hat sich wohl niemand für Georges heroisches Gebrummel und Söderbaums pseudo-naives Geflenne interessiert. Andererseits brauchte niemand den Verteidigern von Breslau zu erklären, wofür sie kämpften. Vor den Toren stand kein geschminkter Leinwand-Napoleon, der den Bürgern der Stadt bei Übergabe einen unblutigen Sklavenfrieden zusicherte. Es ist zu einfach, den verzweifelten, zähen, heute zum Teil unfaßbar anmutenden Widerstand der Deutschen allein durch propagandistische Indoktrinierung zu erklären. Dennoch wurde Kolberg über Jahrzehnte geschmäht wie sonst nur eine Handvoll anderer Filme des Dritten Reiches. Dabei hat man in der Regel seinen zutiefst tragischen Aspekt nicht wahrhaben wollen. Die apokalyptischen Schrecken des Unterganges des deutschen Ostens waren lange beharrlich aus dem Bewußtsein der (Film-)Geschichtsschreiber verdrängt worden. Man konnte und wollte nur die Goebbels-Lüge und den ideologischen Kitsch sehen, nicht aber die immer wieder durchscheinende erschütternde Realität, die allen Beteiligten des Filmes unmittelbar bewußt war. In einer Szene singt Kristina Söderbaum einem Kind das alte, zauberische Lied vor: „…der Vater ist im Krieg, die Mutter ist im Pommerland, Pommerland ist abgebrannt…“. Sie hält inne, Tränen steigen ihr in die Augen: „Pommerland ist abgebrannt.“
„…der Vater ist im Krieg, die Mutter ist im Pommerland, Pommerland ist abgebrannt…“
Noch ein ironisch anmutender Aspekt, den ich mit einer gewissen Schadenfreude verzeichne: Wenige Filme heben so deutlich den „demokratischen“ Aspekt der NS-Ideologie hervor. In der Eröffnungssequenz von Kolberg sieht man in „Breslau, 1813“ Kolonnen von kostümierten Statisten in Reihen durch die Straßen marschieren, im Gleichschritt, die Arme ineinander verschränkt, einen menschlichen Wall bildend, dabei wie in einem Musical singend: „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los…“. Eine martialische menschliche Dampfwalze, die ohne Gehirn und Individualität durch die Straßen rollt. Die Szene wirkt heute ebenso unheimlich wie hysterisch komisch. Während im Hintergrund der Schlachtengesang zu hören ist, muß Gneisenau dem zaudernden Preußenkönig Feuer unterm Hintern machen: „Ein Aufruf zum Kriege? An das Volk? Wieso an das Volk? Das ist Sache der Armee!“ – „Das Volk wird die Armee sein, das ganze Volk!“. Totaler Krieg und totale Mobilmachung hängen ebenso mit der Demokratie zusammen wie die Unterstellung der „Kollektivschuld“ der Besiegten. Wo alle zusammenstehen sollen, sind auch alle irgendwie verantwortlich, im Guten wie im Bösen. Insofern setzt die Annahme der „Kollektivschuld“ das NS-Denken fort, wird die Kriegsgeneration zum Teil immer noch in den Bildern wahrgenommen, die die NS-Propaganda von ihr entworfen hat.
Das deutsche Volk hatte keine Kraft mehr, die Rolle zu spielen, die ihm Goebbels’ Phantasie zugedacht hatte.
Im Laufe des Films wird „das Volk“ als eine Größe etabliert, die immer recht hat. Nicht das Volk will kapitulieren, seine Freiheit und seine Heimaterde aufgeben, es sind immer nur die von ihm entfremdeten Militärs, Aristokraten, Geschäftemacher, Drückeberger, Zweckdenker und Schlaumeier. Diese sind schlecht, korrupt und feige, „das Volk“ aber ist immer gut, immer gesund, immer aufrecht, immer bereit „eine Sache um ihrer selbst willen zu tun.“ Aus der Mitte des Volkes, nicht aus den herrschenden Eliten, kommen die „guten“ Führer wie Nettelbeck, und jeder, der zum Führer geboren ist, kann zu einem solchen aufsteigen, ungeachtet aller Klassenschranken. Kolberg ist kein „obrigkeitsgläubiger“ Film, der „Kadavergehorsam“ oder Respekt vor Autoritäten um jeden Preis propagiert. Erst wenn der König, die Militärs und der Staat dem Volkswillen folgen, werden sie aufhören, Kanaillen zu sein, werden sie unbesiegbar werden. Kolberg demonstriert, daß auch der Nationalsozialismus eine quasi-rosseauistische, auf der „demokratischen Mystik“ fußende Ideologie war. Das deutsche Volk hatte allerdings keine Kraft mehr, die Rolle zu spielen, die ihm Goebbels’ Phantasie zugedacht hatte.