Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Karl Valentin – der „bayrische Nestroy“

Kalendarium Kandili (9)

von Mario Kandil

Neben unzähligen anderen wurde auch die Münchener Torwartlegende Sepp Maier von Karl Valentin beeinflußt, den Maier wiederum oft trefflich parodierte. Heute ist der Komiker, Volkssänger, Autor und Filmproduzent Valentin wieder weithin bekannt, und seine „Klassiker“ erfreuen sich großer Beliebtheit. Dabei hatte sich das Interesse der Stadt München an Valentin spätestens nach dessen Tod lange in Grenzen gehalten – der Komiker wurde dort erst in den 1960er-Jahren wiederentdeckt.

Am 4. Juni 1882 in der Münchener Vorstadt Au als Valentin Ludwig Fey zur Welt gekommen absolvierte der nachmalige Sprachakrobat im Anschluß an die Volksschule – er bezeichnet sie später als „Zuchthaus“ – eine Lehre als Schreiner und Tischler und war bis 1901 Facharbeiter. Nachdem er in dieser Zeit als „Vereinshumorist“ in Erscheinung getreten war, trat er 1902 erstmals als „Karl Valentin“ auf. Der Durchbruch gelang dem Mann mit der spindeldürren Gestalt aber erst 1908 auf der Volkssängerbühne des „Frankfurter Hofs“ in München. Dort lernte er auch Elisabeth Wellano kennen, als „Liesl Karlstadt“ seine kongeniale Bühnenpartnerin.

In den 1920er-Jahren begab sich Valentin in die Welt des Films, wodurch eine enge Zusammenarbeit und Freundschaft mit dem durch und durch linken Dramatiker und Theatermacher Bertolt Brecht entstand. Dieser war von Karl Valentins Sprachakrobatik ebenso begeistert wie der Theaterkritiker Alfred Kerr und der Journalist Kurt Tucholsky, der den hageren Komiker als „Linksdenker“ bezeichnete. 1941 zog dieser sich in sein Haus in Planegg bei München zurück und konnte nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder an seine einstigen Bühnenerfolge anknüpfen. Vor 75 Jahren, am 9. Februar 1948, starb Karl Valentin an einer Lungenentzündung.

Interpreten wollten Valentin in die Nähe von Dadaismus und Expressionismus rücken, doch er selbst nannte sich einen Humoristen, Komiker und Stückeschreiber. Sein Sprachwitz war selbstironisch, sein Humor wurde durch seine lange, klapprige Gestalt unterstützt, was er durch slapstickartige Einlagen noch unterstrich. Stets kämpfte er in seinen Stücken mit den Tücken des Alltags, mit anderen Menschen und mit Behörden – und all das hatte er selbstredend auch in der Realität erlebt. Alfred Kerr schrieb über ihn: „Alle lachen. Manche schreien. Woraus besteht er? Aus drei Dingen: aus Körperspaß, aus geistigem Spaß und aus glanzvoller Geistlosigkeit. Der Komiker Valentin ist ein bayrischer Nestroy.“

Über den Autor:

Dr. phil. Mario Kandil M.A., geb. 1965, studierte in Aachen Mittlere und Neuere Geschichte, Alte Geschichte und Politische Wissenschaft und promovierte in Hagen. Nach langjähriger Tätigkeit im universitären Bereich und in der Erwachsenenbildung heute freier Historiker und Publizist. Forschungsschwerpunkte: Zeitalter der Französischen Revolution und Napoleons I. sowie der Nationalstaaten, Weltkriege und Kalter Krieg.

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