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Gerettetes Brauchtum

Die Oberuferer Weihnachtsspiele

von Caroline Sommerfeld

Karl Julius Schröer (1825-1900), Sprachwissenschaftler an der Technischen Hochschule in Wien, hörte – ganz in der Tradition der Gebrüder Grimm und Johann Gottfried Herders, die Volksmärchen und -lieder sammelten – 1862 von erhaltengebliebenen bäuerlichen Weihnachtsspielen. Diese hatten ihren Ursprung in der Ortschaft Oberufer. Schröer sammelte und veröffentlichte die Texte und Regieanweisungen der später „Oberuferer Weihnachtsspiele“ genannten Volksstücke und hat sie so der Nachwelt erhalten. Oberufer (slowak. Prievoz, ungar. Fõrév) ist ein ehemals deutsches Dorf, das seit 1946 ein Vorort der slowakischen Hauptstadt Preßburg (Bratislava) ist. Die Spiele sind in einer Art donauschwäbischem Dialekt in Reimen abgefaßt.

Das Besondere nun an diesem Volksspiel ist, daß jener Karl Julius Schröer der Hochschullehrer und Freund von Rudolf Steiner war. Steiner begründete die Anthroposophie als christliche Geisteswissenschaft, aber auch die Waldorfschulen, die Demeter-Bauernhöfe, die Weleda-Kosmetik und noch einige bis heute bestehende Institutionen. Ihre Freundschaft führte dazu, daß Professor Schröer dem jungen Steiner ausführlich von seiner volkskundlichen Entdeckung berichtete und dieser beschloß, die Oberuferer Weihnachtsspiele regelmäßig zur Aufführung zu bringen. Steiner lagen die Herkunft der Spiele und ihre Unverfälschtheit am Herzen. Er schrieb vor genau hundert Jahren, zu Weihnachten 1922, in der Zeitschrift Das Goetheanum: „Es wanderten ja solche Stämme aus in die Gegend von Preßburg, das heute in der Tschechoslowakei liegt, von der Donau abwärts über Preßburg nach den Zipser Gegenden, südwärts von den Karpaten, nach Siebenbürgen, nach dem Banat, der Gegend zwischen der südlichen Donau und der Theiß. (…) Und unter diesen Stämmen, die auswanderten, waren am charakteristischsten die Haidbauern. Und eben diese Leute sind in jener Gegend in Oberufer, etwas stromabwärts an der Donau, ansässig geworden und brachten sich aus ihrer ursprünglichen Heimat diese Weihnachtsspiele mit, erhielten sie nun unverfälscht und spielten sie in der dortigen deutschen Kolonie von Jahr zu Jahr. Sie wurden als ein teures Gut in gewissen Familien aufbewahrt und so behandelt, wie sie vor Jahrhunderten waren (…); es hatte sich noch keine Intelligenz, kein Verbesserer hineingemischt.“
Die Darsteller für die Weihnachtsspiele suchten sich die Deutschen alljährlich aus der Dorfbevölkerung, immer war es ein Leiter, der von seinem Vater oder einem anderen Ältesten diese Aufgabe geerbt hatte.

Die Schauspieler waren oft die ärgsten Lausbuben, die so aber in eine ganz adventliche Stimmung hineingeholt wurden.

„Es waren strenge Vorschriften für die Teilnehmer der Weihnachtsspiele während der wochenlangen Probenzeit. Ein jeder, der mitwirken wollte, hatte die vier folgenden Regeln strenge zu beachten. Dazu muß man sich natürlich in das Dorfleben versetzen und bedenken, was es im Dorfleben bedeutet, bei einer solchen Sache nicht mittun zu dürfen: ‚Ein jeder, der mitspielen will, darf 1. nicht zu’n Diernen gehn, 2. keine Schelmliedel singen die ganze heilige Zeit über, 3. muß er ein ehrsames Leben führen, 4. muß er mir folgen. Für alles ist eine Geldstrafe, auch für jeden Gedächtnisfehler und dergleichen im Spiel.‘“

So werden bis heute im „Goetheanum“ in Dornach/Schweiz und an den meisten Waldorfschulen von Lehrern und älteren Schülern die „Oberuferer Weihnachtsspiele“ im Originalwortlaut aufgeführt, was, je weiter der Zungenschlag der Schauspieler vom Donauschwäbischen entfernt ist, gewiß nicht leicht ist. Als Beispiel sei hier der Beginn des Christgeburtspiels zitiert:

Joseph und Maria gehen auf die Bühne. Der Sternsinger spricht:

Grüaß’n ma Joseph und Maria rein,
Und grüaß’n ma das kloane kindalein.
Grüaß’n ma a ochs und esulein,
Wölche stehn bei dem krippalein.
Grüaß’n ma sie durch sunn und mondenschein,
Der leucht’t übers meer und über den Rhein.
Grüaß’n ma sie durch laub und gras,
Der haiige regen mächt uns und eng ålli naß.
Grüaß’n ma den kaiser mit der kron,
Grüaß’n ma den master, der’s machen kan.
Grüaß’n ma a dö geistlinga herrn,
Wail’s uns erlaubt hobn, des g’spül z’lern.

In dem Moment, wo ein Volkskundler solche mündlich tradierten und trotz ihrer bäuerlichen Derbheit und Possenhaftigkeit mit einem Nimbus des Heiligen umgebenen Texte schriftlich aufzeichnet, verlieren sie ihre Ursprünglichkeit, erst recht, wenn sie dann noch kommentiert werden, wie es Steiner sehr ausführlich getan hat. Aber da es nun einmal unmöglich ist, einen in der Mitte des 19. Jhdts. bereits abreißenden Volksbrauch in seiner Urgestalt zu konservieren, ist die alljährliche Wiederaufführung die einzige uns heute noch mögliche Art seiner Rettung.