von Erich Körner-Lakatos
Gedanken zur Entschleunigung
Das Flanieren – sohin das beinahe provokant langsame Umherschlendern ohne rechtes Ziel – macht denjenigen, der es sich gönnt, irgendwie verdächtig. Was hat der Mensch im Sinne? Hat er nichts zu tun? Sucht er gar ein passendes Objekt, ein Haus oder Fahrzeug, in das er nach Einbruch der Dunkelheit einbrechen will? Das Flanieren ist heutzutage generell weitgehend tabu. Sicher, an einem lauen Urlaubsabend an der Meeresküste, da mag solches angehen. Aber sonst? Mit dem Flanieren als Zeichen der Muße verhält es sich anders als mit den meisten Verhaltensweisen. Denn heute darf man vieles, was früher strikt verpönt gewesen ist: zum Beispiel Mann und Frau ohne Trauschein unter einem Dach. Das Tabu der Nacktheit ist nicht nur gefallen, es hat sich sogar ins Gegenteil verkehrt. Die Reklametafeln sind voll mit spärlich bekleideten jungen Damen.
Mit Max Webers Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus hört sich das gemütliche Dasein auf.
Bei der Muße – das Flanieren ist ja bloß eine äußere Form dieses entspannten Lebensgefühls – ist es gerade umgekehrt: Was früher alltäglich war, scheint seit ungefähr anderthalb Jahrhunderten verpönt zu sein. Ab da ist Betriebsamkeit angesagt, die Stechuhr wird zur Taktgeberin. Die Industrialisierung zwingt den Arbeiter zum Schuften um der bloßen Existenz willen. Mit Max Webers Werk Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus hört sich dann das gemütliche Dasein selbst für den Fabriksherrn auf. Rastloses Schaffen, bisher nur in calvinistisch beeinflußten Gegenden üblich, greift auf katholisch geprägte Landstriche über. Weber schreibt: „Nicht Muße und Genuß, sondern nur Handeln dient dem unzweideutig geoffenbarten Willen Gottes zur Mehrung seines Ruhmes. Zeitvergeudung ist also die erste und prinzipiell schwerste aller Sünden.“ Allem Work-Life-Balance-Gerede zum Trotz verlangt in unseren Tagen die hektische Betriebsamkeit einen Arbeitsmenschen, der von der fraglosen Wichtigkeit der von ihm zu leistenden Handgriffe überzeugt ist. Mit dieser Fixierung gerät sohin eine andere Eigenschaft, um nicht zu sagen conditio humana, ins Visier: die Muße. Der Zwillingsbruder der Muße ist der Müßiggang, dem a priori etwas Negatives anhaftet, er ist bekanntlich aller Laster Anfang. Vor allem bei der Unterschicht, die seit jeher im Rufe steht, wenig leistungsbereit zu sein. Das war schon seit Jahrhunderten so, wie ein von Rolf Schwendter (Reiche speisen, Arme essen, 2005) ausgegrabenes G’stanzl aus dem 19. Jh. bezeugt, das aus dem Wiener Vorort Erdberg stammt: „Fünf Kreuzer für d’Suppn, fünf Kreuzer fürs Kraut, auf d’Arbeit wird pfiffen…“.
Heute bummeln selbst die alten Herren nur noch mit schlechtem Gewissen.
Heutzutage gerät die schlichte Weisheit, man könne sich auch auf zwei Beinen fortbewegen, ins Vergessen. Das einfache Schreiten, der zweckfreie wie ziellose Spaziergang, der Gefühle und Gedanken in uns aufsteigen läßt, die man im Rahmen des rastlosen Alltags gleichsam unterdrückt, wird zum recht zweifelhaften Vergnügen. Der schlendernd seines Weges Ziehende wird in den Augen seiner Mitmenschen zum Bummler, zumal wenn er im arbeitstüchtigen Alter steht. Ein solcher Außenseiter provoziert in den ihm Begegnenden die Frage: „Was fällt denn dem ein, hat der nichts Besseres zu tun?“ Der von solch stummen Fragen, ja Anklagen Betroffene mag sich der Übertretung der von allen stillschweigend akzeptierten Regel – immer und um jeden Preis betriebsam zu sein – bewußt sein; er wird vorbringen, er gehe spazieren, weil es der Arzt ihm verordnet habe. Oder weil er vor einer große Herausforderung stehe, für deren Bewältigung er sich fithalten müsse.
Aus meiner Jugendzeit sind mir die alten Herren in Erinnerung. Pensionäre, die im Wiener Stadtpark in endlosen Gesprächen auf- und ab wandelten. Wesen, über die die Zeit ein mildes Regiment zu führen schien. Heute kommt mir vor, als ob selbst die alten Herren nur noch mit schlechtem Gewissen bummeln. Seit der Antike gilt der Grundsatz des Alterns in Würde. So prägte Cicero den Begriff des otium cum dignitate, der mit philosophischer Betätigung verbrachten würdevollen Muße in Zurückgezogenheit, zu der auch das vermeintlich ziellose Bummeln gehört.
Auch in unseren Breiten ist es hoch an der Zeit, das Tabu zu brechen und die Muße kleinweis’ wiederzubeleben. Zum Beispiel am Sonntag. In meiner Kindheit waren die Geschäfte am Sonntag geschlossen. Man durfte länger schlafen, frühstückte gemütlich. Nach dem Sonntagsbraten – „unter der Woche“ Fleisch zu essen, galt als unschicklich – machte es sich jedermann bequem, döste vor sich hin. Und ging danach flanieren…