Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Wikimedia Commons, Robert Krause
Aus Friedrich List und die erste große Eisenbahn Deutschlands von Robert Krause

Das bewegte Leben eines (Eisenbahn-)Vordenkers

von Erik Lommatzsch

Friedrich List

Der 1789 in Reutlingen geborene Friedrich List gilt als maßgeblicher Theoretiker und Wegbereiter der Historischen Schule der Nationalökonomie. Als Praktiker setzte sich List für die Beseitigung der innerdeutschen Zollschranken ein und für die Etablierung sowie den Ausbau eines Eisenbahnnetzes. Beides war für ihn zwingend miteinander verbunden: „Der Zollverein und das Eisenbahnsystem sind siamesische Zwillinge, zu gleicher Zeit geboren, körperlich aneinander gewachsen (…) unterstützen sie sich wechselseitig, streben nach einem und demselben großen Ziel, nach Vereinigung der deutschen Stämme zu einer (…) Nation“. Nach diesem Ziel strebte der Patriot List beharrlich und rastlos. Die Nation war für ihn „der große Behälter und Schöpfer aller Äußerungen des menschlichen Kulturlebens“. Für den Ökonomen List war Macht „wichtiger als Reichtum, weil die Macht der Nation eine Kraft ist, neue produktive Hilfsquellen zu eröffnen“.

Vom Parlament in die Haft und ins Exil

Wechselhaft gestaltete sich seine persönliche und materielle Situation, die er jedoch seinen Zielen nachordnete. List war zunächst in der württembergischen Verwaltung tätig. Geschult vor allem durch eigene Lektüre, legte er 1811 eine erste Ausarbeitung vor, die sich mit der Neuorganisation des Steuerwesens befaßte. 1815 formulierte er die „Sulzer Adresse“, die bürgerliche Freiheiten forderte. List hatte universitäre Veranstaltungen besucht, aber keinen regulären Abschluß erlangt. Dennoch wurde er 1817 Professor für Staatsverwaltungspraxis in Tübingen. Maßgeblichen Anteil hatte er 1819 an der Gründung des Allgemeinen Deutschen Handels- und Gewerbevereines, aus dem 1834 der Deutsche Zollverein hervorgehen sollte.

List war in die württembergische Ständeversammlung gewählt worden. Sein Bestreben nach einer liberalen Verwaltungsreform wurde als Verleumdung und Übertretung der Pressefreiheit gewertet. Dem Ausschluß aus dem Parlament folgte die Verurteilung zu einer Haftstrafe. Zunächst floh er nach Paris, kehrte dann aber in der – vergeblichen – Hoffnung auf Verschonung zurück. Nach dem Verbüßen eines Teiles der Strafe wurde er im Februar 1825 entlassen gegen das Versprechen, in die USA auszuwandern. Hier betätigte er sich als Farmer, erwarb ein Steinkohlelager und wirkte als Publizist. Vor allem wurde ihm in Amerika die künftige Bedeutung des im Entstehen begriffenen Eisenbahnwesens bewußt. Und er wurde zum Befürworter von Schutzzöllen. Für die eigene Nation hielt er derartige zumindest temporäre „Erziehungszölle“ für nötig, um einer gegenüber anderen Nationen zurückgebliebenen Volkswirtschaft den erfolgreichen Anschluß an die Entwicklung zu ermöglichen.

Leipzig-Dresden: Geistiger Vater der ersten deutschen Fernbahnlinie

Als amerikanischer Staatsbürger und Konsul kehrte List nach Deutschland zurück. Auf diese Weise war er vor einer erneuten Verhaftung geschützt, später wurde er wieder Bürger von Württemberg. Den Einsatz für seine Projekte betrieb er etwa von Leipzig aus, wo er 1833 ansässig wurde. Hier verfaßte er die Denkschrift Über ein sächsisches Eisenbahnsystem als Grundlage eines allgemeinen deutschen Eisenbahnsystems. Wie stets waren seine Gedanken auf das große Ziel gerichtet, List betrachtete „die Eisenbahnen nach ihrem Einfluß auf das ganze geistige und politische Leben, den geselligen Verkehr, die Produktivkraft und die Macht der Nation“. Als – greifbares – Erfolgserlebnis konnte er verbuchen, daß im Mai 1835 innerhalb von zwei Tagen das gesamte Aktienkapital für den Bau der Strecke Leipzig-Dresden von privaten Geldgebern gezeichnet wurde. Diese Verbindung nahm 1839 als erste deutsche Ferneisenbahnlinie ihren Betrieb auf. List setzte sich für eine Erweiterung in Richtung Magdeburg, Berlin und Hamburg ein. Die von ihm angestrebte Leitungsposition bei der Bahn blieb ihm allerdings verwehrt.

Eine seiner weiteren Initiativen war das große „Staatslexikon“; aufgrund vor allem persönlicher Zerwürfnisse fungierte er später jedoch nicht als Herausgeber. List wandte sich nach Paris, bevor er in Thüringen wieder bezüglich seiner Eisenbahnliegen aktiv wurde. 1841 erschien sein Hauptwerk, Das Nationale System der Politischen Ökonomie. List rieb sich auf zwischen praktisch-organisatorischer und publizistisch-theoretischer Arbeit. Vielfache Rückschläge machten ihm schwer zu schaffen, zuletzt vor allem die Ablehnung der von ihm propagierten Allianz zwischen England und Deutschland durch die Briten. Am 30. November 1846 setzte Friedrich List in Kufstein seinem Leben ein Ende.

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