Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

VdG

Brückenbauer an der Ostsee

von DB

Wie die deutsche Minderheit in Hinterpommern Sprache, Kultur und Geschichte lebendig hält

Von der Odermündung bis zur Weichsel erstreckt sich ein Landstrich, dessen Geschichte von tiefen Umbrüchen geprägt ist. Im heutigen Nordpolen – verteilt auf die Woiwodschaften Westpommern und Pommern – lebt eine überschaubare, aber engagierte deutsche Minderheit. Die Strukturen stehen jedoch vor einem spürbaren Generationenwechsel: Durch den Tod langjähriger Führungskräfte existieren eigenständige Gesellschaften in einst zentralen Knotenpunkten wie Stettin und Köslin wie auch in Danzig heute nicht mehr. Umso wichtiger ist der verbliebene Zusammenschluß der Gemeinschaft, die sich primär über punktuelle Initiativen und Vor-Ort-Treffen organisiert.

Das Herzstück der täglichen Arbeit bildet die Kultur- und Sprachpflege im Rahmen der gezielten Begegnungsstättenarbeit. Da Deutsch in der Region im Alltag kaum noch als Muttersprache gesprochen wird, organisieren die verbliebenen Begegnungsstätten und DFK-Ortsgruppen (unter anderem in Gdynia/Gdingen, Świdwin/Schivelbein, Słupsk/Stolp, Lębork/Lauenburg oder Chojnice/Konitz) zielgerichtete Projekte, Sprachkurse sowie kulturelle Workshops. Neben diesen laufenden Angeboten sichern wiederkehrende Jahresprojekte den Zusammenhalt der Mitglieder und das öffentliche Gedenken.

Daß Traditionen grenzüberschreitend verbinden, zeigte sich im Jahr 2026 bei einem besonderen Jahresschwerpunkt: Alle regionalen Gruppen wählten den „Maibaum“ als gemeinsames Hauptthema. Dieses gelebte Brauchtum diente als lebendiges Muster dafür, wie schön gelebte Traditionen sein können und wie sie die deutsche Kultur in der Region sichtbar und greifbar präsentieren. Das Aufstellen und Feiern rund um den Maibaum brachte Jung und Alt zusammen und setzte ein fröhliches, verbindendes Zeichen für das kulturelle Erbe im Norden.

Wie facettenreich diese Form der Begegnungsstättenarbeit in der Praxis ist, bewies zudem ein Projekt im April 2026 in Dirschau/Tczew: Im Mittelpunkt stand ein Besuch des Flußmuseums und des Maritimen Kulturzentrums, bei dem sich die Teilnehmer mit der gemeinsamen deutsch-polnischen Schiffahrtsgeschichte Pommerns auseinandersetzten. Speziell der historische Techniktransfer durch Werften und Ingenieure aus Danzig und Elbing sowie die biographischen Verflechtungen in der Region Dirschau wurden eingehend analysiert. Für viele Anwesende bot die Exkursion nicht nur Raum, die komplexe Kriegsgeschichte und die Fluchtbewegungen auf der Ostsee zu reflektieren, sondern auch konkrete Spuren der eigenen Vorfahren als Facharbeiter und Seeleute in den Ausstellungen wiederzufinden. Die gewonnenen Erkenntnisse und Bilddokumentationen wurden anschließend für kommende Vereinstreffen aufbereitet.

Alljährliches Gedenken an die versenkten Evakuierungsschiffe „Wilhelm Gustloff“, „General von Steuben“ und „Goya“

Ein weiterer zentraler Pfeiler der regionalhistorischen Arbeit ist die Versöhnungs- und Erinnerungskultur. Ein fester Bestandteil des jährlichen Veranstaltungskalenders ist dabei das Gedenken in Gdingen: Hier erinnern die Mitglieder regelmäßig an die Tragödien der im Frühjahr 1945 versenkten Evakuierungsschiffe Wilhelm Gustloff, General von Steuben und Goya. Diese Zeremonien verbinden das stille Gedenken an die tausenden Opfer von Flucht und Vertreibung über die Ostsee mit einem klaren Signal für Frieden und deutsch-polnische Verständigung.

Darüber hinaus unterstützen die Akteure weiterhin Städte- und Gemeindepartnerschaften, fördern den Austausch mit Heimatkreisgemeinschaften in der Bundesrepublik Deutschland und pflegen historische Stätten wie alte deutsche Friedhöfe. So bleibt die deutsche Minderheit in Pommern trotz des demographischen Wandels ein wichtiger Partner bei der Wahrung des gemeinsamen historischen Erbes an der Ostsee.

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