von Michael Scharfmüller
Bloßfüßige“ war lange Zeit ein Schimpfwort für Leute, die man nicht für ganz voll nahm. Schließlich gehen im Regelfall nur äußerst arme Menschen und „unterentwickelte“ Völker ohne Schuhwerk. Gesellschaftlich ist es bei uns nur Kindern gestattet, außerhalb von Badewiesen barfuß herumzulaufen – wobei auch das mittlerweile nicht mehr gerne gesehen wird. Schließlich könnte man ja auf eine Biene, eine Distel, eine Glasscherbe oder Ähnliches treten, was Schmerzen verursacht. Ich bin weder arm noch ein Kind, trotzdem bin ich in den halbwegs warmen Monaten relativ viel „blohappert“ unterwegs, wie man bei uns in Oberösterreich sagt. Bloßfüßig gehe ich im Ort einkaufen, außerdem spazieren, wandern und ab und zu sogar auf einen Berggipfel.
Es braucht eine gewisse Leidensfähigkeit, um auch auf schwierigem Terrain bestehen zu können.
Aus meiner Sicht überwiegen die Vorteile der schuhlosen Fortbewegung ganz klar. Zum einen entschleunigt man dadurch, da man viel vorsichtiger und bedachter unterwegs sein muß, wenn Zehen und Fußsohlen der Umwelt schutzlos ausgeliefert sind. Dabei schärft sich die Wahrnehmung für den Untergrund: Man fühlt, was rauh oder glatt ist, was schnell kalt wird und was die Wärme des Tages noch lange hält. Zudem werden durch das Barfußgehen Muskeln im ganzen Körper gestärkt, da man anders geht als mit Schuhen. Was mir am Barfußgehen auch gut gefällt, ist, daß man dadurch mit vielen Leuten ins Gespräch kommt. Besonders kleine Kinder sind davon fasziniert, daß es Erwachsene gibt, die keine Schuhe tragen. Bei den Gesprächen, die dabei manchmal entstehen, wird mir immer wieder gesagt, daß man eine ordentliche Hornhaut brauche, um das auszuhalten. Das stimmt aber nicht, denn selbst die dickste Hornhaut ist wahrscheinlich nicht stärker als zwei Millimeter. In Wahrheit ist es keine dicke Haut, die das Barfußgehen leichter macht, sondern die Fähigkeit, mit leichten Schmerzen umgehen zu können. Es braucht eben eine gewisse Leidensfähigkeit, um auch auf schwierigem Terrain bestehen zu können. Aus meiner Sicht ist der bewußte Umgang mit Schmerzen in unserer verweichlichten Gesellschaft fast völlig verloren gegangen. Egal ob bei körperlichen oder seelischen Problemen – viele Ärzte verschreiben viel zu rasch Schmerzmittel und schwere Psychopharmaka. Und auch sonst wird versucht, den Anstrengungen des Lebens aus dem Weg zu gehen. Ich sehe den Menschen aber wie einen Muskel, der mental und körperlich trainiert werden muß. Nicht die größtmögliche Schonung macht uns zu starken und gesunden Menschen, sondern die Annahme von Herausforderungen.
Mit Barfußgehen kann man sich selbst herausfordern, übertreiben sollte man es freilich nicht: Wenn ich beispielsweise am Berg länger ohne Schuhe unterwegs bin, merke ich richtig, wie das an meinen körperlichen und mentalen Kräften zerrt. Zumindest für den Notfall sollte man deshalb immer ein paar Schuhe mithaben. Auf Schuhe sollte man auch nicht verzichten, wenn man Termine wahrzunehmen hat, bei denen man ernst genommen werden will. Auch zu feierlichen Anlässen sollte man – aus meiner Sicht – in passendem Schuhwerk erscheinen. Es mag zwar angenehm sein, auf einer sommerlichen Hochzeit barfuß herumzuspazieren, aus Respekt vor dem Anlaß und dem Brautpaar sollte man es aber trotzdem nicht tun. Ich persönlich verzichte aufs Barfußgehen auch immer dann, wenn es finster ist – die Gefahr, auf einen gefährlichen Gegenstand zu treten, ist einfach zu hoch. Besondere Vorsicht ist auch auf blühenden Wiesen geboten: Bienenstiche können nämlich richtig schmerzhaft sein. Im Wald hingegen habe ich bisher – abgesehen von einer stacheligen Schlingpflanze – noch keine schlechten Erfahrungen gemacht.
Das Barfußgehen habe ich übrigens bei einem Alpenvereinskurs für mich entdeckt. Dort meinte der Kursleiter auf einem Gipfel in den Alpen plötzlich, wir sollten unsere Schuhe ausziehen und barfuß weitergehen. Als nach ein paar hundert Metern alle wieder ihre schweren Wanderschuhe anzogen, hatte ich mir längst in den Kopf gesetzt, den ganzen Berg barfuß hinunterzugehen – was angesichts vieler spitzer Steine und einiger Schneefelder eine besondere Herausforderung war. Vielleicht hat Goethe ja recht, wenn er schreibt: „Wer sich nicht selbst befiehlt, bleibt immer Knecht!“ Barfußgehen ist eine schöne Methode, um den eigenen Willen auf halbwegs sanfte Art und Weise zu trainieren. Viel Freude beim Ausprobieren!