von Georg Fritsche
Im Osten viel Neues
Im Ort Oderbeltsch (Belcz Wielkie) im Landkreis Guhrau in Niederschlesien steht das imposante Schloß der Familie von Gilka-Bötzow. Die Familie war um die Jahrhundertwende durch ihre Sprit-, Rum- und Destillationsfabrik in Berlin zu ihrem Vermögen gekommen. Der „Kaiser-Kümmel“ wurde sogar am Wiener Hofe konsumiert, die Familie zu Hoflieferanten der Habsburger ernannt. In Theodor Fontanes Roman Frau Jenny Treibel wird der Schnaps allerdings eher als Getränk für eine kleine Hausschneiderin erwähnt. Auch in Joachim Ringelnatz’ „Lied aus einem Berliner Droschkenfenster“ wird der Genuß von Gilka eher den unteren Volksschichten zugeschrieben. Die Inhaber der Likörfabrik, Theodor und Hermann Gilka, hatten im Laufe der Zeit zahlreiche Rittergüter in der Region Guhrau erworben und wurden schließlich durch Kaiser Wilhelm II. in den Adelsstand erhoben. Im Schloß in Oderbeltsch waren später durch Brandstiftung die Ausstattung und das Dachgeschoß zerstört worden. Die Feuerwehr konnte Schlimmeres verhindern; nicht aber die Plünderung, die dem Schloß danach noch zusetzte.
Vor zwei Jahren ging es von der Landwirtschaftsagentur in Liegnitz an eine junge ortsansässige Familie, die historisch auch verwandtschaftliche Verbindungen zur deutschen Bevölkerung des Posener Landes hat. Für ein Wochenende hatten die neuen Besitzer einen Aufruf für ehrenamtliche Hilfe beim Beräumen gestartet. Zur großen allgemeinen Überraschung kamen etwa fünfzig Personen aus der Region. Besondere Aufmerksamkeit verdient, daß auch der Gemeindebürgermeister persönlich erschien.
Nach dem Zusammenstellen von Arbeitsgruppen ging es ans Werk. Die Vertreter der Landsmannschaft Schlesien im Freistaat Sachsen bekamen die verantwortungsvolle Aufgabe, die Dachreste der Orangerie abzureißen. Am Ende des Tages waren die Helfer der Landsmannschaft ziemlich erschöpft, doch auch glücklich, wieder etwas Gutes in der Heimat Schlesien getan zu haben. Die Verständigung mit den Ortsansässigen und anderen Helfern machte allen Spaß und war auch gar nicht kompliziert, denn die meisten Beteiligten konnten durch ihre Berufstätigkeit in Bayern oder Österreich Deutsch – und die Deutschschüler aus der Gemeinde hatten die Gelegenheit, ihre Kenntnisse praktisch anzuwenden.