von Thorsten Hinz
Unter den drei Ostprovinzen, die Deutschland 1945 verloren hat, ist Pommern das Aschenputtel. Das „verschwiegene Land“ nannte der Historiker Christian Graf von Krockow, Sproß eines ostpommerschen Adelsgeschlechtes, jenes Land „am Meer“ (slawisch: po morje), welches sich als Landsaum entlang der Ostsee vom Grenzfluß Recknitz im Westen bis zum Grenzfluß Piasnitz im Osten erstreckte. Zwischen den zwei äußersten Punkten liegen 362 Kilometer Luftlinie. Berücksichtigt man die Ausbuchtungen und Vorsprünge der Küste sowie die Umrisse der Inseln, ergeben sich rund 500 Kilometer Küstenlinie. Pommern war und ist unübersehbar. Dennoch warf der auf Usedom geborene Schriftsteller Hans-Werner Richter schon 1970 im Buch Deutschland, deine Pommern die Frage auf, ob ein Bewußtsein davon überhaupt noch existiere.
1945 war ein knappes Viertel seines Territoriums als Vorpommern bei Deutschland verblieben und mit Mecklenburg zu einem gemeinsamen Land vereint worden. 1947 ordnete die Sowjetische Militäradministration an, Vorpommern aus dem Namen zu tilgen. In der DDR blieb die Bezeichnung tabu, doch 1990 wurde sogleich die blau-weiße Landesfahne gehißt. Im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern lebt Pommern weiter. Richters Frage ist trotzdem berechtigt. Außerhalb der Region wird (Vor-)Pommern lediglich als Anhängsel Mecklenburgs wahrgenommen. Und selbst unter den Bewohnern Vorpommerns wissen heute nur wenige, was ihre Provinz einmal war und wie weit sie reichte.
Mit Ostpreußen werden das Ordensland, Immanuel Kant, die Königsberger Schloßkirche als Krönungsstätte der preußischen Könige, die Dichterin Agnes Miegel, die „Mutter Ostpreußens“, identifiziert. Schlesien weckt Assoziationen an die Schlesische Dichterschule im 17. Jh., an Eichendorff, Gerhart Hauptmann, den Weberaufstand, an den Steinkohlebergbau, an die imposante Jahrhunderthalle in Breslau.
Zu Pommern gehören heute auf deutscher Seite die Halbinsel Darß, die Inseln Hiddensee, Rügen und Usedom mit seinen Kaiserbädern. Hinter der Grenze reihen sich von Swinemünde über Misdroy bis nach Leba die alten Kur- und Badeorte wie auf einer Perlenkette aneinander. Kolberg wurde einst als das sonnenreichste Seebad Deutschlands angepriesen. Ende der dreißiger Jahre verzeichnete Pommern im Reich die höchsten Einnahmen an Kurtaxen, mehr als Bayern und Schlesien. Die mächtigen Backsteinkirchen in Stralsund und Greifswald prägen das Weichbild der beiden Hansestädte. Gleiches gilt für die Dome und Kirchen im jetzt polnischen Hinterpommern: „Colberg, die weite, Stargard, die hohe, Cammin, die schöne“, lautete eine sprichwörtliche Redensart. Die Romanautoren Hans Fallada, Uwe Johnson und Wolfgang Koeppen sind gebürtige Pommern. Hans-Werner Richter war der Kopf der berühmten „Gruppe 47“. Caspar David Friedrich stammte aus Greifswald. Das Gemälde vom Rügener Kreidefelsen ist zu einer „Ikone“ geworden, die allerdings weniger mit Pommern als mit der Romantik verbunden wird. Doch wollen die vielen Einzelheiten sich nicht zu einem kohärenten Bild und Begriff von Pommern fügen. Zu seiner Signatur wurde ausgerechnet das Lied aus dem Dreißigjährigen Krieg: „Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg, die Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt“.
Ohne eigene Universität fehlte der Hauptstadt Stettin die Strahlkraft von Königsberg und Breslau.
Die Form des historischen Pommerns läßt sich mit einem Schmetterling vergleichen, der einen starken rechten hinterpommerschen und einen schwächeren linken vorpommerschen Flügel hat. In der Mitte stellt Stettin den Kopf mit den Fühlern dar. Mit diesem Bild ist freilich auch das Problem angedeutet: Breslau und Königsberg waren die politischen, wirtschaftlichen sowie geistig-kulturellen Zentren ihrer Provinzen. Sie bildeten die Sonne, um welche die Städte und Gemeinden kreisten und die weit über die Provinzgrenzen hinausstrahlten. Das hat Stettin nie vermocht. Mit mehr als 200.000 Einwohnern war es die mit Abstand größte Stadt der Provinz, aber eine überregionale Strahlkraft ging nicht von ihm aus. Der Reiseführer des städtischen Verkehrsvereines aus dem Jahr 1929 trägt den verschämten Untertitel: „Ein Führer durch die Hafen- und Industriestadt im Grünen“. Hin- und hergeschoben auf dem Schachbrett der Weltgeschichte, heißt es, habe die Stadt keine „Museumsschönheit“ werden können. Das Herzogsschloß, das auf einem Hügel thront, erinnerte an keine glanzvolle Vergangenheit, sondern an die politische Ohnmacht Pommerns, das mehrmals in Teilherzogtümer zerfiel. 1637 war das regierende Greifengeschlecht ausgestorben.
Zuletzt war Stettin 1677 im Schwedisch-Brandenburgischen und 1713 im Nordischen Krieg schwer zerstört worden. Erst unter Preußen kam es ab 1720 zur Ruhe, aber den preußischen Frieden habe es „mit der Eigenart ihres alten Ichs“ bezahlt. Es wurde eine nüchterne Provinzstadt, geprägt von Beamten und Militär, und zur Vorstadt von Berlin. Der entscheidende Unterschied zu Königsberg und Breslau war das Fehlen einer Universität. Eine pommersche Universität gab es seit 1456 in Greifswald, doch hier handelte es sich um eine mittlere Provinzstadt. Gleiches gilt für Kolberg, Köslin, Stargard, Stralsund und Stolp, die zweitgrößte, weit östlich gelegene Stadt in Pommern, die sich mit dem Beinamen „Klein Paris“ schmückte. Darüber hinaus gab es zahlreiche verträumte Kleinstädte.
Vorpommern endet heute an der deutsch-polnischen Grenze, doch historisch reichte es weit über die Oder hinaus und schloß die Provinzhauptstadt Stettin ein. Im Westfälischen Frieden 1648 fiel es an Schweden, während Hinterpommern zu Brandenburg gehörte. 1720 erwarb Preußen das westliche Vorpommern inklusive Stettin und die Odermündung, das nun Altvorpommern genannt wurde. 1815 kam das Gebiet zwischen Recknitz und Usedom als Neuvorpommern hinzu. Die Dreiteilung der Provinz bestand bis 1932 in den Regierungsbezirken Stralsund, Stettin und Köslin fort.
Vor allem das alte Hinterpommern ist hinter dem Geschichtshorizont verschwunden. Die Gründe lassen sich schon in der Vorkriegszeit ausmachen. Es handelte sich um ein dünnbesiedeltes, verkehrstechnisch spät erschlossenes Gebiet, das im Reich „als ein im Dornröschenschlaf verwunschenes, der Zeitentwicklung abgekehrtes Ländchen angesprochen“ wurde. So jedenfalls heißt es in dem aufwendigen Sammelband Hinterpommern. Wirtschafts- und Kulturaufgaben eines Grenzbezirks, der 1929 vom Kösliner Regierungspräsidenten herausgegeben wurde. Hinterpommern war von Fischfang und von der Landwirtschaft geprägt. Nur waren die Böden wenig fruchtbar und die klimatischen Bedingungen schwierig. Das milde Seeklima begünstigte lediglich einen schmalen Küstenstreifen, dahinter herrschte rauhes Landklima. Die wirtschaftliche Entwicklung war jäh unterbrochen worden durch den Kriegsausbruch 1914 und die Grenzziehung im Versailler Vertrag, die Hinterpommern zum Grenzland machte. Verkehrswege wurden zerschnitten, Absatzmärkte brachen weg, der polnische Korridor blockierte den Zugang zum Danziger Hafen. Zudem sah man sich militanten polnischen Territorialforderungen ausgesetzt. Im Buch erging der dringende Appell an „Staat und Reich“, Hinterpommern „helfend zur Seite (zu) stehen“.
„Mehr aufrichtig als freundlich sowie treu und verschwiegen“
Die klimatischen Bedingungen, die historischen Erfahrungen und die dünne Besiedlung hatten offenbar einen knorrig-spröden Volkscharakter geformt. In der frühesten Pommernchronik aus der ersten Hälfte des 16. Jh. werden die Pommern mehr aufrichtig als freundlich sowie treu und verschwiegen genannt; Lügen und Schmeichelworte seien ihnen zuwider. Friedrich II. bemängelte ihren Bildungsstand, meinte aber, sie seien brav, zuverlässig, geeignet als gute Soldaten und Offiziere. Von der Diplomatie wollte er sie wegen ihrer Direktheit hingegen fernhalten.

Mag sein, daß sie für die Politik nicht sonderlich begabt seien: Nach 1989 wurde ein Landesverband Vorpommern gegründet, der die ignorierte Region wieder in ihr historisches Recht setzen wollte. Er versteifte sich auf die Gründung eines separaten Bundeslandes, was angesichts der geringen Bevölkerungszahl und der wirtschaftlichen Gegebenheiten abwegig war. Sinnvoller wäre gewesen, von Anfang an pommersche Reservatsrechte in der Landesverfassung einzufordern. Die Verwaltungseinheiten in Mecklenburg-Vorpommern berücksichtigen den alten Umriß Vorpommerns nur teilweise. Lediglich die evangelischen und katholischen Kirchenbezirke berücksichtigen den historischen Grenzverlauf zwischen beiden Landesteilen. Allerdings ist die katholische eine Diasporakirche und die evangelische Pommernkirche nur noch ein Kirchenkreis innerhalb der 2012 gegründeten Nordkirche, zu der auch Mecklenburg, Hamburg und Schleswig-Holstein gehören.
In Westdeutschland hielt der Vertriebenenverband, die Pommersche Landsmannschaft, so gut es ging die Erinnerung wach. 1988 konnte sie in Anwesenheit von Bundespräsident Richard von Weizsäcker in Lübeck-Travemünde sogar ein komfortables Pommernzentrum eröffnen. Mit dem Mauerfall ein Jahr später war der Standort zum Anachronismus geworden. Zukunftsträchtig wäre der Umzug nach Stralsund oder Greifswald gewesen, wo 2005 das Pommersche Landesmuseum eröffnet wurde. Das Pommernzentrum hingegen wurde 2017 wegen Insolvenz geschlossen, die Landsmannschaft spielt keine öffentliche Rolle mehr. Hoffnungsvoll stimmt, daß die Polen die deutsche Geschichte Pommerns aktiv angenommen haben. Pommern ist, legt man seine historische Grenze zugrunde, heute binational und zweisprachig. Aus dieser Tatsache ergeben sich seine Perspektiven.
Über den Autor:
Geboren 1962 in Vorpommern/DDR, Studium der Germanistik in Leipzig 1984-89. In Berlin tätig als Journalist, Publizist und Buchautor mit Schwerpunkt deutsche Literatur, Geschichts- und Kulturpolitik sowie nordostdeutsche Heimatkunde.