von Benedikt Kaiser
Kaisers Zone
Es gibt im bürgerlich-liberalen Flügel der AfD sowie dessen Vorfeld neuerdings eine verstärkte Sehnsucht nach einem Land, das es nicht mehr gibt. Bonn! Kohl! Alter Westen! Man strebt ausweislich seiner Statements in den sozialen Medien, in TV-Formaten und anderswo im Zeichen einer habituellen Westalgie zurück in eine Bundesrepublik, in der die politischen Fronten übersichtlich (Schwarz/Gelb vs. Rot/Grün), die gesellschaftlichen Milieus sortiert und die eigene, betont gutbürgerliche Biographie noch als Modell für das Ganze mißverstanden werden konnte, in dem „Radikalismen“ von links und rechts nicht vorgesehen waren. Man kann diese Westalgiker in die Schublade des „Cold War Liberalism“ einfügen, einer antikommunistischen und antinationalen Spielart des US-orientierten Konservatismus des 20. Jahrhunderts.
„Bonn“ ist für diese Leute nicht nur eine Stadt, es ist ihr Leben, das sie überaus komfortabel und konfliktarm lebten und aus dessen Bahnen sie irgendwie und irgendwann – durch die Wiedervereinigung, deren Folgen bzw. Langzeitfolgen, spätestens durch Merkel – hinauskatapultiert wurden, um am Ende bei der AfD, meist mit Mandat, zu landen. Sie bilden keine Mehrheit, aber sie sind medial gern gesehene Gäste und anhand markanter Positionen wahrnehmbar. Denn sie begreifen „ihre“ Partei nicht als Alternative für Deutschland, die sie sein muß und als die sie gewählt wird, sondern als Korrektiv für die Union. Ein Korrektiv, das die so nachhaltig linksgerückte Union wieder auf ihren (vermeintlich) natürlichen Platz zu setzen hätte: bürgerlich, konservativ, westorientiert.
Nur: Diese Union von 1978 oder 1982 führte zur Union von 1998, diese zu Merkel, dann zu Merz, wird später vielleicht zu Wüst führen. Es ist dies eine für unser Land folgenschwere, aber doch eine parteilich durchaus kohärente Entwicklung, wenn man den Zusammenhang der Sache rational und analytisch und nicht irrational und sentimental betrachtet. Es ist faszinierend: Jede Generation von Westalgikern in der rechten Mitte sieht in der je vor ihr wirkenden CDU-Generation das letzte „vernünftige“ Politikangebot. 2026 will man zurück in die CDU-Zeit „vor Merkel“, 1998 wollte man zurück zu 1982, und damals, unter Kohl, wollten die „Stahlhelmer“ innerhalb der Union zurück zu Adenauer oder Erhard. Schon bald dürfte es dann gutbürgerliche Konservative geben, die zurück zu Merkel wollen.
Spätestens seit 1982, das heißt dem Ausbleiben der „geistig-moralischen Wende“ unter Kanzler Kohl, obwohl die Union bei der Bundestagswahl fast 50 Prozent der Wählerstimmen erzielte und damit „CDU pur“ liefern konnte, verfällt man immer wieder den gleichen Illusionen: Diesmal werde es schon funktionieren, diesmal müsse man der „konservativen“ Neuorientierung der Christdemokratie einen Vertrauensvorschuß gewähren, diesmal müsse man sich selbst verändern, um CDU und CSU keine Gründe für polithygienische Distanz zu bieten usf. Man wußte zwar schon damals, nach Kohls Finten zur Domestizierung der eigenen rechten Flanke, daß die „geistige Führung der Republik von den grünen und alternativen Bewegungen übernommen worden“ war, wie Günter Rohrmoser in Das Debakel. Wo bleibt die Wende? Fragen an die CDU (Krefeld 1984) bilanzierte, ohne daß die Union – damals angeblich intrinsisch konservativ – Widerstand geleistet hätte. Doch zog man keine Konsequenzen, sondern wartete auf den Aufstand der christdemokratischen Basis.
Es folgten serienmäßig hilflos-naive Appelle an die Union, es doch endlich zu verstehen, sich endlich zu besinnen und in der Bundespolitik endlich eine „konservative“ Neuorientierung hin zum Gestern (dem wichtigsten Wesensmerkmal der Westalgie) hinzubekommen; doch der Aufstand blieb aus, die lukrative Arbeitsteilung – CDU verwaltet Realpolitik, Linksgrün dominiert Metapolitik – war zu verlockend für die Parteiapparate. So entsprechen die heutigen Aufrufe „Was die CDU jetzt tun muß!“ seitens prominenter Konservativer rund um die AfD längst einer altbekannten und ritualisierten Farce. Ob 1984, bei Rohrmoser, oder 2026, bei uns – es hat sich nicht viel geändert. Denn man wußte (und weiß) weder, weshalb die Übernahme der Hegemonie durch linksgrüne Kräfte unter Duldung bis Unterstützung der Christdemokratie folgerichtig war, noch bzw. geschweige denn, was dem entgegenzusetzen wäre.
Das liegt an der eigenen Herkunft und den individuellen Lebenswegen der Protagonisten. Hinter der Westalgie verbirgt sich oft großbürgerliche Selbstgewißheit, die bis zur Arroganz gereicht; eine gewisse Geringschätzung nicht-bürgerlicher Lebenswelten bei Abwertung der Arbeitermilieus und des „Kleinbürgertums“ (Angestellte, Kleinunternehmer usw.); sowie mitunter die erstaunliche Vorstellung, der Osten der BRD, wo Arbeiter und „Kleinbürger“ die Bevölkerungsmehrheit stellen, sei im Grunde ein mißglückter, respektive verspäteter Westen, den man nur wieder auf den Normkurs, d.h.: in Westspuren, bringen müsse, der aber ansonsten in keiner Weise und auf keinem Feld als Vorbild tauge. Wer so denkt, kann viel über Kohl und die alte Union wissen und trotzdem wenig über Deutschland. Es ist eine bestimmte Traditionslinie des rheinischen und zum Teil hanseatischen Bürgertums, über das der geborene Schlesier und spätere Wahlsachse Ernst Niekisch bereits zwischen den Kriegen barsch urteilte, daß sein typischer Verfechter, „während er nach Osten drohend die Faust ballt, nach Westen in braver knechtseliger Erfüllungspolitik erstickt“. Das ist (zu?) hart, aber da ist schon etwas dran: Das Frappierende ist ja eben, daß ausgerechnet in einer Partei, die rund 23 Jahre nach der „Einheit“ geboren wurde und die – zuallererst: dank der Ost-Erfolge – den etablierten politischen Stillstand der Altparteien aufbricht, die Prä-Wende-BRD mit ihrem westalgischen Mief für manche ihrer Mandatsträger zum geistig-habituellen Sehnsuchtsort wird. „Disruptive“ Pose trifft auf Bonner Nostalgie, seichte Kritik der heutigen Union ohne echte politische Konsequenzen stößt auf die Verklärung der alten. Man will die Republik verändern, aber alles, was einem einfällt, weist in die Vergangenheit, die aber wie gesagt zur heutigen Realität führte, die also heutige substantielle Veränderungen doch überhaupt erst erforderlich macht.
Indes: Diese politische Generation läuft aus. Für die nachrückenden Konservativen, Freiheitlichen und Rechten ist Bonn kein verlorenes Zuhause und die CDU kein Fixierpunkt der eigenen Lebensgeschichte und Lebensweisheit. Bonn ist für sie nahe oder sogar ferne Geschichte. Die Ära Kohl ist für sie kein verheißungsvolles Programm für das 21. Jahrhundert, sondern ein wohlverdient abgeschlossenes Kapitel des 20. Jahrhunderts. Die Westalgie wird, in logischer Konsequenz, als unpolitische Sackgasse erkannt und verworfen. Hier liegt eine interessante Verschiebung: Die Zukunft wird nicht denen gehören, die am schönsten vom Köln, Hamburg oder München der 1980er-Jahre erzählen können. Sie wird dort entstehen, wo jüngere, vorwärtsschreitende Generationen eigene Antworten suchen; auf Basis ihrer eigenen Werte, ihres eigenen Wissens, ihrer eigenen Weltanschauung und mit einem völlig anderen, d.h. unverkrampften und historisch unbelasteten Verhältnis bezüglich Ost und West.
Die damit einhergehende Überwindung der „Westalgie“ findet sich übrigens nicht in ihrem wohl sympathischeren, aber ebenfalls wenig zukunftsträchtigen Antipoden namens „Ostalgie“. Die Überwindung wäre etwas viel Anspruchsvolleres und besteht zuallererst – aber nicht nur – darin, aufzuhören, die Zukunft eines alternativen deutschen Aufbruchs aus dem Rückspiegel zu denken: „Geschichte wird gemacht, es geht voran!“, sang die Band Fehlfarben 1982 – just in dem Jahr, in dem Kanzler Kohl stellvertretend für die gesamte Union das zaghaft gestartete Projekt aufgab, die politische und kulturelle Hegemonie der Linken zu beenden. 44 Jahre später ist es nun an der Zeit, das Projekt „Westalgie“ zu überwinden. Es hat uns nichts zu sagen.