von Michael Demanega
In der Architektur das Tradierte zu kopieren, könnte ein probates Mittel sein. Aber: Das 20. Jh. vollzieht einen radikalen Bruch. Das tektonische Prinzip, wonach das Dach oben und das Fundament unten ist, wurde aufgehoben. Moderne Hochleistungsmaterialien sprengen die Raster. Spannweiten werden extrem. Formen werden willkürlich. Digitale Planungsmethoden machen Unvorstellbares möglich. Das Ergebnis sind – vielfach – unverständliche Entwürfe, die mehr abstrakte Kunst als Bauwerk sind und die ein Unbehagen in uns auslösen, weil das innere Bedürfnis nach Harmonie und Ordnung verworfen wird.
Moderne, Revolte gegen die Moderne – es muß einen dritten Weg geben, der an das Wahre anknüpft.
Im weltweiten Netz und in sozialen Medien kursieren Gegenprogramme zur baulichen Moderne, die, ausgehend von einer inneren Revolte gegen die Moderne, Stil propagieren: Modernistische Stadtfassaden werden anschaulich rückgebaut und erhalten einen historischen Aufputz. Das kann gefallen, gefällt auch, ist aber letztlich eine hübsche Fassade für einen andersartigen Kern und in diesem Sinne eine Fälschung. Gebäude des späten 20. Jh., die eine Fassade bekommen, die die Illusion erzeugt, es handle sich um ein Gebäude des 19. Jh., sind Trugbilder, die zwar schöner sind als der modernistische Entwurf, aber dennoch eine Kluft eröffnen. Das Äußere bewahrheitet sich nach der Prüfung nicht. Inneres und Äußeres stehen in keinem Verhältnis zueinander, sondern widersprechen einander. Das erzeugt wiederum Unbehagen. Es muß einen dritten Weg geben, der an das Wahre anknüpft. Wir sind doch mehr oder weniger alle Lebensreformer, die die Widersprüche aufheben und ein Gleichgewicht der Dinge finden wollen. Wieso nicht auch beim Bauwerk?
An das Alte anzuknüpfen, ist der falsche Weg. Dazu ist im 20. Jh. zu viel passiert. Wir bauen keine Fahrzeuge, die wie vom letzten Jahrhundert aussehen. Es stimmt zwar, daß das Fahrzeug eine Maschine ist und die Behausung die bauliche Heimat; dennoch, wir bauen massiv Technologie in unsere Bauwerke ein und begnügen uns nicht mit Technik der Vor-Moderne.
Zwei Schweizer, die dem Bauen Nietzsche und Spengler zugrunde legen wollen
Der Schweizer Architekturtheoretiker Markus Breitschmid, der in Virginia in den Vereinigten Staaten lehrt, hat mit dem Schweizer Architekten Valerio Olgiati das Buch Nicht-referenzielle Architektur geschrieben. Die beiden beziehen sich in ihren Gedanken zum Bauen auf Friedrich Nietzsche und Oswald Spengler und wollen ein Bauen, das von historischer Imitation losgelöst ist und das Heroische wiederfindet: „Räume machen den Sieg über die Materie erfahrbar. Aus diesem Sieg über die Materie des Materials bezieht das Gebäude seine sinnstiftende Funktion.“
Die Formel für ein Bauen, das seinen Namen verdient, ist für Olgiati und Breitschmid: Idee – Ordnung – Bauwerk. Von der prinzipiellen Möglichkeit der konstruktiven Freiheit der Form ist in der Gegenwart, in der Moderne, auszugehen. Freiheit findet allerdings erst dann ihren Sinn, wenn sie nicht in Willkür endet, sondern zu Ordnung, Symmetrie und Klarheit führt. Bauwerke sind nicht (nur) Kunst, sondern menschliche Umgebungen, die Schutz, Geborgenheit und Heimat stiften bzw. stiften sollen. Darin besteht ihr evolutionärer Sinn. Daneben drücken Bauwerke sozialen Status und kulturelle Werte aus, dienen der Repräsentation, sagen etwas aus, sind Form und Ästhetik.
Bauwerke sind nicht nur Natur, stehen aber bestenfalls in einem Verhältnis zur Natur. Sie sind in ihren Bestandteilen aus der Natur entnommen, in die Natur gesetzt und werten, wenn der Entwurf glückt, die Natur auf. Ganz am Ende werden die Bauwerke bestenfalls wieder an die Natur zurückgegeben, sind natürlich abbaubar. Zuletzt soll das Bauwerk das Geistige fördern und fordern. Strukturierung, Sachlichkeit und Klarheit fördern die freien Gedanken. Der Minimalismus, den wir bei Gebrauchsgegenständen schätzen – denken wir an den Elektronikhersteller „Braun“ und in der Braunschen Tradition an „Apple“ – reduziert Komplexität. Wir konzentrieren uns auf das Wesentliche, finden innere Ruhe. Was bei Gebrauchsgegenständen gilt, gilt umso mehr für Bauwerke. Gerade in stressigen und komplizierten Zeiten wie heute.
Komplexe Anforderungen an Bauwerke, die zeitgemäß sind, aber keinekünstliche Anmaßung
Verlangt werden: menschliche Kultur, Naturbezug, kreative Freiheit. Der Architekt Heinrich Tessenow meinte, die Natur sei am schönsten, wenn gar nicht erst gebaut werde. Das stimmt, ist aber auch keine Lösung. Wir wollen ja weder in Waldhütten noch in Höhlen leben, zumindest nicht das ganze Jahr über. Denken wir Tessenow weiter, dann könnte die Lösung, bezogen auf das heutige Bauen, darin bestehen, in die Natur hineinzubauen. Das Bauwerk wird in das Erdreich hineingebaut und überschüttet. Das Bauwerk ist: Natur plus x. Gottfried Benn meinte jedoch auch, mit der Antike habe eine Erhöhung der Erde stattgefunden. Die Erde sei zwar noch Erde, strebe jedoch nach oben. Das ist das, was wir Kultur nennen, der Gegenentwurf zur Natur, das Kultivierte, das Erhöhte und Überhöhte. Nach Peter Sloterdjik ist es die Vertikale, die wirkt, wenn sich in uns ein Anspruch nach Größe und Höhe entwickelt. Manche würden vom Göttlichen sprechen. Aus diesen philosophischen Gedanken ergibt sich der kühne Hochbauentwurf. Ja, wir wollen nicht nur in Erdhöhlen leben. Städte, die pulsieren, verlangen nach anderen Konzepten. Gewissermaßen sind wir ja nicht nur Naturwesen, sondern Kulturwesen, streben nach Gemeinschaft und organisiertem Gemeinwesen. Wie könnte ein Bauen aussehen, das zeitgemäß ist – und gefällt?
Stahlbeton, Stahl und Glas sind im modernen Bauen nicht wegzudenken, aber auch problematisch.
Stahlbeton erzeugt die Illusion einer amorphen und beliebig modellierbaren Masse. Bauherren und Architekten glauben an diese Illusion. Haustechniker glauben hingegen, in die Betonkörper könnten unzählige Leitungen hineingepackt werden. Hinzu kommen dann allerlei Dämmmaterialien, weil Beton zwar gut trägt, aber schlecht dämmt. Sind diese Dämmmaterialien synthetisch, verbauen wir quasi Müll. Man fragt sich besser nicht, was nach dem Ablauf der Nutzungsdauer passieren werde. Weitaus problematischer ist, daß Entwürfe, die modernistisch und nicht zeitlos sind, eine sehr geringe Halbwertszeit haben und somit nach 30 oder 50 Jahren über einen Ersatzneubau nachgedacht wird, weil der Entwurf niemandem mehr gefällt. Und weil ihn auch niemand vermissen würde. Nicht viel besser verhält es sich dann, wenn wir moderne Glas-Stahl-Türme in die Höhe ragen lassen. Der Glaskörper heizt sich unnötig auf, ist im Sommer der Hitze und im Winter der Kälte ausgesetzt. Nichts funktioniert ohne übermäßige Technik. Schön ist es vielfach auch nicht. Das Glas vergilbt, und emotional „warm“ werden wir mit dem vielen Glas auch nicht.
Holz bringt den Wald in die Stadt und die Seele ins Bauwerk.
Eine Lösung besteht im Holzbau. Das Holz bringt nicht nur den Wald in die Stadt, sondern bestenfalls die Seele ins Bauwerk. Kein Baustoff ist so intim wie Holz. Holz altert wie Menschen. Holz kann, mit der richtigen Pflege, alt werden. Holz hinterläßt Spuren. Und erzeugt Atmosphären. Kaum ein Werkstoff ist so menschlich wie Holz.
Holz erfordert aber ein hohes Maß an planerischen Fertigkeiten. Brandschutz, Schallschutz, Schwingungen und Feuchteschutz machen ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit notwendig. Es zählt also wieder Qualität statt Masse. Wichtig ist, daß der Rohstoff Holz aus lokalen und regionalen Netzwerken stammt. Fichtenmonokulturen gehören zunehmend der Vergangenheit an. Wir werden uns notgedrungen an Mischwälder gewöhnen müssen. Das bringt gleichzeitig auch mehr Vielfalt bei Holzprodukten ins Bauen: nicht mehr nur Nadelholz, sondern vermehrt Laubholz. Holz ist im Normalfall ehrlich und konstruktiv konsequent. Spielereien spielt Holz nicht mit. Amorphe Formen sind in Holz schwer herstellbar. Klarheit, Struktur und Stringenz der Konstruktion sind beim Holzbau vorteilhaft. Der Holzbau ist, auch wenn er modern ist, notgedrungen – mehr oder weniger – symmetrisch, geordnet und strukturiert. Die Eleganz kommt ins Bauwerk zurück und dadurch die Schönheit, die wir vermissen. Zwar nicht immer, aber im Holzbau tendenziell öfter.
Flachdach nur, wenn intensiv begrünt!
Unseren Städten fehlt aber auch noch etwas anderes: Der triste, graue Alltag erfordert zunehmend ein Umdenken. Parkende Fahrzeuge auf Asphalt, dazu Fassaden aus Stein oder Stahl machen unsere Städte kaum lebenswert, besonders nicht im Sommer. Neben der Begrünung der Straßen geht es dabei auch um die Begrünung der Gebäude selbst. Fassadenbegrünungen geben manchem modernen Bauwerk nicht nur den Naturbezug zurück, sondern machen unsere Städte spürbar behaglicher – und schöner. Eine sinnvolle Formel wäre: Flachdach nur, wenn es intensiv begrünt wird!