Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Ein Tirol, mehrere Landesteile, viele Bezeichnungen

von Cristian Kollmann

Namen sind nicht neutral

Zur Aktualität der Thematik

Der Südtiroler Landtag hat am 7. Mai 2025 mit großer Mehrheit dem von der italienischen Regierung vorgelegten Entwurf einer Reform des Autonomiestatutes für die Region Trentino-Südtirol zugestimmt. Die sehr wenigen Gegenstimmen kamen von den Fraktionen Süd-Tiroler Freiheit, Vita und Freie Fraktion. Der Reformentwurf ist mittlerweile als Verfassungsgesetz Nr. 2 vom 18. Mai 2026 endgültig verabschiedet und im Amtsblatt der Italienischen Republik (Gazzetta Ufficiale della Repubblica Italiana) Nr. 130 vom 8. Juni 2026 veröffentlicht worden. Dies bedeutet eine Reihe von Nachteilen für die deutsche und die ladinische Volksgruppe in Südtirol.

In der vorliegenden Analyse wollen wir einen nur scheinbar marginalen, doch für den Minderheitenschutz zentralen Aspekt des Reformentwurfes herausgreifen: den Namen für die Region. Seit der italienischen Verfassungsreform von 2001 heißt die Region im Italienischen Regione autonoma Trentino-Alto Adige/Südtirol – die deutsche Teilbezeichnung Südtirol war neu dazu gekommen. Im Deutschen hingegen hieß die Region auch noch nach der Verfassungsreform von 2001 unverändert Autonome Region Trentino-Südtirol. Genau das wurde nun mit dem Verfassungsgesetz Nr. 2 vom 18. Mai 2026 geändert: Analog zum italienischen Namen wurde auch der deutsche Name dreigliedrig, indem dieser durch die Teilbezeichnung Alto Adige ergänzt wurde. Die Region heißt im Deutschen nun Autonome Region Trentino-Südtirol/Alto Adige. Der Unterschied zwischen dem italienischen und dem deutschen Namen besteht nun nur mehr in der Reihung des Zweit- bzw. Drittgliedes: italienisch Alto Adige/Südtirol, deutsch Südtirol/Alto Adige.

Was für das Deutsche mit Blick auf die bereits im Italienischen seit 2001 existierende italienische Dreigliedrigkeit des Namens im ersten Moment konsequent und schlüssig erscheinen mag, entpuppt sich im zweiten Moment aus sprachhistorischer und grammatikalischer Sicht als falsch sowie aus minderheitenpolitischer Sicht als kurzsichtig und gefährlich. Der Südtiroler Landtag hat mit seinem Ja zu jenem Entwurf, der inzwischen als Verfassungsgesetz Nr. 2/2026 verabschiedet wurde, einen Präzedenzfall zum Schaden des Minderheitenschutzes geschaffen.

Südtirol – Tirolo meridionale – Sudtirolo: Kurzer historischer Abriß über die Tiroler Landesteilbezeichnungen

Die linguistische Komplexität und politische Problematik rund um den Namen für die Region wird erst verständlich, wenn wir einen Blick in die Geschichte der Bezeichnungen für die Tiroler Landesteile werfen. Dies soll nachfolgend kurz geschehen und am Schluß ein kurzes politisches Fazit gezogen werden. 

Grundsätzlich gilt festzuhalten, daß Tirol vor seiner Zerreißung nach dem Ersten Weltkrieg zwar durchaus in Nordtirol, Südtirol, Deutschsüdtirol oder Welschtirol sowie, seltener, Osttirol unterteilt wurde. Allerdings war für diese Landesteilbezeichnungen kaum die politisch-administrative, sondern in erster Linie die geographische Komponente entscheidend. Speziell unter Südtirol verstand man überwiegend das südlich des Alpenhauptkammes befindliche Tiroler Gebiet, meist inklusive jenes des späteren Osttirols. War auf Anhieb nicht klar, von welchem Südtirol gerade die Rede war, bestand die Möglichkeit, nach dem Kriterium der Ethnizität und/oder Bezirkszugehörigkeit präziser von Deutschsüdtirol, Italienisch-Tirol oder Welschtirol zu sprechen. Auch war Deutschtirol in Gebrauch, wobei dieser Begriff zusätzlich ganz Gröden, das Gadertal und den ebenso ladinischen Bezirk Haiden (Ampezzo) inkludierte. Die im Italienischen am häufigsten anzutreffenden entsprechenden Äquivalente zu den deutschen Landesteilbezeichnungen lauteten Tirolo Settentrionale, Tirolo Meridionale (beides erstmals 1722), Tirolo Tedesco, Tirolo Italiano (beides erstmals 1780), Tirolo del Nord (erstmals 1892), Tirolo del sud (erstmals 1843), Sud-Tirolo (erstmals 1874), Sud Tirolo (erstmals 1894). Die Chronologie der italienischen Belege zeigt: Jene mit settentrionale und meridionale sind älter, jene mit Nord und Sud sind jünger. 

Napoleon: Alto Adige kommt ins Spiel.

In der italienischen Sprache trat, zusätzlich zu den bereits gängigen Landesteilbezeichnungen, die allesamt Tirolo enthielten, eine weitere Bezeichnung in Erscheinung. Unter der Herrschaft Napoleons war Tirol vier Jahre lang, von 1810 bis 1814, zwischen Bayern und Italien aufgeteilt. Die Grenzlinie zwischen dem nördlichen und dem südlichen Teil verlief auf der Höhe nördlich von Gargazon und südlich von Kollmann. Der südliche Teil hieß auf Italienisch Dipartimento dell’Alto Adige und auf Deutsch Oberetsch-Department. Mit dem Wiener Kongreß im Jahr 1814 wurde Tirol als Ganzes wiederhergestellt und kehrte zurück zu Österreich.

Tolomei: Ein obsoletes Alto Adige wird geographisch verschoben und ideologisch aufgeladen.

Nachdem das napoleonische Alto Adige seit rund 90 Jahren von der Bildfläche verschwunden war, griff der Welschtiroler Irredentist und spätere Faschist Ettore Tolomei im Jahr 1905 diesen Begriff wieder auf und übertrug ihn auf das im Einzugsgebiet der Etsch befindliche deutsche und ladinische Tirol, das es auf Grund der „natürlichen Grenze“ am Alpenhauptkamm von Italien zu annektieren galt. So kam es dann auch nach dem Ersten Weltkrieg. Die Annexion Tirols südlich des Brenners und westlich von Arnbach durch Italien sowie das Aufkommen des Faschismus markierten eine Sternstunde für Ettore Tolomei. Der Begriff Alto Adige paßte perfekt ins Konzept der faschistischen Politik der Entnationalisierung der Südtiroler, zumal er nach Süden weist und jeden Bezug zu Tirol in Abrede stellt. Es galt nur noch, die neu geschaffenen Fakten gesetzlich festzuschreiben. Am 12. März 1923 beschloß der Großrat des Faschismus „Provvedimenti per l’Alto Adige, intesi ad una azione ordinata, pronta ed efficace di assimilazione italiana“, also „Maßnahmen für das Oberetsch zum Zwecke einer geordneten, schnellen und wirksamen Assimilierung und Italianisierung“. Noch im selben Jahr, am 8. August 1923, wurden die Namen Süd-Tirol, Deutschsüdtirol, Tirol und Ableitungen davon verboten. Für einzig zulässig erklärt wurden im Italienischen die „Subregional-Bezeichnung“ Alto Adige mit der Ableitung Atesino sowie im Deutschen die Rückübersetzung Oberetsch mit der Ableitung Etschländer.

Südtirol im Italienischen ist kein reguläres italienisches Äquivalent; systematisch korrekt wäre Sudtirolo

Das Verbot eines offiziellen Namens Südtirol überdauerte den Faschismus um ein Vierteljahrhundert – galt somit in der Summe über ein halbes Jahrhundert lang. Erst im Jahr 1972 wurde es, mit dem Inkrafttreten des 2. Autonomiestatutes, faktisch aufgehoben. Seither gilt der Name Südtirol im Deutschen als Teilbezeichnung für die Region, nicht jedoch für die Provinz, die strenggenommen Autonome Provinz Bozen – ohne Südtirol – heißt. Auch die Verfassungsreform von 2001 hat daran nichts geändert, weil mit dieser Südtirol lediglich als Teilbezeichnung in Trentino-Alto Adige, den italienischen Namen für die Region, eingefügt wurde. Dies mag zwar als Aufwertung intendiert gewesen sein, tatsächlich jedoch war es ein linguistischer und politischer Fehler. Statt das korrekte und seit dem Ende des 19. Jh. belegte italienische Äquivalent Sudtirolo festzuschreiben, übernahm man den deutschen Namen Südtirol unverändert – dies zudem, obwohl Sudtirolo seit den 1970er-Jahren wieder verstärkt verwendet wurde. Kurzum: Im Jahr 2001 mag die Zeit noch nicht reif gewesen sein, den ideologisch aufgeladenen Begriff Alto Adige zu ersetzen. Doch statt ihn mit Südtirol zu kombinieren, hätte man ihn zumindest mit Sudtirolo ergänzen können. Da dies unterblieb, konnte von italienischer Seite argumentiert werden: Wenn die Region im Italienischen Trentino-Alto Adige/Südtirol heiße, müsse sie im Deutschen folgerichtig Trentino-Südtirol/Alto Adige heißen. Genau diese Logik wurde mit dem Verfassungsgesetz Nr. 2/2026 nun verankert.

Gefahr für den Minderheitenschutz: Mit dem geistigen Erbe Ettore Tolomeis hat Südtirol immer weniger ein Problem.

Was nicht einmal Ettore Tolomei, der nicht nur als Totengräber Südtirols, sondern nach den Worten Maurizio Ferrandis zu Recht auch als Erfinder des „Alto Adige“ bezeichnet wird, schaffte, ist heute greifbarer denn je: Alto Adige erobert weiteres Terrain – auch im Deutschen! Ein Südtirol ohne Alto Adige gibt es im deutschen Namen für die Region nicht mehr. Es ist somit nur noch eine Frage der Zeit, bis es heißen könnte: Auch die Autonome Provinz Bozen muß künftig im Deutschen (!) als Kurzform Südtirol/Alto Adige führen. Folglich wird es auch keine Südtiroler mehr geben, sondern nur noch „Südtiroler/Altoatesini“. Unweigerlich wird sich dann die Frage aufdrängen: Wer sind die „Südtiroler/Altoatesini“? Ist das eine noch zu schützende Minderheit? Diese Fragen und die historisch-linguistische Sicht auf die Tiroler Landesbezeichnungen sowie die bis heute existierende imperialistische und manipulative Funktion des Begriffes Alto Adige spielten für die Landtagsabgeordneten, die dem Reformentwurf sorglos zustimmten, keine Rolle. Dabei sind gerade Namen wesentlicher Bestandteil der Identitätspolitik. Autoritäre Regierungen wußten immer schon, dies in ihrem Sinn zu nutzen. Italien, obwohl offiziell eine Demokratie, tut dies bis heute. Im Gegensatz zu früher scheint das heutige offizielle Südtirol kein Problem damit zu haben, sich von Italien vorschreiben zu lassen, wie dieser Tiroler Landesteil in der Sprache der autochthonen Bevölkerung zu heißen habe – vom Italienischen ganz zu schweigen. Wenn Südtirol sich in einem so wichtigen Bereich von Italien dreinreden läßt, wird es dies in Zukunft auch in anderen Bereichen, die den Minderheitenschutz betreffen, akzeptieren (müssen).

Eine ausführliche Analyse zum selben Thema veröffentlichte der Autor unter dem Titel Südtirol – Alto Adige – Sudtirolo. Historische, linguistische und namenspolitische Überlegungen anlässlich der Wiederbelebung des Namenstreits durch die Autonomiereform. In: Europa Ethnica 1/2 2025, S. 35-44. Aktualisierung: Der im Beitrag behandelte Reformentwurf wurde mittlerweile als Verfassungsgesetz Nr. 2 vom 18. Mai 2026 verabschiedet und im Amtsblatt der Italienischen Republik (Gazzetta Ufficiale) Nr. 130 vom 8. Juni 2026 veröffentlicht.


Abbildung 1: Karte von Tirol in Augustin Scherers Lesebuch Geographie und Geschichte von Tirol, Innsbruck 1860. Das Land wird in Nordtirol, Südtirol (mit dem Gebiet um Lienz) und Wälschtirol unterteilt.

Abbildung 2: Amtlicher Briefkopf einer k.k. Notariatsurkunde aus Cles (Glös), 1865. Er führt die Bezeichnung Tirolo Meridionale und dokumentiert damit, daß diese Bezeichnung für den italienischen Teil Tirols auch amtlich in Gebrauch war.

Abbildung 3 (Quelle: Wikimedia Commons, Autor: Sajoch, Lizenz: CC BY-SA 3.0): Der Begriff Alto Adige wurde unter Napoleon geprägt und bezeichnete u.a. zwischen 1810 und 1814 jenen Tiroler Landesteil, der dem Königreich Italien zugeschlagen wurde und größtenteils das damalige Welschtirol umfaßte. Das von Ettore Tolomei rund 90 Jahre später wieder aufgegriffene Alto Adige sollte hingegen ein grundsätzlich anderes Gebiet bezeichnen.

Abbildung 4: Karte von 1908 mit Ettore Tolomeis Konzeption eines „Alto Adige“. Die territoriale Zielvorstellung verwirklichte sich 1919 weitgehend. Das Münstertal blieb trotz seiner Zugehörigkeit zum Etsch-Einzugsgebiet außerhalb Italiens, während mit Sexten und Innichen auch Gebiete des Drau-Einzugsgebietes an Italien gelangten. Auffällig ist zudem, daß Tirol nicht einmal nördlich des Brenners als solches, sondern als „Innsbruck“ bezeichnet wird und östlich des Toblacher Feldes die Bezeichnung „Carinzia“ erscheint.

Abbildung 5: Ausschnitt aus dem Dekret des Präfekten der Provinz Trient vom 8. August 1923. Verboten wurden die Bezeichnungen Süd-Tirol, Deutsch-Südtirol, Tirol, Tiroler sowie sämtliche Ableitungen; als zulässig galten ausschließlich Alto Adige und, vorläufig geduldet, Oberetsch sowie die Ableitung Etschländer.

Abbildung 6: Plakataktion des Südtiroler Heimatbundes im Jahr 2023 anläßlich des 100. Jahrestages der Einführung des Begriffes Alto Adige. Die darin mitschwingende faschistische Symbolik wird graphisch hervorgehoben, indem der Buchstabe „t“ durch ein Liktorenbündel dargestellt wird.

Abbildung 7: Willkommenstafel (Fotomontage), auf der in der italienischen Sprachfassung anstelle des Begriffes Alto Adige der bereits gegen Ende des 19. Jh. belegte italienische Name Sudtirolo verwendet wird.

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