Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

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„Wenn Du mich siehst, dann wirst Du weinen“

von Alain Felkel

Tief im Westen

„In tiefen Fluten ruh ich gern, doch mahn ich, bleibt das Wasser fern“. Diese Zeilen eines Goethe-Gedichtes sind auf einem Findling zu lesen, den Steinmetz Benedikt Kreusch am 20. August 2026 weitab vom eigentlichen Ufer am Rhein bei Kleve plazierte. Was beim ersten Lesen unglaubwürdig klingt, ist wahr. Dort, wo der Gesteinsbrocken jetzt liegt, fließt normalerweise der Rhein, sodaß der behauene Fels bei normalem Pegelstand nicht mehr zu sehen sein wird. Der Findling ist nämlich ein sogenannter „Hungerstein“ und wird zukünftig immer bei extremen Niedrigwasserständen „auftauchen“, die durch langanhaltende Trockenperioden bewirkt wurden.

Kreuschs Aktion ist kein Novum. Die Tradition der Hungersteine ist in Deutschland seit dem Hochmittelalter historisch verbürgt und im Rhein-Maingebiet sowie den Elbgebieten verbreitet. Wie die Tradition entstand, ist nicht bekannt. Fest steht jedoch, daß Hungersteine den Beweis dafür liefern, daß Dürren immer wieder zyklisch auftauchen und nicht erst das Produkt eines vermeintlich menschengemachten Klimawandels sind.

So zeigen zum Beispiel die Hungersteine von Worms an, daß es allein im 19. und 20. Jahrhundert mehrere Dürreperioden gab. Diese erschwerten die Rheinschiffahrt nicht nur erheblich, sondern machten sie sogar zeitweise unmöglich. Belege dafür sind die auf den Hungersteinen verzeichneten Niedrigwasserstände der Jahre 1857, 1947, 1963, 2003 und 2009.

Daß die Hungersteine bis heute im Kollektivgedächtnis geblieben sind, liegt daran, daß auf den Felsbrocken nicht nur die Jahreszahlen historischer Niedrigwasserstände vermerkt wurden. Denn Hungersteine erfüllen immer zwei Funktionen: Einerseits dienen sie dem Kollektivgedächtnis, indem sie an historische Niedrigwasserstände erinnern, andererseits verweisen sie auf die Gefahr nahender Hungersnot.

So wurde an der alten Wuppermündung bei Leverkusen vor Verlegung des Flusses im Hungerjahr 1947 ein größerer Steinbrocken im Rhein gesehen, der folgende Inschrift trug: „Wenn Du mich siehst, dann wirst Du weinen“.

Biblisch anmutende Hungersteininschriften wie diese entsetzen die Nachwelt noch heute, erinnern sie doch eher an ein düsteres Menetekel als an einen einfachen Gedenksteinspruch. Doch nicht immer finden sich auf Hungersteinen derartig schaurige Gravuren. Manchmal wurden auf ihnen auch nur Namensgraffiti oder Liebesbotschaften mit ungelenker Hand eingeritzt.

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