Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Erik Lehnert

Deutsche Spuren in Georgien

von Erik Lehnert

Vielleicht handelt es sich um eine symbolische Zahl, wenn es heißt, daß heute noch 1.000 Menschen in Georgien leben würden, die sich zur deutschen Minderheit zählen würden. Denn in der Bibel steht die „1.000“ für eine „große Zahl“, und das nationale Statistikamt Georgiens weist die Deutschen nicht als eigene Ethnie aus, sodaß man diese unter „Andere“ oder „keine Angabe“ vermuten muß. Diese Zahl gibt aber auch einen Hinweis darauf, daß man die historische Leistung der Deutschen, auch wenn sie nur noch in verschwindend geringer Zahl in Georgien leben, nicht an der nackten Zahl bemessen könne. Denn das deutsche Erbe in Georgien besteht nicht nur aus den üblichen Forschungsleistungen Deutscher, sondern vor allem aus den Hinterlassenschaften der deutschen Koloni­sten, die im 19. Jh. nach Georgien kamen. Die Geschichte der Transkaukasiendeutschen – denn in Aserbaidschan gab es auch welche – war in Georgien lange kein Thema. Erst vor zehn Jahren begann man damit, den Anteil der Deutschen an der georgischen Geschichte systematisch zu erforschen und sichtbar zu machen. Anlaß war das 200-Jahr-Jubiläum der Ankunft der ersten Deutschen im Jahre 1817.

Deutsche Auswanderung nach Transkaukasien bis ins 20. Jh. hinein

Dabei handelte es sich um Schwaben aus der Umgebung Ulms, die einerseits unter den damaligen Mißernten und andererseits als Pietisten unter religiös motivierter Verfolgung litten. Mit ihrem Weg Richtung Osten folgten sie einer Einladung, die zuletzt 1804 von Zar Alexander I. ausgesprochen worden war. Diese versprach den deutschen Siedlern religiöse Freiheit, Land, Unterstützung beim Aufbau ihrer Existenz, Steuervorteile und Befreiung vom Wehrdienst. Die Schwaben machten sich in mehreren Gruppen auf den langen Weg, zunächst auf der Donau bis zum Schwarzen Meer und von dort auf der nördlichen Route um das Meer herum und über den Kaukasus. Die ersten 31 Familien erreichten am 21. September 1817 Tiflis. Es waren Weinbauern, die gut in ein Land paßten, das als Wiege des Weinbaus gilt. Es folgten weitere Familien, darunter 499 Handwerksmeister verschiedenster Berufe. Die Deutschen gründeten Dörfer, die bald wirtschaftlich erfolgreich waren, sodaß weitere Siedlungen entstanden und im Laufe der Jahre, auch noch zu Beginn des 20. Jh., weitere Deutsche nach Transkaukasien lockten. 23 ehemals deutsche Siedlungen zählt man heute im Gesamtterritorium Georgiens.

Der Erfolg sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Leben für die Deutschen dort harte Prüfungen bereithielt. 1826, währen des Russisch-Persischen Krieges, wurden einige Siedlungen verwüstet und Einwohner verschleppt, der Zar entzog ihnen die Privilegien, und die bolschewistische Revolution führte auch in Georgien zu Terror und Gleichschaltung. Aber man arrangierte sich, machte die Dörfer zu Musterkolchosen. Es war Stalin, der für das vorläufige Ende der Deutschen in der Region sorgte und sie, ca. 23.000 an der Zahl, nach Kasachstan deportieren ließ. Lediglich Frauen, die mit einem Georgier verheiratet waren, blieben davon verschont. Die Deutschen kehrten auch nach Ende des Stalinismus und der Sowjetunion nicht mehr in nennenswerter Zahl zurück. Fährt man heute durch die ehemaligen Siedlungen, findet man noch zahlreiche Häuser vor, die trotz des erbarmungswürdigen Zustandes durch ihre Fachwerkbauweise an ihre deutschen Erbauer erinnern. Im Rahmen der Wiederentdeckung des deutschen Erbes hat man einige Dörfer mit historischen Ort- und Straßenschildern versehen.

In Katharinenfeld (Bolnissi), der größten deutschen Siedlung, erinnert neben den Häusern nur noch weniges an die Deutschen. Die Kirche wurde erst zum Kino und schließlich zur Turnhalle umgebaut, der Friedhof eingeebnet. Immerhin weisen Schilder auf dieses dunkle Kapitel hin. In derselben Stadt befindet sich eine Außenstelle des Georgischen Nationalmuseums, die vor allem archäologische Funde der Region zeigt, den Deutschen aber auch einen ganzen, schön gestalteten Raum widmet. In Elisabethtal (Assureti) leben zwar auch keine Nachkommen der Kolonisten mehr, aber immerhin einige später zugezogene Deutsche – die deutsche Schule in Tiflis macht es möglich. Hier gibt es sogar noch ein paar deutsche Grabsteine zu bewundern. Schön ist aber vor allem, daß es gelungen ist, die 1871 eingeweihte deutsche Kirche, die genauso verschandelt war wie die in Bolnissi, wieder aufzubauen. Der Kirchturm steht wieder, die Anbauten sind verschwunden, und das Kircheninnere ist ein sonnendurchfluteter, leerer Raum mit Empore. An der Wand sind großformatige Reproduktionen von alten Fotos aneinandergereiht, die ein typisch deutsches Dorfleben zeigen.

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