Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Wikimedia Commons, Thomas Stoerck

Grenzen im Kopf: Die Brenner-Fiktion

von Andreas Raffeiner

Die umstrittene Grenzziehung von Saint-Germain 1919 zeigt beispielhaft, wie die Politik die Geographie als Instrument staatlicher Macht mißbrauchte. Die „Brennergrenze“ und die einhergehende historische Zerreißung Tirols stehen für die Verwandlung einer analytischen Disziplin in eine ideologische Waffe zur Konstruktion nationaler Narrative.

Geopolitik als Zweckwissenschaft

Ursprünglich verstand sich die politische Geographie nach Otto Maull (1928) als kritische „Kunstlehre des politischen Raumes“. Sie sollte die räumlichen Strukturen von Staaten analytisch durchleuchten und Grenzansprüche rational hinterfragen, anstatt sie bloß blind zu legitimieren. In der Zwischenkriegszeit degenerierte sie zur Geopolitik – einer dezidiert zweckorientierten, imperialistischen Hilfswissenschaft der Machthaber. Diese neue Strömung unterlief die wissenschaftliche Neutralität systematisch, indem sie aggressive territoriale Expansionsansprüche mit ideologisch aufgeladenen Kategorien wie „Lebensraum“ oder „geopolitisches Schicksal“ rücksichtslos und pseudowissenschaftlich unterfütterte. Damit mutierte die Geographie von einer beschreibenden Disziplin zu einer gefährlichen, hochpolitischen Akteurin der Macht.

Das Märchen der „natürlichen“ Grenze

Zentrales Werkzeug dieser Epoche war der Geodeterminismus, welcher fälschlich postulierte, daß natürliche Gegebenheiten das menschliche Handeln und staatliche Räume unausweichlich vorherbestimmen würden. Italienische Nationalisten und chauvinistische Irredentisten deklarierten den Alpenhauptkamm unbarmherzig zur „natürlichen“ und gottgegebenen Nordgrenze des italienischen Kulturraumes, um den völkerrechtswidrigen Erwerb Südtirols im Friedensvertrag von Saint-Germain 1919 ideologisch zu rechtfertigen. Die moderne kultur- und sozialgeographische Kritik entlarvt solche vermeintlich naturgegebenen Linien jedoch als reine, politisch motivierte Machtdiskurse. Diese Diskurse blenden historische Realitäten, jahrhundertelange Koexistenzen und gewachsene alpine Kulturräume gezielt aus, um künstliche Grenzen erst diskursiv zu erschaffen und bestehende Herrschaftsstrukturen dauerhaft zu stabilisieren.

Tolomeis manipulative Kartographie

Karten fungierten hierbei als primäre Medien der Macht, indem sie komplexe, lebendige Räume brutal auf scharfe Trennlinien und besetzbare Flächen reduzierten. Der folgenschwerste und rücksichtsloseste Akteur auf italienischer Seite war hierbei der nationalistische Grenzideologe Ettore Tolomei, Gründer des „Archivio per l’Alto Adige“.  Durch systematische topographische Fälschungen, rücksichtslose, künstliche Umbenennungen der Orte und manipulative Kartierungen konstruierte er eine rein italienische Realität für das südliche Tirol. Der Londoner Geheimvertrag von 1915 besiegelte diesen geopolitischen Kuhhandel als imperiale Gegenleistung für Italiens Kriegseintritt, vom Friedensvertrag von Saint-Germain 1919 schließlich völkerrechtlich zementiert. Eine demokratische Willensbildung der betroffenen Südtiroler Bevölkerung fand zu keinem Zeitpunkt statt.

Die Tiroler Gegenerzählung

Österreichische Geographen wie Albrecht Penck oder Johann Sölch hielten mit dem Konzept des „Paßlandes“ vehement dagegen, das die historisch verbindende Funktion der Gebirge betonte. Sie beschrieben Tirol nicht als geteilten, sondern als funktional integrierten Kultur- und Wirtschaftsraum. Fachzeitschriften wurden in diesem Zuge zu primären Resonanzräumen konkurrierender nationaler Narrative und geopolitischer Machtstrategien. Bundeskanzler Bruno Kreisky brachte das bleibende historische Dilemma in seinen Memoiren auf den Punkt: Die Entstehung der Nationalstaaten bedeutete im wesentlichen das persönliche Unglück von Millionen Menschen innerhalb und außerhalb Europas. Die Wissenschaft trägt hierbei eine schwere Mitverantwortung, wenn sie ihre analytische Neutralität aufgibt und sich unkritisch zum ideologischen Handlanger politischer Machtvisionen machen läßt.

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