Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Aufstieg und Fall des Werner Bräunig

von Benedikt Kaiser

Kaisers Zone

In der soeben erschienenen August-Ausgabe des ECKARTs führe ich eine Neuerscheinung von Carsten Gansel ein. Der Literaturwissenschaftler zeichnet die Prozesse der Entwertung des mittel- bzw. ostdeutschen Schriftgutes in seiner Studie Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand (Stuttgart 2026) nach. „Wer wissen will, was die DDR und wie der Alltag war“, so hält Gansel fest, „sollte die Literatur lesen, die in diesem Land entstand und die keineswegs eine Affirmation des Bestehenden betrieb.“ Gansel verweist dabei auf jene Autoren, die in der Nachwenderepublik der damnatio memoriae verfielen; man las DDR-Literatur nicht mehr, man warf sie sogar – in den Jahren nach 1990 ganz gegenständlich – auf die Müllhalde.

Diese Entsorgungsepoche des mittel- bzw. nun ostdeutschen Schrifttums war keine, in der man nach Geheimtips des verblichenen Teilstaates suchte, die es neu zu edieren gäbe. Erst 2007 hob daher der Aufbau Verlag einen besonderen Schatz, der auch bei Gansel Erwähnung findet: den Rummelplatz des Chemnitzer Arbeiters und Schriftstellers Werner Bräunig in der bis dato verborgenen Erstauflage. Es war im Osten der BRD ein literarisches Ereignis, das ich, damals frisch eingelebt in der altehrwürdigen Industriestadt, eher zufällig wahrnahm. Denn Bräunigs Hauptwerk war zwar direkt nominiert für den Belletristikpreis der Leipziger Buchmesse, aber er selbst war mir kein Begriff. Das hatte mit einer anderen Form der damnatio memoriae, einer Art bewußten Entscheidung zum Vergessenwerden,zu tun. Denn die DDR-Kulturfunktionäre hatten zu Bräunig den Daumen gesenkt und zwar bereits ab 1965, also vier Jahrzehnte vor der Publikation des Hauptwerkes von Bräunig.

Das hatte natürlich mit der Lebensgeschichte des 1934 in Chemnitz geborenen Werner Bräunig zu tun. Eigentlich, möchte man meinen, wäre er im Zeichen von Bitterfelder Weg („Greif zur Feder, Kumpel!“) und Aufbau des Sozialismus ein ausgezeichneter Kandidat für die führende SED-Literaturproduktion gewesen: Arbeitersohn, proletarisch sozialisiert, Schlosserlehre, Verwurzelung im Sächsischen. Doch Bräunig war schon in dieser turbulenten Phase der DDR zu unbequem. 1953 ging er als Fördermann der Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft Wismut (SDAG Wismut) aus Chemnitz ins angrenzende Erzgebirge. Dort, wo „die Wismut“, wie man das 1946 gegründete Bergbauunternehmen bis heute schlicht nennt, die Lebenswelt vieler zehntausender Deutscher bestimmte, lernte er nicht nur den harten Alltag der vom Sowjetbesatzer ausgebeuteten Malocher kennen, sondern auch die neue Halbwelt, die im Dunstkreis der Zechen und Gruben entstanden war. Bräunig selbst schmuggelte zu den Westbesatzern und wurde erwischt; nach kurzer Haftstrafe blieb er im „Arzgebirg“ und verdingte sich auf verschiedenen Stellen. Daneben versuchte er sich recht erfolgreich als Autor für die regionale Tageszeitung Volksstimme (heute: Freie Presse) und wurde von Kulturfunktionären als Talent entdeckt. Drei Jahre lang durfte der publizistische Aufsteiger deswegen am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig lernen, bevor er, seit 1958 SED-Mitglied, im Jahr des Mauerbaues 1961 sogar eine Anstellung in dieser renommierten Einrichtung erhielt, die er bis 1967 – allerdings zuletzt strafweise an die Zeitung Freiheit „abkommandiert“ – ausüben konnte. Vom Leipziger Umland zog er damals nach Halle/Saale, wo er am 14. August 1976 – schwer alkoholkrank und politisch-gesellschaftlich isoliert – verstarb.

Dieser tödliche Abstieg des einstmals so aufstrebenden Jungliteraten hatte mit dem eingangs erwähnten Epos Rummelplatz zu tun. Denn Bräunig wollte, wie er selbst formulierte, schriftstellerisch „teilhaben an der Veränderung der Welt“, die sich im besonderen in der SBZ bzw. frühen DDR vollzog. Er wollte den „Sozialistischen Realismus“ sehr plastisch, sehr konkret, sehr lebenswirklich darstellen und mußte so zwangsläufig den Propagandisten des SED-Apparates mit ihrer demonstrativen Verklärung der gesellschaftlichen Verhältnisse ins Gehege kommen. So sorgte schon der 25-Seiten-Vorabdruck des geplanten Werkes in der Zeitschrift Neue deutsche Literatur im Jahr 1964 für Bräunigs schrittweise Demontage. Bräunig selbst ahnte wohl vorher potentielle Unstimmigkeiten und stellte dem Auszug eine Bemerkung voran, wonach er, der damals 30jährige, explizit seiner Alterskohorte nachfühlen möge, die 1945 – in der vermeintlichen Stunde Null – elf bis dreizehn Jahre alt gewesen sei: „Es ist meine Generation, und aus Erlebnis und Beobachtung weiß ich, daß sie sich von den nur um fünf Jahre Älteren genauso merklich unterscheidet wie von den nur fünf Jahre Jüngeren.“ Es ging ihm also nicht um eine ideologische Kritik der jungen DDR, sondern um eine Analyse einer Generation im Wandel. Und Bräunig sah seine Generation – speziell im damals rasant wachsenden Wismut-Imperium zwischen Johanngeorgenstadt und Aue bis ins Thüringische hinein, das zum drittgrößten Uranproduzenten der Welt wurde – nun mal hin- und hergeworfen zwischen harter Arbeit, körperlichem Leid, sowjetischem Zwang und der Suche nach Müßiggang als temporärer Flucht aus der bleibenden Realität.

Prompt reagierten besonders parteitreue „Wismut-Kumpel“ per Eingabe an die Neue deutsche Literatur und warfen dem Autor vor, „Schmutz über unsere Bergarbeiter und deren Frauen“ zu kübeln. Es folgten weitere Verrisse, und insbesondere folgte die minutiöse Überwachung Bräunigs durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), das sich in jener Stabilisierungsphase besonders aktiv darum bemühte, vermeintlich oder tatsächlich oppositionelle Regungen zu zersetzen. Die Parteiführung der SED gab dabei wie gewohnt die Generallinie vor: Mit dem „Kahlschlagplenum“ im Dezember 1965 wurde seitens des Zentralkomitees Gericht über mögliche Dissidenten im Schrifttum gehalten; vor allem Werner Bräunig kam unter die Räder, und sein geplanter Roman Rummelplatz, dessen Rohfassung mit verschiedenen Detailvariationen vorlag, direkt auf den Index. Davon erholte sich Bräunig nicht: Die Parteilenker zerstörten sein Werk, die Stasi zerstörte sein persönliches Umfeld, der Alkohol schließlich zerstörte Bräunig selbst.

Unabhängig von diesem Dreischritt konnten zumindest periphere Schriften erscheinen, darunter seine Essaysammlung Prosa schreiben (1968) und sein 2008 neu aufgelegter Erzählband Gewöhnliche Leute (1969/71), was ihn, der seit Frühling 1967 als freiberuflicher Autor ohne SED-Schutzschirm darbte, zumindest dank der Honorare des – ebenfalls in Halle/Saale ansässigen – Mitteldeutschen Verlages teilweise über Wasser hielt. Teilweise, denn längst hatte eingesetzt, was die Bräunig-Expertin und -Herausgeberin Angela Drescher als „eine lange Geschichte von Selbstzerstörung durch Alkohol, vom Verlust des Konzentrationsvermögens, der Arbeitsfähigkeit, der Selbsteinschätzung, von zunehmender Vereinsamung, von Abstürzen, Schwäche, Selbstbetrug, Realitätsverlust“ beschrieb. Nichts davon zu spüren ist freilich im posthum veröffentlichten 700-Seiten-Wälzer Rummelplatz, der zu den wichtigsten Büchern der DDR-Geschichte zu zählen ist, auch wenn es in Zeiten dieses deutschen Teilstaates eben gar nicht erscheinen konnte.

Die wohl bekannteste DDR-Schriftstellerin überhaupt, Christa Wolf, die beim gefürchteten 11. Plenum der SED 1965 die isolierte Stimme der Verteidigung für Bräunig geblieben war, schrieb im Vorwort der 2007er-Ausgabe, man müsse Rummelplatz zwingend lesen, gerade auch als Nichtostdeutscher. Denn man finde „in diesem Buch wie in wenigen anderen einen Zeugen der Lebensverhältnisse, der Denkweise von Personen, ihrer Hoffnungen und der Ziele ihrer oft übermäßigen Anstrengungen“. Wolf hat recht. Gerade weil Werner Bräunig so schonungslos wie derb, so realitätsgetreu wie möglich, die Jahre nach 1945 im westsächsischen Industriegebiet nachzeichnet und die Schattenseiten menschlicher Existenz im bleibenden Ausnahmezustand der fremdbestimmten Neuordnung verarbeitet, ist Rummelplatz noch heute historisch instruktiv und emotional packend zugleich.

Wenn der eingangs zitierte Carsten Gansel also dazu rät, daß jener, der den DDR-Alltag ex post nachzuempfinden versuche, jene Literatur zu lesen habe, „die in diesem Land entstand und die keineswegs eine Affirmation des Bestehenden betrieb“, dann kann man gar nicht anders, als zum Rummelplatz zu greifen. Der heutige 50. Todestag Werner Bräunigs ist dazu ein passender Anlaß.

Benedikt Kaiser

Über den Autor:
Benedikt Kaiser, Jg. 1987, studierte an der Technischen Universität Chemnitz im Hauptfach Politikwissenschaft. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Lektor und Publizist. Kaiser schreibt u.a. für Sezession (BRD), Kommentár (Ungarn) und Tekos (Belgien); für éléments und Nouvelle École (Frankreich) ist er deutscher Korrespondent.

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