Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Der Osten ist Avantgarde!

von Benedikt Kaiser

Kaisers Zone

Philip Manow wurde in Hamburg geboren, lehrte in Konstanz am Bodensee, in der Neckarstadt Heidelberg und seit 2024 in Siegen im Sauerland: Er ist damit unverdächtig, Mittel- oder Ostdeutscher zu sein. Und doch ist der Politikwissenschaftler und Analyst zweifellos Experte für die ostdeutsche Sondersituation – und darüber hinaus. Als Solitär in seiner mittlerweile zu homogenen Zunft eckt er regelmäßig an, und das geht schnell: Er ist nicht linksliberal, argumentiert nicht moralisierend, folgt den Trends der identitätspolitischen Neujustierung nicht. In der 121. Sezession (August 2024) rezensierte ich Manows damalige neue Schrift Unter Beobachtung (Berlin 2024) und lobte, „daß er Fragen beantwortet, die seine Kollegen nicht mal stellen“. Das trifft es wohl auch zwei Jahre später gut.

In seinem neuen Großessay Spaltungslinien nimmt er sich nun Europas Parteiensysteme und die Dekonsolidierung des Nationalstaats (München 2026) vor. Der Text ist in Gänze wichtig für das Verständnis der politisch-ökonomisch-kulturellen Konstellation, in der wir leben. Für die Zwecke dieser Kolumne, die sich explizit auf die Situation in der einstigen „Zone“, dem ehemaligen Mitteldeutschland und heutigen Ostdeutschland, zu fokussieren hat, blicken wir indes auf jene Aspekte, die ausdrücklich in unseren Beritt gehören. Und da fiel mir bei der Lektüre Manows jener Schlußsatz meiner Kolumne – eine pro Monat erscheint gedruckt, eine online – im Mai-Heft des ECKARTs mit dem Themenschwerpunkt „Parteiisch“ ein, der wie folgt lautet: „Der Ostdeutsche im Jahr 2026 bevorzugt, parteifrei zu bleiben, selbst dann, wenn er stark parteiisch ist.“ Philip Manow nun erläutert die aktuelle Debatte um die Neusortierung von Wählerschaften und Parteien, die man „De-Alignment“ – Abwendung von einer Partei bzw. Parteien – und „Re-Alignment“ – langfristige Verschiebung und Neusortierung – nennt. Wenn heutzutage im politischen Kontext etwas „ostdeutsch“ ist, dann dies: die Skepsis gegenüber Parteiengagement, die Bereitschaft, neu zu denken und neu zu wählen. Die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) urteilt treffend: „Die fehlende Parteibindung [im Osten; B.K.] spiegelt sich sowohl in vergleichsweise niedrigen Parteimitgliederzahlen als auch einer hohen Anzahl an Wechselwählern […] wider.“

Folgt daraus mangelndes Interesse „der“ Ostdeutschen an ihrem Gemeinwesen und an „der“ Politik? Mitnichten. „Typisch“ ostdeutsch ist vielmehr die „neuartige Verbindung aus ideologischen Positionen“ (Manow), die – ob im AfD- oder, schwächer, im BSW-Kontext – immer häufiger darin zu bestehen scheint, daß man dazu übergeht, die „gesellschaftspolitisch prononciert rechten mit wirtschafts- und sozialpolitisch eher linken Positionen“ zu vermählen. Doch Ostdeutschland ist hier kein freischwebender Planet: Vielmehr, erklärt Manow, sei das vielerorts in Europa zu beobachten, insbesondere bei „rechtspopulistischen“ Formationen. Diese starten oftmals als liberale oder gar neoliberale Projekte und werden, aufgrund ihrer zunehmenden Verankerung im breiten Volk und einer entsprechenden realistischen Selbstschau, zunehmend „linker“ im ökonomischen Bereich, d.h. sozialer und solidarischer, weniger liberal und marktradikal. Als Beispiele nennt Manow u.a. den Rassemblement National in Frankreich, die PiS in Polen, Fidesz in Ungarn oder auch die PVV in den Niederlanden, die einst neoliberal und islamkritisch begann und mittlerweile sozialen Wohnungsbau und öffentliche Gesundheitsversorgung protegiert, ohne dabei den islamkritischen Markenkern zu negieren.

Die Verschmelzung gesellschaftspolitisch rechter mit wirtschafts- und sozialpolitisch linken Themen sorge, so leitet Manow historisch-politisch her, eher im Westen für Aufsehen. Im Osten, und dazu zählt auch die ehemalige DDR, sei das eben gerade nicht neu: Es gebe seit jeher „markante Unterschiede zwischen Ost und West in der grundsätzlichen Ausrichtung des politischen Raums“. Betrachtet man das dergestalt, holt das rechte Lager im „Westen“ aktuell eine Entwicklung nach, die im „Osten“ schon vollzogen wurde: Philip Manow nennt diese Links-rechts-Synthese die neue „Erfolgsformel“ der Parteienpolitik, wobei man ihn hier daran erinnern darf, daß dies einige Jahre vor ihm bereits der Politikwissenschaftler Timo Lochocki im Polit-Magazin Cicero tat, der – mit denselben Inhalten und in ähnlichen Worten – von der neuen „Gewinnerformel“ der Zukunft sprach, doch in Manows Literaturapparat gar nicht erst auftaucht. Geschenkt – denn Manow besitzt den Vorteil, daß wir die Ergebnisse dieser Erfolgs- bzw. Gewinnerformel 2026 insbesondere in Sachsen-Anhalt, Thüringen und anderswo anhand von Wahlabsichtserklärungen in Form von Wahlumfragen der 40-Prozent-Ost-AfD immer greifbarer vor uns sehen.

Abseits dieser Parteifragen ist ein weiterer Ost-Fakt augenfällig, wenn Manow eine „deutlich erhöhte Volatilität politischer Mobilisierung“ diagnostiziert, die von einem „stärker in den Vordergrund tretenden Bewegungscharakter von Politik“ begleitet wird: Ebendies vollzieht sich beispielsweise in Sachsen, wo nicht nur die AfD wächst und wächst, sondern auch der graswurzelartige vorpolitische Raum – durch „Freie Sachsen“ und zahllose Bürgerinitiativen in den Bereichen Windkraftkritik bis Lebensschutz – belebter denn je erscheint. Wir erleben die Rückkehr einer Politik der Nähe, in der jenseits der „großen Fragen“ die lokale und regionale Verankerung zunehmend Gewicht erhält. Eine Politik der Nähe, organischer Gemeinschaft und Vor-Ort-Verantwortlichkeit, die man in der politischen Wissenschaft seit geraumer Zeit als „Postliberalismus“ beschreibt.

Das, was Philip Manow beschreibend (deskriptiv) und Patrick J. Deneen oder Philip Pilkington bekräftigend (affirmativ) als einen solchen Postliberalismus fassen – d.h. als gemeinwohlorientierte Weltanschauung, in der das solidarische Miteinander, die klassische Familie, Traditionen und, ganz entscheidend, lokale sowie regionale Verbundenheit „von unten“ her gegen die wirtschafts- und linksliberalen Eliten „da oben“ gestärkt werden soll –, ist im Osten also längst konkret greifbar, wo anderswo darüber noch fachlich-abstrakt debattiert wird. „Die Nähe wird als ein Wert empfunden“, weiß der Essayist Simon Strauss, und der neue „Topos“ laute, daß der „Osten damit ein ureigenes Mittel zur Verteidigung der Seele gegen die Zerschlagungstendenzen des westlichen Neoliberalismus“ besitze. Das ist, was Philip Manow meint, wenn er die postliberale Synthese „linker“ (sozialer, solidarischer) und „rechter“ (konservativer, volksverbundener) als künftige „Erfolgsformel“ skizziert.

Pathetisch gesprochen: Der Osten hinkt nicht hinterher, er ist Avantgarde! Als Gegenbewegung zur Entortung und Entgrenzung der globalistischen Epoche sucht er die „Neugeburt des Politischen aus dem Geist der Nachbarschaft, aus der Sehnsucht nach Nähe“ (Strauss), und ebendies läßt die Manowsche Spaltungslinie zwischen den als urban, kosmopolitisch und „abgehoben“ wirkenden „Westlern“ größer werden.  Die wesentliche Frage bleibt, ob das einst wieder zu kitten sei. Am ehesten wohl dann, wenn der Westen beim Osten konstruktiv und neugierig in die Lehre ginge. Die kommenden Krisenschübe dürften diese Tendenz zumindest verstärken.

Benedikt Kaiser

Über den Autor:
Benedikt Kaiser, Jg. 1987, studierte an der Technischen Universität Chemnitz im Hauptfach Politikwissenschaft. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Lektor und Publizist. Kaiser schreibt u.a. für Sezession (BRD), Kommentár (Ungarn) und Tekos (Belgien); für éléments und Nouvelle École (Frankreich) ist er deutscher Korrespondent.

Beitrag teilen

Facebook
X
Email
Telegram
Print
WhatsApp