Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Wikimedia Commons, Wolfgang Sauber
Schloß Rosenau im Waldviertel, Deckenfresko „Jupiter“ mit den Zügen Schönerers

Georg Schönerer – „Vater“ von NSDAP, SPÖ, ÖVP und Grünen

von Martin Hobek

Es gab kaum eine Persönlichkeit des späten 19. Jh., deren Aura solch eine Reformkraft verhieß wie jene von Georg Ritter von Schönerer. Er zog daher Mitstreiter an wie ein Magnet – und stieß sie alle wieder ab. Während er zum geistigen Wegbereiter des Nationalsozialismus wurde, gingen seine „Jünger“ als Gründer der Sozialdemokratischen und der Christlichsozialen Partei sowie der Grünbewegung in die Geschichte ein.

Georg Schönerer wurde 1842 in Wien geboren. Sein Vater Matthias war Gutsbesitzer aus Rosenau im Waldviertel und einer der führenden Eisenbahnbauer seiner Zeit. Er ließ dem Sohn an den besten landwirtschaftlichen Fachschulen Ausbildungen angedeihen, woraufhin dieser Rosenau zum Musterbetrieb aufblühen ließ. Aufgrund seiner segensreichen Tätigkeit im ganzen Waldviertel – so sollen alleine 200 Dorffeuerwehren auf ihn zurückgehen – wurde Schönerer bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg „Herrgott von Zwettl“ genannt. Seine soziale Gesinnung praktizierte er auch im eigenen Bereich. Ausgediente bekamen lebenslang Kost und Logis, er stellte Behinderte ein und erließ gebeutelten Schuldnern ihre Rückstände.

Dieses soziale Denken manifestierte sich auch im Linzer Programm, an dem die beiden Gründerväter der Sozialdemokratie, Victor Adler und Engelbert Pernerstorfer, mitgearbeitet hatten. Daß Schönerer die deutschsprachigen Gebiete der Habsburgermonarchie einem von den preußischen Hohenzollern geführten Großdeutschen Reich einverleiben wollte, hätten die beiden noch mitgetragen, aber nicht Schönerers rabiaten Antisemitismus, den er rein genetisch auslegte („Ob Christ, ob Jud ist einerlei, in der Rasse liegt die Schweinerei“). Daß Victor Adler, aus jüdischer Familie, bald das Weite suchte, war klar, aber selbst Karl Lueger, Begründer der christlichsozialen Massenbewegung, wurde abgeschreckt. Lueger stimmte in Sachen Soziales, Deutschtum und Antisemitismus mit Schönerer überein, aber seine Agitation richtete sich gegen den mittellosen, orthodoxen ostjüdischen Zuwanderer, der die einheimischen Kleinunternehmer konkurrenzierte. Mit gebildeten, wohlhabenden Juden hingegen spielte Lueger privat Karten. Als ihm radikale Rassenantisemiten dies vorwarfen, meinte er knapp: „Wer ein Jud ist, bestimme ich!“ Für Schönerer war der Kompromiß nicht nur linguistisch ein Fremdwort. Als sich die von ihm geschaffenen Deutschen Worte unter Chefredakteur Pernerstorfer verselbständigten, gründete er die Unverfälschten Deutschen Worte. Er wurde zum Mitbegründer der Deutschen Schulvereines. Als dieser aber auch Juden aufnahm, verließ er ihn empört und gründete eine Gegenorganisation.

Die größten Widersacher Schönerers waren neben Thron und Altar die frühen Freiheitlichen.

So nimmt es nicht wunder, daß neben den Gründervätern der heutigen „Roten“ und „Schwarzen“ auch der erste „Grüne“ letztlich Reißaus nahm: Josef Schöffel stellte sich als Journalist und Naturschützer an die Spitze einer Bewegung, die verhinderte, daß ein Viertel des Wienerwaldes an den Holzhändler Moritz Hirschl zur Schlägerung verkauft wurde. Schöffel wird heute „Retter des Wienerwaldes“ genannt. Schönerer unterstützte Schöffel kräftig und freundete sich mit ihm an. Für ihn war in der Causa Hirschl aber neben dem Antikapitalismus vorrangig der Antisemitismus ausschlaggebend, was die beiden wieder getrennte Wege gehen ließ. Die größten Widersacher Schönerers waren neben Thron und Altar die frühen Freiheitlichen um den ersten demokratisch gewählten Regierungschef Anton Schmerling und den legendären Wiener Bürgermeister Cajetan Felder, die mit Judenhaß nichts am Hut hatten.

Schönerers Leben verlief tragisch

Er zerstritt sich mit fast allen Jugendfreunden und Mitstreitern, sogar mit seiner Schwester Alexandrine Schönerer, einer bekannten Schauspielerin, kam es zum Bruch. Der von ihm kultisch verehrte Reichskanzler Bismarck gewährte ihm zeitlebens keine Audienz, und der Waldviertler Weltliterat Robert Hamerling, dessen Geburtshaus er kaufte und in „deutschem Barock“ umbauen ließ, distanzierte sich in einem Gedicht von ihm. Nach einer Handgreiflichkeit in einer Zeitungsredaktion wurde Schönerer 1888 zu einigen Monaten Kerker verurteilt und verlor seinen Adelstitel. Politisch versank er in Bedeutungslosigkeit, ab 1907 reichte es nicht einmal mehr zu seinem sonst fixen Wahlkreismandat. Schönerer, dessen einziger Sohn Georg 1918 der Spanischen Grippe zum Opfer fiel, starb verbittert 1921, gefeiert wurde er erst einige Jahre später wieder von den Nationalsozialisten.

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