Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

„Der alte Dessauer ist verreckt“ – und vor 350 Jahren geboren

von Mario Kandil

Kalendarium Kandili (75)

Wer unter den Geschichtskundigen älteren Datums kennt nicht den als „alten Dessauer“ berühmt gewordenen Fürsten Leopold I. von Anhalt-Dessau? Und die Jüngeren sollen ihn jetzt kennenlernen. Er, dessen Drill sein Regiment in Sachen Disziplin und Kampfesweise zu einem Vorbild für die damalige Zeit erhob, wurde am 3. Juli 1676 – vor 350 Jahren – geboren.

Durch seine Mutter mit den Herrscherhäusern der Republik der Niederlande und Englands verwandt, offenbarte Leopold bereits früh seine Vorliebe für das Militärwesen. Seit 1698 an der Herrschaft, konnte der junge Fürst mit seinem kleinen Reich militärisch nicht viel Staat machen und trat daher in fremde Dienste. Mit gerade 18 Jahren verdingte er sich als Oberst im brandenburgischen Regiment Anhalt zu Fuß. Dieses machte er zu einer vorbildlichen Einheit und wirkte darüber hinaus mustergültig in Brandenburg-Preußens gesamter Armee.

Während Leopold auf die Heeresorganisation im großen Rahmen kaum Einfluß nehmen konnte – denn sie war Friedrich Wilhelms I. eigenes Werk –, richtete der Dessauer sein Augenmerk auf die straffe Reglementierung von Dienstbetrieb und Elementartaktik. Früh rüstete er sein Regiment nach seinen Vorstellungen aus, exerzierte es ein, machte es zum Modell für die ganze preußische Infanterie. Den hölzernen Ladestock ersetzte er durch den eisernen und standardisierte das Gewehrkaliber. Dazu führte er den Gleichschritt für die nur noch drei Glieder tief aufgestellten Pelotons ein. Die Steigerung der Feuergeschwindigkeit und die Verbindung von Salvenfeuer und geordneter Bewegung lagen Leopold besonders am Herzen. Dies wollte er dadurch realisieren, daß er die Truppe unter Einschluß der Offiziere einem bis dahin beispiellosen Drill unterwarf. Er brachte so die Lineartaktik zur Vollendung und wurde zum Schöpfer der preußischen Infanterie, die sich in den Kriegen Friedrichs des Großen bewährte. Auch in Fragen der Kavallerie war Leopold beschlagen und trug dazu bei, daß sie während des ersten Schlesischen Krieges in Preußens Armee glänzte.

Die erwähnten Neuerungen  wogen mehr als seine Leistungen im Krieg, obwohl Leopold sowohl im Spanischen Erbfolgekrieg wie in den beiden Schlesischen Kriegen Ruhm erwarb. Im zweiten gewann er Friedrich die Schlacht von Kesselsdorf, was den Krieg beendete. Trotzdem hatte der „alte Fritz“ bei der Kunde vom Tode Leopolds (9. April 1747) nur diese wenig taktvollen Worte für seinen Getreuen übrig: „Der alte Dessauer ist verreckt.“

Über den Autor:

Dr. phil. Mario Kandil M.A., geb. 1965, studierte in Aachen Mittlere und Neuere Geschichte, Alte Geschichte und Politische Wissenschaft und promovierte in Hagen. Nach langjähriger Tätigkeit im universitären Bereich und in der Erwachsenenbildung heute freier Historiker und Publizist. Forschungsschwerpunkte: Zeitalter der Französischen Revolution und Napoleons I. sowie der Nationalstaaten, Weltkriege und Kalter Krieg.

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