von Hermann Attinghaus
Vor 150 Jahren starb der Freiheitsdichter Ferdinand Freiligrath. Bis in die 1980er-Jahre gehörten einige seiner Gedichte zum festen Bestandteil des Literaturkanons für Allgemeinbildende höhere Schulen in der Alpenrepublik. Auch seine Ballade „Prinz Eugen, der edle Ritter“, die Carl Loewe so einmalig vertont hat, durfte im Musikunterricht nicht fehlen. Dann kamen „progressive“, d.h. linke Lehrplanreformen, die darauf abzielten, möglichst viel bürgerlich-humanistisches Gedankengut von den Jugendlichen fernzuhalten. Und seither fehlen auch die großartigen Balladen und Revolutionsgedichte dieses Vorkämpfers der Republik. Die bürgerliche Fraktion war wieder einmal zu feige, den Genossen Paroli zu bieten, und selbst die Linken, die heutzutage die Revolution von 1848/49 so gerne für sich reklamieren und so tun, als ob sie die einzigen wahren Demokraten seien, verhielten sich still, obwohl sie lange Zeit versucht hatten, den Dichter für sich zu vereinnahmen. Als Folge davon gibt es in deutschen und österreichischen Städten unzählige Denkmäler für ihn, und zahllose Straßen, Gassen und Plätze wurden nach ihm benannt: Hermann Ferdinand Freiligrath. Ein typisches Beispiel findet sich in Donaufeld im 21. Wiener Gemeindebezirk. Dort gibt es eine seltsame Parkanlage – eigentlich eine riesige Grube – , die bis zum Ende der Monarchie Kaiser-Josef-Platz hieß und seit 1919 – gewiß nicht zufällig – den Namen Freiligrath-Platz trägt.
Die Genossen aller Schattierungen leiten ihre dreiste Vereinnahmung des westfälischen Dichters u. a. auch davon ab, daß er Karl Marx und Friedrich Engels persönlich kannte, im Oktober 1848 in die Redaktion ihrer Neuen Rheinischen Zeitung eingetreten war und die Auslandsredaktion betreute. In einem Brief schrieb er am 18. November 1848, daß in dieser Zeitung „Außer den Gedichten… auch Prosa-Artikel von mir“ enthalten seien. „Großbritannien, Italien und Amerika, das ganze Ausland (mit Ausnahme Frankreichs) ist fast immer aus meiner Feder.“ Unter den in dieser Zeitung veröffentlichten Gedichten finden sich u. a. „Wien“, „Blum“, „Reveille“, „Ungarn“ und „Abschiedswort der ‚Neuen Rheinischen Zeitung‘“. Er war auch für kurze Zeit Mitglied des Bundes der Kommunisten, wurde deswegen sogar vor Gericht gestellt, bei dem Prozeß aber schließlich freigesprochen.
Freiligrath wurde 1810 in Detmold in eine Lehrerfamilie geboren; sein Werdegang war Zeit seines Lebens auf merkwürdige Weise eng mit dem Schicksal des deutschen Volkes verbunden. Da die Familie nur über geringe finanzielle Mittel verfügte, konnte er nicht studieren, sondern mußte eine kaufmännische Lehre absolvieren. Ab 1832 arbeitete er in Amsterdam für ein großes Bank- und Handelshaus. Während seiner fünfjährigen Lehrzeit lernte er Englisch, Französisch und Italienisch. Seine ausgezeichneten Sprachkenntnisse bildeten später die Grundlage für seine umfangreiche Übersetzungstätigkeit.
Grob können drei Phasen seines Schaffens unterschieden werden: der Exotismus der 1830er-Jahre, (Gedichte 1838); die Revolutionsbegeisterung in den 1840er-Jahren (Ein Glaubensbekenntnis, 1844) und am Ende seines Lebens der patriotischee Abschnitt (Neue Gedichte, 1871), als er begeistert den Sieg der deutschen Waffen bei Sedan begrüßte und hoffte, daß nun ein Zeitalter des Friedens und der Freiheit anbrechen würde.
Man hat ihm mancherlei Beinamen wie z.B. „Trompeter der Revolution“ gegeben. In seiner ersten Phase wurde er oftmals auch als „liberaler Kosmopolit“ charakterisiert, danach wurde er „spätromantischer Nationalliberaler“, in seiner revolutionären Phase schließlich „konstitutioneller Liberaler“ genannt. Seit Mai 1842 war er Mitglied in der „gerechten und vollkommenen“ Loge „Zum wiedererbauten Tempel der brüderlichen Eintracht“ in Worms, der Kontakt dürfte aber nicht allzu eng gewesen sein. Als er sich in den frühen 1840er-Jahren für die Demokratie begeisterte, verzichtete er als Mann von Charakter auf die jährliche königliche Apanage von 300 Talern. Um einer Strafverfolgung wegen seiner republikanischen Ansichten zu entgehen, mußte er mehrmals ins Exil gehen, nach Brüssel, in die Schweiz und nach London. Als er dort seinen Posten verlor und mittellos dastand, wurde in Deutschland eine Sammlung für ihn veranstaltet, die den sensationellen Betrag von 60.000 Gulden einbrachte – ein Vermögen für diese Zeit –, was beweist, wie angesehen Freiligrath war. Er starb 1876 in Cannstatt, heute ein Stadtteil von Stuttgart – sehr beliebt, hoch geehrt und viel gelesen.