von Georg Alexander
„Wohl ist die Welt so groß und weit …“ – so beginnt das Bozner Bergsteigerlied, besser bekannt als Südtiroler Heimatlied, die inoffizielle Hymne Südtirols. In diesem 1926 von Karl Felderer in einem Gasthaus auf dem Ritten gedichteten Lied wird die geographische Ausdehnung des Landes liebevoll beschrieben, ohne das Wort Südtirol überhaupt zu verwenden; ein Kunstgriff, der notwendig war, weil der Name des Landes unter der faschistischen Zensur nicht genannt werden durfte. Vom Eisack-Ursprung in der Nähe des Brenners über das Etschtal und Schloß Sigmundskron bei Bozen bis zur Salurner Klause, Sprachgrenze zwischen Deutschen und Welschen, spannt sich der Bogen. Doch natürlich spielen im Bergsteigerlied die Berge die Hauptrolle. Begeben wir uns also auf eine Reise zu jenen Gipfeln Südtirols, die Felderer in seinem Welthit verewigte – auch wenn die Melodie selbst aus einem älteren Lied entlehnt ist.
Da reckt König Ortler „seine Stirn hoch in die Lüfte“: Mit 3.905 Metern ist er der höchste Berg Südtirols und war einst der höchste der gesamten Monarchie. Er thront über dem Stilfser Joch am westlichsten Zipfel des Landes, jenseits der Paßstraße liegt bereits das lombardische Bormio, bekannt durch die berüchtigte Abfahrt „Pista Stelvio“, die Stilfser Piste. Eine Besteigung des Ortlers ist keine Kleinigkeit, schon für den Normalweg von Sulden aus, dem mythischen Sommerfrischeort von Altkanzlerin Merkel, braucht man zwei Tage, eine komplette Gletscherausrüstung und alpine Erfahrung. Übernachtet wird auf der Julius-Payer-Hütte auf 3.000 Metern Seehöhe. Mit etwas Glück wird man von einem Bergführer namens Ortler begleitet, der den Gipfel seines Namensgebers bereits weit über hundertmal bestiegen hat.
Mit „König Laurins Felsenburg“ ist die Rosengartengruppe gemeint, eine schroff abfallende Bergkette, die in der Abenddämmerung in rötlichem Licht zu glühen scheint. Die Sage geht, daß der Zwergenkönig Laurin hier einen prächtigen Rosengarten besessen habe, den er, als er von Dietrich von Bern gefangen genommen wurde, mit einem Fluch belegt habe: Weder bei Tag noch bei Nacht sollte ihn je ein Mensch mehr sehen. Laurin habe allerdings die Dämmerung vergessen, sodaß man das Alpenglühen beim Übergang von Tag und Nacht auch heute noch in überwältigender Schönheit erblicken kann.
Natürlich dürfen auch der Schlern und die Drei Zinnen im Bergsteigerlied nicht fehlen, wie sie sich ja auch in jedem Fremdenverkehrsprospekt finden. Der Schlern, Hausberg von Bozen, ist vergleichsweise leicht zu besteigen. Anders seine vorgelagerten Türme, Santnerspitze und Euringerspitze: Für deren Besteigung sollte man den vierten Klettergrad sicher beherrschen und die Nerven behalten, wenn der nächste Bohrhaken erst zehn Meter weiter oben sichtbar wird. Besonders Wagemutige wählen die Sonnwendnacht für den Aufstieg zur Santnerspitze und entzünden dort die Herz-Jesu-Feuer, deren Leuchten bis nach Bozen hinab sichtbar ist.
Die Drei Zinnen, heimliches Wahrzeichen Südtirols, liegen in den Sextener Dolomiten, nahe der Grenze zu Österreich. Generationen von Bergsteigern haben sich an ihren fast unbezwingbar scheinenden Nordwänden versucht. Doch auch der vermeintlich leichte Normalweg auf die Große Zinne ist nicht zu unterschätzen. Hier ist nicht so sehr die hohe Kletterkunst gefordert als vielmehr sichere Wegfindung in einem Labyrinth von Spalten, Türmen und Platten, das schon manchen Alpinisten an seine Grenzen geführt hat. Wer nämlich irrtümlich die Route verläßt, steht bald vor glatten Wänden, an denen es weder ein Vor noch ein Zurück gibt.
Zahlreich und wunderschön sind die Berge Südtirols: Rund 350 Gipfel über 3.000 Meter zählt man, und wirklich für jeden ist etwas dabei. Vergletscherte Bergriesen, die nur mit Pickel und Steigeisen bezwungen werden können, herrlicher und fester Fels in den Dolomiten, die weltweit als eines der besten Klettergebiete gelten, oder sanfte Wanderungen über weite Almen – allen voran die Seiser Alm, die größte Hochalm Europas.
Das Bozner Bergsteigerlied endet nicht mit der Beschreibung eines weiteren Gipfels, sondern mit dem Blick zum Himmel, der – so ist der Dichter überzeugt – „schön wie die Heimat ist“. Wir wollen es ihm glauben und fügen hinzu, daß der Abstand zwischen Berg und Himmel zumindest geographisch ohnehin nur ein kleiner ist.