Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

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Das Weindorf Kaltern (Überetscher Stil)

Vom Bauen in Südtirol

von Michael Demanega

Eine Häuserlandschaft in Südtirol ist zumeist schon auf den ersten Blick von einer Häuserlandschaft, die etwa in Niederösterreich liegt, zu unterscheiden. Das betrifft nicht nur die Struktur der Dörfer, sondern mitunter auch die Einzelbauwerke, die Materialien, die Konstruktionsart, die Art und Weise insgesamt, wie Menschen bauen und wohnen.

Martin Heidegger unterstreicht die tiefere Bedeutung, die dem Bauen innewohnt:

Was heißt nun Bauen? Das althochdeutsche Wort für bauen, „buan“, bedeutet wohnen. Dies besagt: bleiben, sich aufhalten. Die eigentliche Bedeutung des Zeitwortes bauen, nämlich wohnen, ist uns verlorengegangen. Die Art, wie du bist und ich bin, die Weise, nach der wir Menschen auf der Erde sind, ist das Buan, das Wohnen. Mensch sein heißt: als Sterblicher auf der Erde sein, heißt: wohnen. Das alte Wort bauen, das sagt, der Mensch sei, insofern er wohne, dieses Wort bauen bedeutet nun aber zugleich: hegen und pflegen, nämlich den Acker bauen, Reben bauen.

Befaßt man sich mit dem bodenständigen Bauen in Südtirol, dann greifen im Rahmen einer Charakterisierung verschiedene Ebenen ineinander. Erstens ethnische oder kulturelle Komponenten. Weiters geographische Komponenten, die mit dem Klima zusammenhängen. Dann Geologie und Geomorphologie mit der Frage, welche Baustoffe der Boden hergebe und wie steil und wie sicher gegen Naturgefahren das Land sei. Wesentlich ist aber auch die Vegetation: Gibt es Wälder und wenn ja, welche? Zuletzt ist das Eigentumsrecht entscheidend: Wie werden die Bauparzellen aufgeteilt, wem gehört das Land, welche Siedlungsformen werden begünstigt, wie wird Eigentum von Generation zu Generation übertragen? Nicht zu vergessen ist die Wirtschaftsform – ob Ackerbau und Getreidebau oder Viehwirtschaft betrieben wird, hat wesentliche Auswirkungen auf die Ausprägung von Haus und Hof.

Deutliche Unterschiede zwischen Welschtirol und Deutschtirol

Geht man von Tirol als einer historisch-politischen Einheit aus, so werden zuallererst einmal die Unterschiede zwischen Welschtirol und Deutschtirol deutlich. Die Baukultur Südtirols unterscheidet sich deutlich von der Baukultur südlich von Südtirol. Während die deutsche Besiedlung Tirols darauf hinaus lief, daß Höfe in kühner Lage errichtet wurden, die unteilbar waren, wurde das bäuerliche Eigentum in den romanischen Tälern durch die praktizierte Realteilung immer weiter zerstückelt. In Deutschtirol prägen stolze Höfe das Landschaftsbild, die augensichtlich aus der Natur gerodet wurden, während sich in Welschtirol vorwiegend romanische Haufensiedlungen vorfinden. Es vollzieht sich, wenn man von Nordtirol nach Südtirol und weiter nach Welschtirol reist, aber auch fortlaufend ein Übergang von einem alpinen zu einem zunehmend mediterranen Territorium.

Der Österreichische Ingenieur- und Architekten-Verein (ÖIAV) gab 1906 eine Übersicht über die Bauernhöfe in Österreich-Ungarn heraus. Die Wohnverhältnisse in Welschtirol wurden darin wie folgt charakterisiert:

„In derselben Wohnung, welche in der Regel nur aus zwei Räumen besteht, müssen alle Familienmitglieder von zwei und drei Geschlechtern wohnen, und die Leute vertragen sich in der Regel recht gut.“ Im deutschen Etschtal wird die Situation hingegen deutlich anders beschrieben: „Im allgemeinen herrscht im Etschtale, den Seitentälern und auf den Höhen die getrennte Hofanlage mit besonderem Wohnhause und Stallscheuer. Die Weinbauern haben kleinere oder gar keine Tennen über dem Stalle. In der reichen Wein- und Obstbaugegend in den niederen Lagen sieht man oft städtisch beeinflußte, südlich von Bozen schloßähnliche Häuser in wechselnder Anlage. Die jetzigen Bewohner entsprechen jedoch nicht der Hofanlage. Viele Höfe besaßen nachweisbar früher besondere Rechte, größeres Einkommen und wahrscheinlich auch größere Bestiftung, wie die Ansitze um Eppan, die Schildhöfe bei Meran u. a., was auch in anderen Gegenden Tirols vorkommt.“

Adobe Stock, S.Feistle
Südtiroler Bergbauernhof

In Südtirol dominiert der Paarhof.

Mit Blick auf Südtirol wird in erster Linie deutlich, daß bezugnehmend auf die landwirtschaftlichen Bauweisen der Paarhof überwiegend dominiert. Wohntrakt und Wirtschaftstrakt sind bei landwirtschaftlichen Höfen getrennt. Das trifft insbesondere auf Vollerwerbsbauern zu, während bei Nebenerwerbsbauern in Südtirol durchaus auch Einhöfe vorkommen. Dort, wo der landwirtschaftliche Betrieb also eine bestimmte Größenordnung erreichte, trennte man das Wohnen im Sinne einer Rationalisierung vom Wirtschaften. Davon ausgenommen sind Weinbauernhöfe, die wirtschaftlich anders organisiert sind. Der Weinbauer ist deutlich weniger autark als der Viehbauer, lebt vom Handel mit dem Wein, sodaß sich unter Rückgriff auf die Geldwirtschaft ein bestimmter Wohlstand ausbilden konnte. Ähnliche stellen die Höfe in Osttirol vielfach Paarhöfe dar, während Nordtirol in Richtung Einhof tendiert, was im übrigen auch auf Bayern oder Salzburg zutrifft, weshalb in der historischen Literatur von Bauernhäusern „bayrischer oder Salzburger Art“ die Rede ist.

Nur 5,5 Prozent der Fläche Südtirols gelten als bebaubar.

Die Tendenz zum Paarhof erklärt sich auch durch die Steilheit des Geländes in Südtirol. Nur 15 Prozent Südtirols liegen unterhalb von 1.000 Höhenmetern. Als bebaubar gelten nur 5,5 Prozent der Fläche Südtirols. Im steilen Gelände ist es nicht ohne weiteres möglich, stolze Einhöfe zu bauen. Der verfügbare Raum und auch die Zufahrt sind durch das Gelände beschränkt. Es ist deutlich einfacher, mehrere kleinere Bauwerke aneinander zu reihen und diese Gebäude gegebenenfalls zu erweitern. Ausgehend vom Wohnhaus und dem Wirtschaftsgebäude sowie der in Tirol obligatorischen Hauskapelle wurden die Bauernhöfe vielfach mit weiteren Gebäuden ausgestattet, je nachdem, wie die konkreten Bedürfnisse gegeben waren.

Neben Baugrund und Gebäudeanordnung entscheidet das Material über Wahrnehmung und Identität.

Neben der Bereitstellung des Baugrundes sowie der Anordnung der Gebäude entscheidet die Materialität wesentlich über die Wahrnehmung und Identität. Die Materialität ist im gesamten Etschtal, also im Süden Südtirols, auf den Mauerwerksbau ausgerichtet. Je weiter man sich in Richtung Norden bewegt, werden im Eisacktal und im Pustertal die Holzkonstruktionen häufiger. Es handelt es sich zwar stets um Mischbauwerke aus Stein und Holz, es wird aber deutlich, daß der Holzeinfluß nordwärts zunimmt und teilweise sogar gegenüber dem Mauerwerksbau überwiegt. Im Raum Innsbruck wird dann der Mauerwerksbau wieder stärker.

Nadelwälder ergeben andere Dächer als Laubwälder.

Charakteristisch ist aber auch das Material, mit dem ein Dach gedeckt wird. Während in Südtirol, insbesondere in der südlichen Landeshälfte, Mönch- und Nonnenziegel häufig vorkommen, sind diese weiter im Norden eher selten anzutreffen und konzentrieren sich mehr auf sakrale Bauwerke. Das Material, mit dem das Dach gedeckt wird, ergibt sich nicht nur aufgrund der lokalen Verfügbarkeit von Dachziegeln, Schindeln oder Steinplatten, sondern hat auch mit der Dachkonstruktion zu tun. Im gesamten Alpenraum ist das Pfettendach dominierend. Durch die Verfügbarkeit von Nadelbäumen, die gerade, lange Stämme haben, ist es naheliegend, Pfetten, also längsgerichtete Dachträger, auf Mauerwerk oder auf Stützen aufliegen zu lassen. Das Pfettendach wird relativ flach ausgeführt. Daraus ergibt sich der Vorteil, daß der Schnee lange am Dach bleibt und das Dach dämmt. Das Pfettendach kann technisch problemlos mit einem Dachüberstand ausgeführt werden. Die Dachdeckung wird aufgrund der geringen Dachneigung im ländlichen Bauen ohne weitere Probleme mit Schindeln aus Lärchenholz oder Stein ausgeführt.

Dort, wo vorwiegend Laubwälder vorherrschen, beispielsweise im österreichischen Flachland, ist das Holz gekrümmter und astreich, sodaß mit kürzeren Bauelementen gearbeitet werden muß. Die Baumstämme sind wenig geeignet, um als lange Dachträger eingesetzt zu werden. Stattdessen werden die kürzeren Holzelemente als Fachwerk eingesetzt und im Bereich der Dachkonstruktion zu dreieckigen Elementen vereint. Das Dach „steht“ also als ein Dreieck. Günstig ist daraus folgend ein steiles, um rund 45 Grad geneigtes Sparrendach, das in der Regel keinen Dachüberstand hat, weil ein solcher aufwändig wäre. Für Legeschindeln ist das Dach zu steil, es kommen stattdessen etwa Biberschwanzziegel zum Einsatz. Insbesondere im südlichen Etschtal, am Ritten, im Raum Bozen und südlich davon ist das Krüppelwalmdach üblich. Ein Walmdach hat vier geneigte Dachseiten. Beim Krüppelwalmdach sind hingegen zwei Seiten nicht vollständig abgeschrägt. Es handelt sich folglich um eine Mischung aus Walmdach und Satteldach. Diese Dachform prägt weite Teile Südtirols, vor allem des südlichen Südtirols.

In Südtirol treffen im Bereich der Bauwerke zwei Welten aufeinander.

Einerseits der nordische Holzbau und andererseits der südliche Steinbau. Man darf annehmen, daß bereits die Räter und Rätoromanen, bevor die Bajuwaren das Land nach der Rodung besiedelten und auf Holz setzten, Meister des Steinbaus und der Gewölbekonstruktionen waren. Mit der bajuwarischen Besiedelung wurden zahlreiche Einzelhofsiedlungen als Neusiedelland angelegt, um Viehwirtschaft zu betreiben. Die bestehenden Dörfer, das Altsiedelland, weichen mit ihren engen und dichten Dorfkernen folglich in Konstruktion und Bauweise von den neuen Besiedelungen ab, die durch Rodungen als stolze Höfe entstanden sind.

Prägende Moden

Neben den materiellen und konstruktiven Voraussetzungen sind es aber die Moden, die das Bauen prägen, also das, was man gemeinhin als Baukunst oder Architektur bezeichnet. Ein Blick auf die architektonischen Epochen liefert weitere Antworten zur Frage nach der Baukultur in Südtirol. Für die romanische Epoche zwischen 11. und 13. Jh. war es in Südtirol charakteristisch, einen steinernen Unterbau zu errichten und die Wohnräume in Holzbauweise darauf zu setzen. In der Gotik setzte in Tirol ein wirtschaftlicher Aufschwung ein, der durch den Handel zwischen Süddeutschland und Venedig sowie durch den Silber- und Kupferbergbau vorangetrieben wurde. Baulich schlägt sich die Epoche in zwei Stoßrichtungen nieder. Einerseits in der Schaffung kubischer, vieleckiger Baukörper, frei in der Landschaft stehend, andererseits in der reichen Innengestaltung der Häuser mit feinen Steinmetzarbeiten und künstlerisch ausgestatteten gotischen Stuben. Der Erker gilt seit der Gotik als beliebter Vorbau der Fassade. Ursprünglich hatte der Erker eine wehrtechnische Bedeutung, wurde jedoch immer öfters als Erweiterung des Wohnraumes verwendet.

Die Renaissance verändert alles: Vom gotischen „Winkelwerk“ zum identitätsstiftenden „Überetscher Stil“.

Ausgehend von Oberitalien sollte die Baukunst im Sinne des Humanismus und des antiken Ideals weitreichend evolutioniert werden. Die Renaissance erfaßte Oberitalien, ging als architektonischer Hochstil auch auf Süddeutschland über, konnte in Tirol jedoch kaum eigenständige Bauwerke ausbilden. Die Nähe Tirols oder Südtirols zu Italien war folglich noch lange kein Grund, die Bautraditionen zu übernehmen, wenngleich oberitalienische Baumeister auch in Südtirol zahlreiche Aufträge annahmen. Die Renaissance setzte auf regelmäßige, geschlossene Fassaden und auf eine symmetrische Grundrißanordnung. Um 1600 wanderten zahlreiche oberitalienische Baumeister nach Tirol. Die unregelmäßigen, aber malerischen Bauformen der Gotik, die sie vorfanden, das sogenannte „Winkelwerk“, wurde weiterentwickelt, „domestiziert“, mit Symmetrie und Regelmäßigkeit ausgestattet. Der Kunsthistoriker Josef Weingartner definiert diesen spezifischen Stil als „Überetscher Stil“, weil er charakteristisch ist für das Gebiet zwischen Trient und Bozen bis Brixen.

Es bleibt „die alte deutsche Freude an malerischer Abwechslung lebendig“.

Verbreitet ist der Überetscher Stil dort, wo der Weinbau jenen Reichtum ermöglichte, der es vornehmen Familien zwischen 1550 und 1650 erlaubte, sich herrschaftliche Ansitze im Stil der Zeit zu errichten. Der Stil wirkte darüber hinaus identitätsstiftend für die Region. Josef Weingartner hebt hervor, daß trotz des Einflusses der Renaissance in Tirol „die alte deutsche Freude an malerischer Abwechslung lebendig“ geblieben sei. Daraus folgend vollzog sich zwar eine zunehmende Regelmäßigkeit in Grundriß und Fassade, es entstanden jedoch auch Erker, Freitreppen, Loggien sowie unregelmäßige Dachvorsprünge, sodaß charakteristische Gestaltungselemente beibehalten wurden. Weingartner urteilt: „So ist also der sogenannte Überetscherstil, dessen Blüte vom Ende des 16. bis zur Mitte des 17. Jh. reicht, nichts anderes als eine lokale Abart der von Süden heraufdringenden Renaissancebauweise, die aber auch den Zusammenhang mit der vorangehenden deutschgotischen Bauart nicht aufgibt.“

Befaßt man sich baukulturell mit dem Überetscher Stil, wird deutlich, daß die Mitte des Hauses ein Flur oder Saal einnimmt, seitlich sind die Seitenräume symmetrisch angeordnet. Ein großes, steingerahmtes Haustor bildet die Mittelachse. Der mittige Flur oder Saal ist mit Doppelbogenfenstern ausgestattet. Die übrigen Fenster sind viereckig in streng regelmäßigen Reihen angeordnet. Während Erker und sonstige unregelmäßige Vorsprünge im Rahmen der Baukunst der Renaissance vermieden werden, erfreuen sich diese in Südtirol im Rahmen des „Überetscher Stils“ großer Beliebtheit.

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