von Hannes Zingerle
Südtirol und der Faschismus
Musikkapellen gehören fest zur Tradition in Österreich und insbesondere in Südtirol, wo sie tief in der Volkskultur, dem Brauchtum und der regionalen Identität verwurzelt sind, bei kirchlichen und weltlichen Festen, Prozessionen und Feiern auftreten und mit ihrer traditionellen Tracht das Dorfbild prägen. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens, pflegen das Erbe und verbinden Generationen, indem sie lokale Bräuche lebendig halten.
Zur umfangreichen Tätigkeit der Musikanten, welche ihren wertvollen Dienst ehrenamtlich ausüben, gehört auch das Marschieren. Auch wenn es für den ein und anderen nicht zu den Lieblingstätigkeiten innerhalb des Vereines gehört, so hinterläßt das Erscheinungsbild während des Marschierens beim Publikum eine prägende Erinnerung. Jene Bewohner des Ortes, welche nicht bei den verschiedenen Konzerten anwesend sind, registrieren die Musikkapelle spätestens dann, wenn bei einem geistlichen Fest aufmarschiert oder eine Prozession durchs Dorf durchgeführt wird. Für die meisten ist es wohl nicht vorstellbar oder gar undenkbar, daß bei der Fronleichnamsprozession keine Musikkapelle mitwirkte.
Ein alter Zeitungsausschnitt, der mir im abgelaufenen Jahr 2025 in die Hände kam, machte mich regelrecht sprachlos. Meist verbindet man die Musik im Zusammenhang mit einem Verein mit positiven Gedanken, doch dieser Artikel zeigte auf, daß es im Laufe der Geschichte auch Schattenseiten gab. Eine sehr dunkle Zeit war dabei jene des Faschismus’, wo Musikkapellen in Südtirol harte Zeiten durchleben mußten. So hielt dieser Artikel eine Episode aus dem Jahre 1925 fest, als die Musikkapelle Vintl – deren Mitglied ich bin – zum Marschieren gezwungen und so politisch mißbraucht wurde. An dieses Ereignis sollte genau 100 Jahre später mit einer kleinen Veranstaltung erinnert werden, um die schwere Zeit des Faschismus’ ins Gedächtnis zu rufen und die Menschen aufzurütteln.
1925 – wir befinden uns in der Zeit des Faschismus’ in Südtirol und blicken auf die Auswirkungen im kulturellen Bereich, speziell in jenem der Blasmusik mit ihren Musikkapellen. Der Verband Südtiroler Musikkapellen (VSM) hat dazu im Jahr 2021, gemeinsam mit dem Südtiroler Landesarchiv, einen Band herausgegeben mit dem Titel In Treue fest durch die Systeme – Geschichte der Südtiroler Blasmusik 1918-1948.
Der Faschismus in Südtirol
Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde Südtirol ein Teil Italiens. Im Vertrag von St. Germain wurden am 10. September 1919 neue politische Grenzen fixiert. Dieser Vertrag trat ein Jahr später am 10. September 1920 inkraft, und somit wurden das ehemalige Welschtirol – das heutige Trentino – und Südtirol durch Italien annektiert. Mit der Machtergreifung Mussolinis Ende Oktober 1922 bestimmten Nationalismus und Zentralismus Südtirol, Faschisten besetzten fortan den Süden Tirols mit dem Ziel, das Land vollständig zu italianisieren. In den Schulen war Italienisch die einzige Unterrichtssprache, und auch die Familien- und Ortsnamen wurden ins Italienische übersetzt – um nur wenige Maßnahmen von vielen aufzuzählen. Die deutsche Sprache und Kultur sollten verbannt werden. Erst 1943 endete der Faschismus in Südtirol.
Italianisiertes Repertoire der Musikkapellen
Mock schreibt im vorhin erwähnten Band: „Eines der ersten Begehren, mit dem sich Blasmusikvereine nun konfrontiert sahen, betraf das Spielen der Marcia Reale und der faschistischen Hymne Giovinezza. […] In aller Regel waren es gewiß wohl lokale Faschisten oder Behördenvertreter, die ihre musikalischen Wünsche mit Nachdruck bei den Vereinen deponierten.“
Außerdem mußten die Konzertprogramme an staatliche Bearbeitungen angepaßt werden sollten. Grundsätzlich sollte das Kulturempfinden durch die Musikkapellen verändert werden, indem Werke aus italienischen Opern ins Programm aufgenommen würden. Im tirolerisch-österreichischen Repertoire mußten die Titel geändert und italianisiert werden. Beispielsweise wurde aus dem Marsch „Alte Kameraden“ die „Marcia Vecchi Compagni“ und aus dem Marsch „Hoch Heidecksburg“ die „Viva Castel Aidecchio“.
Ein 100 Jahre alter Zeitungsartikel schockiert.
Wie in vielen Gemeinden existiert auch in meiner Gemeinde Vintl ein Blatt, welches die Gemeindeverwaltung in unregelmäßigen Abständen herausgibt. Inhalt sind Berichte aus der Gemeinde, Artikel der verschiedenen Vereine und Nachrichten aus dem Bezirk sowie vom Land Südtirol. Im Vintila Boten vom August 2024 (Nr. 106) ist ein sehr interessanter Artikel veröffentlicht worden. Der Titel lautet „Beitrag zur Geschichte der Musikkapelle Vintl (1884-1947)“. Es wurden besondere Ereignisse zusammengefaßt, welche damals in den lokalen Zeitungen ihren Niederschlag gefunden haben. Ein Ereignis ist mir dabei besonders aufgefallen, nämlich ein Umzug am 4. Dezember im Jahre 1925, bei welchem die Musikkapelle Vintl gezwungen wurde mitzumarschieren.
Mit Knüppeln auf die Straße getrieben
Nachfolgend der vollständige Wortlaut in der Zeitung Südtiroler Heimat vom 1. Jänner 1926:
Umzug in Vintl.
Vintl, eine Ortschaft im Pustertal mit zirka 600-700 Seelen, dessen Häuser links und rechts der Reichsstraße liegen, hatte folgendes Erlebnis. Die wenigen Bahnfaschisten, Karabinieri und Finanzer von Vintl veranstalteten am 4. Dezember abends einen Umzug, zu welchem die Vintler Musikkapelle spielen mußte. Das Dorf, das nur eine Straße (Hauptstraße) hat, war mit Triumphbögen geziert usw. Als sich der Zug in Bewegung setzte, waren als Durchläufer nur obgenannte Herren zu verzeichnen. Da sich nun von der Bevölkerung, die dem Geschreie ruhig zusah, niemand anschloß, warfen sich die Faschisten mit Knüppeln bewaffnet auf die vor den Häusern stehenden Leute (Männer, Frauen und Kinder) und zwangen sie, am Umzug teilzunehmen. Sie drangen sogar in die Privathäuser bzw. Wohnungen und holten die Leute heraus. So stürzten sie sich zum Beispiel ins Gasthof „Stampfl“, 1. Stock, wo im Gastzimmer zwei Bauernknechte und ein Holzhändler aus Meran saßen, die sie zwangen mitzugehen. Als sie sich weigerten, wurden die zwei Knechte mit Gewalt von mehreren Faschisten hinter dem Tisch hervorgeholt, wobei einem das Hemd vom Leibe gerissen wurde. Die beiden Knechte entkamen ihnen aber. Wutentbrannt stürzten sie sich nun auf den Holzhändler, der sich ebenfalls weigerte mitzugehen, umsomehr er nicht von Vintl war, sondern nur als Gast dort weilte. Nun wurde er von den Faschisten bei den Ohren gepackt und so bis zur Haustür gezogen. Dorten protestierte der Holzhändler nochmals energisch gegen dieses Vorgehen, sodaß sie ihn schließlich freiließen. – Um 10 Uhr nach dem Umzug veranstalteten die „Herren“ im Gasthof „Rieper“ ein Mahl, zu welchem auch die Gemeindevorstehung eingeladen wurde, um so eine Rückendeckung zu haben. Das ganze Essen kostete 960 Lire, welcher Betrag von der Bevölkerung von Vintl, Pfunders, Terenten usw. gesammelt bzw. herausgepreßt wurde. Alle straßenseitigen Fenster mußten Lampions tragen, und hernach fand eine grandiose Illumination statt.

Dieses besondere Ereignis ließ mich nicht mehr los. Im Gedanken bei den damaligen Musikanten der Musikkapelle Vintl, war mir schwer vorstellbar, wie ihnen dieser damalige Umzug wohl zugesetzt haben mochte. Aus Freude zur Musik Mitglied in einem Verein und dann für politische Zwecke mißbraucht zu werden – und diese Episode ist gerade einmal erst hundert Jahre her. Meist sind es erfreuliche Ereignisse, welche mit Jubiläumsveranstaltungen gefeiert werden, doch mir wurde bald klar, daß nach 100 Jahren an dieses dunkle Kapitel der Musikkapelle Vintl auch mit einer Veranstaltung erinnert werden müsse.
Erinnerungsveranstaltung 100 Jahre danach
Am 4. Dezember 2025 – an jenem Tag jährte sich der Umzug der Faschisten in Vintl zum hundertsten Mal – lud die Musikkapelle Vintl zu einem besonderen Abend ein. Die Musikanten zogen zunächst mit einer „stillen Prozession“ durch das Dorf. Sie führten ihre Instrumente zwar mit, doch sie ließen sie nicht erklingen. Dabei wurde die Musikkapelle von Mitgliedern der örtlichen Schützenkompanie begleitet, welche mit brennenden Fackeln den Marschblock flankierten. Das Marschieren ohne Musik sollte als Zeichen des Gedenkens an das Ereignis von 1925 verstanden werden; ein Gedenkmarsch, bei dem die Stille die Ernsthaftigkeit des Anlasses unterstrich.
Im Anschluß daran gab es einen Informationsabend im Gemeindesaal. Dabei blickte die Historikerin Frau Dr. Margareth Lun in die Zeit des Faschismus’ zurück und erzählte von vielen bitteren Ereignissen, welche speziell die kulturellen Vereine Südtirols in dieser Zeit durchleben mußten. Dieser Informationsabend sollte die Geschichte kritisch reflektieren und die Bewahrung der kulturellen Identität festigen, ohne die dunklen Kapitel der Vergangenheit zu ignorieren.