Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Foto: meisterdrucke.at
Carl Röchling, Auf dem Eilmarsch von Küstrin

Vom Marschieren im Krieg

von Alain Felkel

Bittere „Königsdisziplin“

Der Sieg einer Armee liegt in ihren Beinen“, das war die feste Überzeugung Napoleon Bonapartes. Nur wenige Feldherren verlangten ihren Truppen derartige Marschleistungen ab wie der große Korse. Tagesstrecken von 40 bis 50 Kilometern Entfernung waren für die französische Infanterie unter ihrem Kaiser die Regel, nicht die Ausnahme. Einzigartig ist selbst für napoleonische Verhältnisse der Marschrekord der Division Friant des III. Korps von Marschall Davout. Diese bewältigte im tiefstem Winter 1805 die etwa 115 Kilometer lange Strecke von ihrem Standort bei Wien nach Austerlitz in nur zwei Tagen und rettete so dem französischen Kaiser den Sieg in der gleichnamigen Schlacht. Hervorragende Marschleistungen wie diese waren Garanten für die größten Triumphe Napoleons, doch mit der Zeit lernten die einst bezwungenen Feinde Frankreichs dazu.

Als Bonaparte am Abend seines Sieges bei Ligny am 16. Juni 1815 die Preußen des alten Feldherrn Blücher bereits vollends geschlagen wähnte, scharte dieser am nächsten Tag die geschlagenen Reste seiner Armee noch einmal um sich. In Eilmärschen zogen die Preußen dann am 18. Juni trotz widrigster Wetter- und Bodenverhältnisse nach Waterloo, wo sie im alles entscheidenden Augenblick die Franzosen in die Flanke faßten und sie zusammen mit Wellingtons Heerscharen in die Flucht schlugen. Wie so oft in der Kriegsgeschichte hatte ein klassischer Eilmarsch zur Entscheidung nicht nur einer Schlacht, sondern eines Krieges beigetragen.

Gewaltmärsche gehörten seit jeher zum Repertoire großer Feldherren und waren Ausdruck der Qualität und Disziplin eines Heeres. Den grandiosen Sieg des Prinzen Eugen über die Türken 1697 bei Zenta hatte ein kühner Flankenmarsch eingeleitet. Ebenso war dem Abwehrsieg, den Friedrich der Große bei Zorndorf 1758 über die russischen Truppen erstritt, ein zehntägiger Eilmarsch von der schlesischen Stadt Landeshut nach Küstrin an die Oder vorausgegangen.

Vom Schnallenschuh zum Knobelbecher mit Fußlappen

Märsche wie diese setzten gutes Schuhwerk voraus, das damals nur bedingt in der preußischen Armee vorhanden war. Der preußische Infanterist trug in der friderizianischen Epoche lederne Schnallenschuhe mit Absatz und stumpfer Spitze, dazu an den Waden Ledergamaschen. Erst 1866 wurden in der preußischen Armee erstmals 31 Zentimeter hohe und genagelte Schaftstiefel eingeführt, welche sich in der Folgezeit robuster als die von den Österreichern genutzten Schnürschuhe erwiesen. Erstere hatten den Vorteil, daß sie fast gänzlich vor Nässe schützten und haltbarer waren. Letztere erwiesen sich im Gegensatz zu den klobigen preußischen Armeestiefeln als leichter und dadurch angenehmer zu tragen, jedoch auch feuchtigkeitsdurchlässiger. Zudem rissen die Schnürsenkel oft und gerieten beim Marsch Insekten oder Steinchen ins Schuhinnere. Scheinbare Lappalien wie diese konnten erheblichen Einfluß auf die Marschleistungen einer Armee haben. Beiden Schuharten gemein war, daß sie lange Zeit nur mit Fußlappen getragen wurden. Diese waren etwa 70 cm große, quadratische Lappen, die in einem bestimmten Verfahren um die Füße gewickelt wurden. Fußlappen waren billiger als Strümpfe und robuster. Sie scheuerten weniger durch und trockneten schneller. Außerdem konnten sie im Falle von Schadhaftigkeit leichter ersetzt werden und Paßungenauigkeiten der Stiefel besser ausgleichen.

Die Bewährungsprobe der Schaftstiefel oder „Knobelbecher“ ließ nicht lange auf sich warten. Als 1866 der Deutsche Krieg ausbrach, marschierte die Preußische Hauptarmee nach den präzisen Plänen ihres Generalstabschefs Helmuth von Moltke in Nordböhmen und Mähren ein, wo sie dank besserer Gefechtsführung und des neuen Zündnadelgewehrs fast jedes Gefecht gewann. Doch trotz ihrer gefechtstaktischen Überlegenheit war es vor allem eine bedeutende Marschleistung, die am 3. Juli 1866 die Schlacht von Königgrätz – und damit den Krieg – für Preußen entschied. Gemäß Moltkes Devise „Getrennt marschieren, vereint schlagen“ hatte die 1. Preußische Armee die Österreichische Nordarmee unter Feldzeugmeister Ludwig von Benedek bei Sadowa so lange gefesselt, bis die 2. Preußische Armee nach einem kräftezehrenden Eilmarsch im Norden auftauchte und das österreichische Zentrum bei Chlum warf, was die Schlacht entschied.

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, setzte die Oberste Heeresleitung des Deutschen Heeres alles auf Geschwindigkeit. In atemberaubendem Tempo durchbrachen die deutschen Heeressäulen zwecks Erfüllung des Schlieffen-Plans in blutigen, aber siegreichen Grenzschlachten erst den belgischen, dann den nordfranzösischen Festungsgürtel. Scheinbar unaufhaltsam wälzten sie sich auf Paris zu, was auch an der Zuverlässigkeit des deutschen Schuhwerkes lag. Doch dieses hatte auch eine Achillesferse. Die genagelten Sohlen machten die Fußbekleidung zwar robust, aber auch schwer. Je länger der Marsch auf Paris dauerte, desto erschöpfter war die Truppe, zumal sie bis dato keine Marschpausen gemacht hatte. Der Sommer 1914 war heiß und trocken. Die deutschen Marschsäulen erstickten in Staub, die Verpflegungskolonnen konnten mit der vorstürmenden Truppe kaum Schritt halten. Als die Franzosen an der Marne endlich mit frischen Kräften zum Gegenangriff schritten und den deutschen Angriffsschwung brachen, waren viele Landser bereits entkräftet von den Strapazen des Anmarsches und nur noch bedingt kampfbereit.

Rußland, 17.11.1941
Mit Schneehemden getarnte Infanteristen im Anmarsch auf die befohlene Ausgangsstellung.
Heeresfilmstelle-Bildarchiv/Neg.-Nr.: P.K.167/32
Bildberichter Vorphal. P.B.Z.

Die unendlichen Mühen der unendlichen russischen Ebene

Daß schnelle Vormärsche tatsächlich nicht immer den Sieg bringen, mußte die Deutsche Wehrmacht auch 1941 beim Angriff auf die Sowjetunion erfahren. Noch heute hält sich in vielen Köpfen die irrige Vorstellung, daß die Streitmacht Hitlers eine hochmoderne, mobile Armee gewesen sei, was an der geschickten Inszenierung der deutschen Panzerwaffe durch die NS-Propaganda liegt. Das Gegenteil war der Fall. Von den 1941 für den Angriff bereitgestellten 120 Heeresdivisionen waren nur etwa 30 bis 35 Divisionen Panzer- oder motorisierte Infanteriedivisionen – der Rest bestand aus klassischen Infanteriedivisionen. Das verhieß der deutschen Infanterie nichts Gutes. Während Hitlers Panzerdivisionen und die motorisierte Infanterie im Rekordtempo eine Sowjetfront nach der anderen durchbrachen, „hinkte“ ihnen bereits ab dem ersten Angriffstag der Großteil der deutschen Infanteriedivisionen hinterher. Dabei war ihr Marschtempo beachtlich. Sofern es die Kämpfe mit den Sowjets zuließen, legten die meisten Divisionen tagtäglich im Minimum vierzig bis fünfzig Kilometer unter größten Entbehrungen zurück, wie sich der Landser Wilhelm Lübbecke erinnert: „Bei brütender Hitze und dichten Staubwolken schufteten wir unzählige Kilometer. Es gab nur wenige Marschpausen (…). Nach einiger Zeit stellte sich eine Art Hypnose ein, wenn man den gleichmäßigen Rhythmus der Stiefel des Mannes vor einem beobachtete. Völlig erschöpft fiel ich manchmal in einen Quasi-Schlafwandel. Ich setzte einen Fuß vor den anderen. Irgendwie schaffte ich es, Schritt zu halten und wachte nur kurz auf, wenn ich in den Körper vor mir stolperte.“

Es war ein Tempo, daß selbst hervorragend ausgebildete Truppen nur begrenzte Zeit aushielten. Die Landser litten unter Durst und den schlechten Anmarschwegen, die keine Straßen, sondern bestenfalls staubige Sandpisten waren. Außerdem zermürbten sie die unerträgliche Sommerhitze, Mücken- und Stechfliegenschwärme, die schlechten hygienischen Verhältnisse in den weißrussischen und ukrainischen Dörfern sowie der Mangel an genießbarem Trinkwasser. Die unerträgliche Weite der eintönigen Landschaft, die scheinbare Ziellosigkeit der Vorstöße sowie der zähe Widerstand der Sowjets, die sich trotz schwerster Niederlagen und Verluste immer wieder zum Kampf stellten, demoralisierten die deutsche Infanterie. Schweigend und schicksalsergeben stapfte sie dessen ungeachtet einem vermeintlichen Endsieg irgendwo hinter dem Horizont entgegen.

Aus dem Brief eines Zugführers der 7. Infanteriedivision geht bereits im Juli 1941 hervor, daß der Kampfgeist der Truppe in Relation zu den abgeleisteten Kilometern Meter für Meter abgenommen habe: „Marschieren, marschieren, 14 Tage lang (…) das gibt mir den Rest“. Die kräftezehrenden Märsche verschlissen auch das Schuhwerk. Im August wurden in Ermangelung von Socken 10.000 Beutefußlappen an die Division verteilt. Nahrung und Munition erreichten die Division nur in unzureichender Menge, die Pferde von Troß und Artillerie krepierten zu Hunderten. Immer öfter stockte der Nachschub. Es kam gegen den ausdrücklichen Befehl von Divisionskommandeur Gablenz zu ersten „wilden Beschaffungen“ und illegalen Viehschlachtungen durch die Truppe. Die Disziplin begann zu bröckeln. Die Division benötigte dringend eine Rast und bekam sie auch, allerdings nur, um wenige Wochen später in die Schlacht um Moskau getrieben zu werden.

Zu diesem Zeitpunkt war der innere Zusammenhalt der 7. Infanteriedivision fast verlorengegangen. Hunderte von Nachzüglern irrten ziellos hinter den Marschkolonnen umher und schlugen sich blindlings zu ihren Einheiten durch, die bereits Richtung Moskau weitermarschiert waren. Der folgende Zeitzeugenbericht eines Angehörigen der 7. Infanteriedivision verdeutlicht das Dilemma: „Niemand wußte, wo die Front sich befand. Wir marschierten ins Ungewisse hinein (…)“. Die Kraftanstrengung war vergebens. Die Wehrmacht wurde vor Moskau geschlagen, die 7. Infanteriedivision beinahe aufgerieben. Ihr desaströses Abschneiden in der Schlacht von Moskau erwies sich als pars pro toto jenes der Infanteriedivisionen des Ostheeres. Nichts offenbarte deutlicher, daß das „Unternehmen Barbarossa“ trotz anfänglich hervorragender Marschleistungen der deutschen Infanterie katastrophal gescheitert war.

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