Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Oststolz – jetzt auch von links?

von Benedikt Kaiser

Alexander Prinz ist ein Nachwendekind. 1994 in Sachsen-Anhalt geboren wurde er über die Jahre hinweg zum erfolgreichsten „Content Creator“ der Metal-Szene und gefragten Experten. Als Buchautor hat er vor wenigen Wochen mit Oststolz (München 2025) einen Bestseller in einem Westverlag vorgelegt. Es geht ihm dabei nicht um die DDR, der er nicht hinterhertrauert. Als „Oststolz“ definiert er vielmehr das „Gefühl, das uns erfüllen sollte, wenn wir erkennen, was wir hier seit der Wende geschaffen haben, trotz widrigster Bedingungen und schlechter Startchancen“. Dieser Oststolz erfülle ihn und die Jugend des Ostens (der BRD) – und dieser Oststolz solle überhaupt erst zukunftsfähig machen, weil aus einem erneuerten Selbstvertrauen heraus das Bild des „Jammer-Ossis“ überwunden werden könne.

Das trotzig-selbstbewußte Credo „Ostdeutschland!“ hat längst eine relative Mehrheit der Nachwendegenerationen erreicht.

Soweit die Theorie. In der Praxis ist der Stolz auf das heutige Ostdeutschland insbesondere unter jungen Menschen, die die DDR nie erlebten, längst massenkompatibel und muß nicht erst gestiftet werden. Ob in den Fußballstadien zwischen Dresden und Rostock oder bei Konzerten unterschiedlicher Interpreten: Leser dieser Kolumne wissen, daß das trotzig-selbstbewußte Credo „Ostdeutschland!“ längst eine relative Mehrheit der Nachwendegenerationen erreicht hat. Aber ist diese identitäre Standortbestimmung, wie Journalisten der Mainstreampresse nicht müde werden zu betonen, ausschließend, d.h. „exkludierend“, geradezu „rechts“? Oder ist es nicht vielmehr so, daß der Oststolz in den Kurven der Stadien und auf den Musikbühnen als metapolitisches Gefühl, das im Vogtland wie an der Ostseeküste vernehmbar ist, anschlußfähig in unterschiedliche Richtungen bleibt?

Gewiß: Politisch zahlt dieses Gefühl – derzeit – stark in Richtung volksverbundener Kräfte rechts der „Mitte“ ein. Die Generationenforscher Rüdiger Maas und Hartwin Maas behandeln das Thema in ihrer Jugendwahlstudie Ostdeutschland (Wiesbaden 2025). Dort ist zu lesen, daß der „sogenannte ‚Oststolz‘ und die Identifikation mit einer spezifischen ostdeutschen Kultur“, die als „ursprünglich“ und „authentisch“ dargestellt werde, die „politische Sozialisation“ nach rechts begünstige: „Dieser Stolz auf die ostdeutsche Herkunft wird von rechtspopulistischen Parteien wie der AfD bewußt verstärkt, indem sie sich als Vertreter der ‚echten Ostdeutschen‘ positionieren und gegen den (aus dem Westen kommenden) ‚Mainstream‘ auftreten.“ Diese Erklärung ist stichhaltig – aber sie verkennt in ihrer Pauschalität, daß sowohl realpolitisch (Linkspartei-Zuwächse) als auch metapolitisch viele Ostjugendliche eine andere Richtung einschlagen.

Das hat, wie bei kulturellen Identitätsbildungsprozessen obligatorisch, neben nicht zu unterschätzenden Trotzreaktionen (vereinfacht dargestelltes Motiv: Wenn „die“ Ostjugend „rechts“ erscheint, werde ich „links“) auch mit musikalischen Polarisierungsträgern zu tun. Konkret: Immer mehr erfolgreiche Ostbands zwischen Rockmusik, Rap und Elektro schlagen einen linken Kurs ein, ohne dabei den Oststolz zu untergraben. Im Gegenteil: Erfolgsbands wie Kraftklub, die Hinterlandgang oder Feine Sahne Fischfilet (FSF) kokettieren mehr als nur ein bißchen mit ihrer Ostidentität, aber laden diese antifaschistisch auf und inszenieren sich als linke Inseln in einem rechten Meer. Daraus leiten sie dann ihre Rolle als Vertreter eines widerständigen und selbstbewußten Ostens ab.

Wer in die ostdeutsche Breite wirken möchte, muß über seinen Antifa-Stamm hinaus anschlußfähig bleiben.

„Provinz“ und ostdeutsche Peripherie werden nicht – wie von westdeutschen Platzhirschen – abschätzig begutachtet, sondern durchaus offen als „Heimat“ begriffen, womit sie in ein schwieriges Terrain geraten. Denn Akteure wie Feine Sahne Fischfilet, die seit 2004 hunderttausende Platten verkauften, bewegen sich einerseits im Antifa-Milieu, aber wissen andererseits realistisch, daß „die“ Jugend des Ostens auf ideologielastige „antideutsche“ Agitation abseits radikaler Blasen wie in den Universitätsstädten Jena und Leipzig wenig Wert zu legen scheint. Wer in die ostdeutsche Breite wirken möchte, muß über seinen Antifa-Stamm hinaus anschlußfähig bleiben. So versuchen FSF wie andere Bands auch den Ritt auf der Rasierklinge: einerseits antifaschistischer Ideologietransfer in den Liedtexten, andererseits die Selbstverortung als oststolze Widerständler, die „ihre Provinz“ lieben – wodurch man in anderen linken Kreisen schon der „Heimattümelei“ geziehen wird).

Feine Sahne Fischfilet, um beim erfolgreichsten Beispiel einer linken Ostband im Jugendsegment zu bleiben, verbreitet tatsächlich ein positives Heimatgefühl. Den linken „Spin“ bekommen sie dadurch hin, daß sie – etwa im Lied „Zuhause“ – die ostdeutsche Heimat für alle zu öffnen bereit sind. Zwar werden die Vorzüge einer gesunden Heimatumgebung affirmiert (Vertrautheit, Gemeinschaft), sich inständig versichert wird aber: „Doch ich bleib dabei, für eine grenzenlose Welt“. Das geht über die obligatorische Ambivalenz, die das Leben für jeden einzelnen bereithält, weit hinaus. Wer einerseits Vertrauensräume und Gemeinschaftsbildung im ostdeutschen Raum als positiv empfindet und andererseits dieses tendenziell „exklusive“ Gefühl für alle (!) öffnet, wird in der Realität feststellen, daß dies bereits jetzt in der Praxis nicht funktioniert. Auch die ostdeutsche Provinz – von Feine Sahne Fischfilet, Kraftklub, der Hinterlandgang und vielen anderen linken Bands unter Beifall der Presse und maximaler Reichweite durch entsprechend inszenierte Bühnenbereitung bespielt –, wird derzeit multikulturell umgepflügt. Erste Kleinstädte der ostdeutschen Provinz haben bereits über Parteigrenzen hinweg den „Asylnotstand“ ausgerufen. Diesen erleben Ostjugendliche im Alltag am Bahnhof, am Marktplatz oder im Supermarkt live – gefällige Musikempfindungen hin oder her.

Wer Heimat verallgemeinert, hebt sie auf.

Das inhaltliche Problem für die klügeren unter den entwicklungsfähigen linken Bands wie Feine Sahne Fischfilet wird dementsprechend mittel- und langfristig darin liegen, daß ihre Form des heimatverbundenen Oststolzes durch ihre Refugees-Welcome- und Offene-Grenzen-Agenda (in einem Lied heißt es: „Reiß ihre Zäune ein, reiß alle Zäune ein“) unterlaufen wird. Heimat ist kein abstrakter Raum, sondern ein dichtes Geflecht aus gemeinsamen Erfahrungen, gemeinsamer Sprache und gemeinsamen Vertrauensverhältnissen. Intuitiv, nicht reflexiv-rational, folgt daraus eine „landsmännische Parteilichkeit“ (David Miller). Zugehörigkeit und Verwurzelung bestehen nun mal insbesondere im Organisch-Konkreten, nicht im Universellen. Heimat lebt von Vertrautheit und Vertrautheit setzt die Fähigkeit zur Unterscheidung, zum Prinzip der Differenz, voraus: Ohne das Fremde gibt es auch kein Eigenes, Identität ist immer „dialogisch“ (Henning Eichberg).

Würde man also, wie es die erfolgreichen linken Musikgruppen derzeit versuchen, die ostdeutsche Heimat universalisieren, verlöre sie ihre Spezifika und würde zur austauschbaren Kulisse. Anders gesagt: Wer Heimat verallgemeinert, hebt sie auf. Und wer ausgerechnet aus dem derzeit höchst virulenten Oststolz ein linkes Weltbürgertum ableiten möchte, wird wohl früher oder später beim Versuch scheitern. „Oststolz von links“ bleibt ein Widerspruch in sich – wenngleich ein solcher, der sich einstweilen komfortabel vermarkten und monetarisieren läßt.

Benedikt Kaiser

Über den Autor:
Benedikt Kaiser, Jg. 1987, studierte an der Technischen Universität Chemnitz im Hauptfach Politikwissenschaft. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Lektor und Publizist. Kaiser schreibt u.a. für Sezession (BRD), Kommentár (Ungarn) und Tekos (Belgien); für éléments und Nouvelle École (Frankreich) ist er deutscher Korrespondent.

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