Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

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Vom Gehen bei Thomas Bernhard

von Fritz Simhandl

Flanieren, marschieren. Oder noch klarer: „Wozu ist die Straße da, zum Marschieren, zum Marschieren in die weite Welt“. Die fußläufige Fortbewegung des Individuums, ob als Einzelgänger oder im Kollektiv der Kolonne, ist gerade dem deutschen Menschen in die Wiege gelegt und begleitet diesen sprichwörtlich bis an „die Bahre“. Und am Marschieren und Flanieren ist auch die deutsche Dichtkunst seit jeher nicht vorbeigekommen. Ein ausgewiesener Protagonist des Dichtens und des Gehens aus den deutsch-österreichischen Alpengauen ist der berühmte Schriftsteller Thomas Bernhard (1931-1989). Die Weg-Zeit-Strecke wurde für Bernhard der Nullmeridian, um den sich seine Erzählungen entfalten konnten. Mit Verstörung (1967), Das Kalkwerk (1970), Die Macht der Gewohnheit, Die Jagdgesellschaft (1974), Holzfällen (1984), Alte Meister (1985),  Auslöschung (1985), Der deutsche Mittagstisch (1988) und Heldenplatz (1988) hat Bernhard polarisiert und gleichzeitig deutsche Literatur- und Theatergeschichte geschrieben. Von der linken Kunst- und Kulturpublizistik und den ideologisch überinstrumentalisierten Staatsrundfunkanstalten ARD, ZDF und ORF in den 70er- und 80er-Jahren in Fälschermanier als einer der ihren dargestellt war Thomas Bernhard in Wahrheit ein konservativer Geistes- und Verstandesmensch, dem alles Kollektivistische zuwider war. Und das ein Leben lang.

Aus dem fußläufigen Durchstreifen der Natur schöpfte Bernhard seine Figuren und Geschichten.

Daraus nährte er seinen produktiven Widerstandsgeist. Aus dem fußläufigen Durchstreifen der Natur, bevorzugt im oberösterreichischen Alpenvorland, seiner Wahlheimat rund um Gmunden und Attnang-Puchheim, und der Begegnung mit den dortigen Bewohnern schöpfte Bernhard seine Figuren und Geschichten. Die Fortbewegung mit dem Automobil und der Eisenbahn waren für Bernhard als international nachgefragtem und viel begehrtem Schriftsteller zwar praktische Notwendigkeit, in seinen zahlreichen literarischen Werken aber eine tatsächlich dramaturgische Ausnahme, eine Seltenheit. Bei Thomas Bernhard als Schriftsteller wurde bevorzugt flaniert und marschiert. Dieses Flanieren und Marschieren war allein schon dem dramaturgischen Aufbau seiner Erzählungen und Theaterstücke geschuldet. Ohne die Fortbewegung von A nach B konnten sich der innere Kampf und die höchstpersönliche Entwicklung seiner Protagonisten gar nicht entfalten und wären in letzter Konsequenz unmöglich gewesen.

Als herausragendes Werk sei hier das von Bernhard 1971 veröffentlichte Gehen genannt. Die wöchentlichen Spaziergänge der Protagonisten Karrer und Oehler enden schlußendlich im Erschöpfungszustand und im Selbstmord des einen. Bernhard löst dieses Finale folgendermaßen auf: „Daß diese Praxis, Gehen und Denken zu der ungeheuersten Nervenanspannung zu machen, nicht längere Zeit ohne Schädigung fortzusetzen ist, hatten wir gedacht und tatsächlich haben wir ja auch die Praxis nicht fortsetzen können, sagt Oehler, Karrer hat daraus die Konsequenzen ziehen müssen.“ Aber bereits im Jahre 1964 rückt der Schriftsteller Bernhard mit dem Werk Amras die fußläufige Fortbewegung zweier Protagonisten ins Zentrum seines literarischen Schaffens. In Amras erzählt Bernhard die Verzweiflung und das finale Scheitern zweier Brüder am Schicksal der eigenen Familie und der persönlichen Existenz. Nicht zufällig sind die Innsbrucker Stadtteile Amras, Aldrans und Innere Stadt die geographischen Orte des Geschehens. Die Flucht aus der Inneren Stadt nach Amras und das geheime Zurückkommen aus Amras zurück in die Innere Stadt durch die beiden Protagonisten bilden die Basis der inneren Erlebnisse und weiteren schicksalshaften Entwicklungen. Auch hier sind gesellschaftlich-ökonomischer Verfall und die Reflexion in der fußläufigen Fortbewegung ein fortgesetztes dramaturgisches Element. Bernhard formuliert in seinem Amras den gesamten Existenzialismus, den man aus den notierten Zeilen geradezu physisch spüren kann. Das Gehen in Amras wird zur finalen Expedition zweier geplagter Kreaturen:

(…) An Hollhof Geehrter Herr, drei Tage vor Walters Tod, der mir alles verfinstert hat, alles zerstört hat, machten wir unseren letzten Internistenbesuch (…) schon früh mit dem Anziehen fertig, waren wir, weil es vorher vier Tage ununterbrochen geregnet hatte, in unseren Stiefeln, kurz nach drei Uhr aus dem Haus gegangen, und weil wir fürchteten, an dem überhitzten, weil Markt gewesen war, übervölkerten Nachmittag von allen angestarrt zu werden, nicht sofort am Ufer der Sill auf die Straße (…) wir waren aus unserem Garten in den an ihn angrenzenden Garten gegangen und so, qualvoll von einem Garten zum andern, wieder und wieder durch Gärten, durch alle die uns in Wahrheit verbotenen Apfelgärten, durch die endlosen Apfelgärten Wildfremder, nicht ohne Gewaltanwendung, unter Püffen und Flüchen (…) direkt, ohne Umschweife dann in die Innenstadt.

Das Durchstreifen der geradezu zwanghaft aufgesuchten und doch so menschenfeindlichen Natur und Gesellschaft durchzieht das gesamte Werk.

Aber auch in den Kurzgeschichten „Wetterfleck“, „Midland in Stilfs“ und „Am Ortler. Nachricht aus Gomagoi“ ist das Gehen und damit die fußläufige Fortbewegung als zentrale dramaturgische Ausdrucksform für den Inhalt dieser Erzählungen die Basis. Das fußläufige Flüchten vor den Mitmenschen, das Fortgehen und das Heimgehen, die Nähe und Distanz und immer wieder das Durchstreifen der geradezu zwanghaft aufgesuchten und doch so menschenfeindlichen Natur und Gesellschaft durchziehen das gesamte Werk von Thomas Bernhard. Und selbst im versiegelten Tagebuch von Karl Ignaz Hennetmair Ein Jahr mit Thomas Bernhard aus dem Jahr 1972 finden sich die tiefen Spuren des Wald- und Feldganges von Bernhard in Ohlsdorf bei Gmunden und Umgebung. Bei den Hennetmairs hatte der menschenscheue Schriftsteller Bernhard eine Ersatzfamilie gefunden, erlebte dort den Jahreskreis und schöpfte neuen Stoff für seine Romane und Theaterstücke. Dort hatte er sich ab 1965 für viele Jahre abwechselnd in seinem Vierkanthof, Adresse Obernathal 2, der „Krucka“, einer Alm am Grasberg bei Gmunden und „Haunspän“ bei Attnang-Puchheim niedergelassen und seine literarischen Werke verfaßt. Alle diese Heimstätten wurden Bernhard von Hennetmair, dem Schweinehirten und Immobilienmakler, vermittelt, mit diesem „Scheusal“, wie er ihn freundschaftlich titulierte, durchstreifte er die Äcker, Wiesen und Wälder rund um den Traunsee. Nicht zufällig trägt eines seiner Werke den vielsagenden Titel Der Untergeher (1983). Hier arbeitet Bernhard das Gehen im Sinne eines Fortgehens und Wiederkehrens in die Musik- und Kulturstadt Salzburg und in letzter Konsequenz ein damit verbundenes Scheitern auf faszinierende und tiefgründige Art und Weise zusammen. Ein Hoch auf den literarischen „Widergänger“ Thomas Bernhard, der bis heute in der deutschen Dichtkunst keinen entsprechenden Nachfolger gefunden hat!

Thomas Bernhard, Leben und Gesamtwerk:

https://thomasbernhard.at/das-werk/die-gesamtausgabe/

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