Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Aus dem Archiv des Deutschen Schulvereines

Anmerkungen zum Prager Deutsch

von Juliana Weitlaner

Das Prager Deutsch als tausend Jahre währendes, um die Mitte des 20. Jh. freilich erloschenes Kulturphänomen, hat das Auf und Ab der Prager deutschen Geschichte begleitet – von seinen Anfängen spätestens im 11. Jh., über die Blütejahre als Amtssprache in den mittelalterlichen Ratsstuben bis zu seiner Entfaltung als Kanzleisprache am Hofe Karls IV. In der hussitisch gewordenen Stadt ist das Deutsche dann zwar zum Verstummen gebracht worden, aber schon im 16. Jh. tummeln sich wieder deutsche Handwerker und Dienstleute unter dem Hradschin; wobei den Zuzüglern schon aus wirtschaftlichen Gründen die Sprache der tschechischen Dienst- oder Auftraggeber von Nutzen ist.

Nach der Schlacht am Weißen Berg anno 1620 werden die Karten neu gemischt – alles Tschechische wird jetzt zurückgedrängt, die neuen Adels- und Beamtengarnituren aus Wien bringen eine Auffrischung des Deutschen in die Stadt, die der Sprache bis ins 19. Jh. ihren Stempel aufdrückt. Mit der „Verneuerten Landesordnung“ von 1627, dem Herzstück gegenreformatorischer Bestrebungen, verliert das Tschechische seinen Status als einzige Amtssprache. Tschechisch ist nun die Sprache der Ketzer, und da auch Beziehungen zum protestantischen Nachbarn unerwünscht sind, wird das Wienerische zur Matrize des künftigen Prager Deutschen in Lautstand, Wortbildung, Flexion und Vokabular. Wer unter den neuen Verhältnissen vorankommen will, muß nun deutsch sprechen. Das gilt auch für den tschechischen Musiklehrer František Dušek, verehelicht mit Josepha, geborene Hampacher, der Tochter eines Prager deutschen Apothekers und dessen Gattin aus dem Salzburgischen, Gastgeber des Kapellmeisters Wolfgang Amadeus Mozart. František Dušek sprach zwar deutsch, fühlte sich aber in „besseren Kreisen“ wegen seiner mangelhaften Deutschkenntnisse unwohl, „man wisse ja, daß er ein Böhme sei“.

Ein eigenständiges Prager Deutsch im neueren Sinne bildete sich erst im 19. Jh. heraus.

Damals verwandelte der Zustrom von tschechischen Landleuten in die industriell aufstrebende Hauptstadt den bestehenden Tonfall in einen zunehmend slawisch gefärbten und jedenfalls sozial definierten Jargon. In seiner schlichten Ausprägung bildete es das „Kucheldeutsch“ einfacher Hausbediensteter in vornehmen Haushalten. Ein analoges Phänomen ist auch vom Ringstraßen-Wien bis zum Ersten Weltkrieg hin bekannt. Diese Bedientendiktion, die sich nun mit dem Hochdeutschen nach Wiener Prägung überlagerte, wies nicht nur phonetische Charakteristika des Tschechischen auf, sondern war geradezu durchsetzt mit slawischen Lehnwörtern und „böhmischer“ Syntax. Als weiteres Element wirkte auf das Schriftdeutsche an der Moldau das zu Beginn des 19. Jh. im Prager Ghetto noch gesprochene Jiddische ein, sodaß zum Kucheldeutsch noch das „Mauscheldeutsch“ kam. Diese Entwicklung gefiel nicht jedem. So berichtete etwa der deutsch-böhmische Sprachkritiker Fritz Mauthner in seiner Erinnerungsschrift Prager Jugendjahre, daß sein jüdischer Vater, wiewohl ein einfacher Mann, dieses Kuchel- und Mauscheldeutsch bei seinen Kindern nicht duldete.

Kuchel-, Mauschel- und Bassenadeutsch

Solchen ethnischen und sozialen Besonderheiten zum Trotz galt die Prager Stadtmundart um 1900 als das beste Deutsch nicht nur in der k. u. k. Monarchie, sondern im ganzen deutschen Sprachraum, ein sprachlicher Geburtshelfer für Dichter wie Rainer Maria Rilke, Franz Werfel, Gustav Meyrink oder Franz Kafka. Die Zuschreibung einer irgendwie vorbildlichen Qualität des zwar nicht jargon- aber durchaus dialektfreien Prager Hochdeutschen ist nicht unwidersprochen geblieben – der heimelige Beiklang bei „auf ein Bier gehen“ oder die Relativkonstruktion in „das ist der Herr Novak, der was gestern angekommen ist“ sei weniger moldaugedüngte Bereicherung, als schlichtes Bassenadeutsch. Nebbich! Wer mehr wissen will vom Prager Deutsch, dem sei jedenfalls Egon Erwin Kischs beispielgesättigter Aufsatz Vom Kleinseitner Deutsch und vom Prager Schmock ans Herz gelegt. Will der interessierte Leser aber den Nachhall dieses Tonfalls vernehmen, so höre er sich Kafkas Intimus Max Brod an, der sich noch anno 1968 in der kultivierten Diktion seiner Jugend an das westdeutsche Fernsehpublikum wandte. „Es steht dafür“, mecht ich Lesern auf gut Prager Deutsch sagen, und kuchelbemisch dazu: „Bleiben hibsch wohlauf!“.

Über die Autorin:

Die österreichische Historikerin Juliana Weitlaner arbeitet bevorzugt zum Thema Kultur und Geschichte der Habsburger Monarchie. Weitlaner wurde besonders für ihre vielbeachtete, in sechs Sprachen übersetzte Biographie von Kaiser Franz Joseph I. bekannt.

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